*+* Adrian J. Walker: „Am Ende aller Zeiten“ *+*

Am Ende aller Zeiten

„Edgar Hill ist Mitte dreißig, und er hat sein Leben gründlich satt. Unzufrieden mit sich und seinem Alltag in Schottland als Angestellter, Familienvater und Eigenheimbesitzer, fragt er sich vor allem eins: Hat das alles irgendwann einmal ein Ende? Er ahnt nicht, dass sich die Katastrophe bereits anbahnt.
Als das Ende kommt, kommt es von oben: Ein dramatischer Asteroidenschauer verwüstet die Britischen Inseln. Das Chaos ist gigantisch, die Katastrophe total. Ganze Städte werden ausgelöscht. Straßen, das Internet, die Zivilisation selbst gehören plötzlich der Vergangenheit an. England liegt in Schutt und Asche. Ist dies der Weltuntergang?

Edgar und seine Familie werden während der Evakuierung voneinander getrennt, und ihm bleibt nur eine Wahl: Will er Frau und Kinder jemals wiedersehen, muss er 500 Meilen weit laufen, durch ein zerstörtes Land und über die verbrannte Erde, von Edinburgh nach Cornwall. Zusammen mit einigen wenigen Gefährten begibt sich Edgar Hill auf einen Ultra-Marathon durch ein sterbendes Land. Doch sein Weg ist gefährlich: Im postapokalyptischen England kämpft jeder gegen jeden ums blanke Überleben.“

Soweit die Inhaltsangabe des Buches vom Verlag, die ich gerne anstelle einer eigenen Zusammenfassung übernehme. Denn sie bringt es auf den Punkt, informiert den potentiellen Leser genau über das, was ihn erwartet und weckt keine falschen Erwartungen und Lese-Hoffnungen.

Der „postapokalyptische Spannungsroman“ beginnt kurz vor dem schicksalhaftenTag X, an dem sich alles ändert. Zunächst wird der Hauptcharakter Edgar Hill sehr ausführlich und authentisch vorgestellt. Hand aufs Herz, sympathisch war er mir beileibe nicht. Er, der mit seiner Familie – liebe Frau und zwei gesunde Kinder -, dem kleinen aber feinen Eigenheim, einem Job, der der Familie das bescheidene Leben sichert, glücklich sein sollte für das, was er hat. Aber alles, was er fühlt, ist Desinteresse für seine Familie und Resignation seiner Situation gegenüber. Womit Ed hingegen bei mir punkten konnte, ist seine gnadenlose Ehrlichkeit – wenn er sich seine paradoxe Gefühlswelt eingesteht, wohl wissend, dass er anders empfinden sollte.

Als die Britischen Inseln von dem Asteroidenschauer heimgesucht werden, setzt ein langwieriger Prozess des Umdenkens bei Ed ein. Plötzlich erkennt er, dass ihm seine Frau und die beiden Kinder mehr bedeuten als er angenommen hatte….
Durch eine unglückliche Fügung wird er von ihnen getrennt und er hat die Wahl: Entweder belässt er die Situation so wie sie ist, müsste alleine in dem verwüsteten Land versuchen, eine neue Existenz aufzubauen – oder er macht sich auf nach Cornwall, wo er auf seine Familie zu treffen hofft, um dann in eine ebenfalls unbekannte Zukunft mit ihnen aufzubrechen.

Ich war sehr froh, dass Ed sich für den unbequemen Weg entscheidet. In seiner Brust schlägt doch ein Herz und kein harter Stein! Während seiner beschwerlichen Reise zu seiner Frau und den Kindern taut seine emotionale Eiswüste immer mehr auf. Ed wächst über sich hinaus, der Wille, ans Ziel zu gelangen, wird immer größer und das ist auch gut so.
Wird er genug Nahrung finden? Werden ihn seine geschundene Füße schnell genug zum Ziel tragen? Wird er derart über sich hinaus wachsen können, wie es für diese Mission nötig ist? Die Hoffnung wird zu seiner Droge.

Der Weg durch die gruselige Landschaft, lediglich erhellt von der verstaubten, bleichen Sonne, ist beschwerlich. Nicht nur die Verwüstungen bremsen ihn stark, die Wetterbedingungen in dem zerstörten Land sind unabsehbar und auch die Überlebenden untereinander – Ed ist nicht der einzige – machen sich das Leben sehr schwer. Man misstraut sich, jeder sucht seinen Vorteil, selbst das Sprichwort „über Leichen gehen“ bekommt hier eindrucksvoll Leben eingehaucht. Einige Szenen berührten mich sehr, andere machten mich fassungslos. Aber Hand aufs Herz: In einer solchen Situation, wenn es nur um das nackte Überleben geht, sind sich wohl viele selbst der Nächste. Sehr schade, dass man in einer solchen Ausnahmesituation wohl nicht erfolgreich für ein gemeinsames Ziel kämpfen kann.

Die Reise nach Cornwall ist zwar rein fiktiv, wird aber sehr lebendig und bildgewaltig an den Leser herangetragen, was den Roman recht real wirken lässt. Die verwendete Sprache ist – zwischen gewählt und primitiv – angepasst an die jeweilige Lage und unterstreicht so die entsprechende Stimmung unterschwellig. Die Szenen, die Situationen prasseln an einigen Stellen ebenso auf die Leserschaft herab wie kurz zuvor der Meteoritenschauer auf das Land. Zeit zum Verweilen und Reflektieren der Begebenheiten hat man nicht, was die Dringlichkeit von Eds Mission unterstreicht. Am Schluss kam ich ebenso atemlos an wie der einsame Mann – ob er sein Ziel erreicht hat? Das werde ich natürlich nicht verraten!

Das Ende war für mich sehr überraschend, denn es nahm nach allen Erwartungen, die sich während der fast hoffnungslosen Mission ergeben hatten, eine völlig überraschende Wendung. Dennoch hat es mir sehr gut gefallen, denn es passt zum Stil der restlichen Geschichte und macht sie rund. Die Hoffnung stirbt schließlich zuletzt.

Über den Autor
Adrian J Walker wurde Mitte der 70er Jahre in einem Vorort von Sydney geboren, verbrachte aber einen guten Teil seiner Jugend in England. Er studierte in Leeds, arbeitete als Informatiker und lebt heute mit seiner Frau und zwei Kindern in London.
Quelle: Fischer TOR

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*+* Katrin Tempel: „Rosmarinträume“ *+*

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Rosmarinträume
Anne, Jung-Redakteurin beim Lokalblatt, macht eine interessante Entdeckung.
Sie trifft zufällig auf ein archäologisches Team, das zwei ineinander verschlungene Skelette ausgegraben hat. Als Journalistin hat sie ein ein Gespür für gute Stories und Anne bleibt dran. Sie besucht den zuständigen Historiker, der für das Projekt verantwortlich ist und erhält viele Mutmaßungen zum früheren Leben der beiden Toten, aber auch einiges an historischem Wissen zum Fundort – der nahen Burg und der Stadt, in der sie lebt.

Aber auch über andere Wege wird sie mit dem Mittelalter und noch früheren Epochen konfrontiert.
Denn seit sie dem Fund beiwohnte, wird Anne von übelsten Albträumen geplagt, die sie immer wieder in alte Zeiten zurückkatapultieren. Ebenso geht es ihr während ihrer deshalb angetretenen Therapie. Aber anstatt die junge Frau von ihren Problemen zu befreien und Klarheit zu schaffen, verwirrt sie die Journalistin noch mehr. Chaos tritt auch an einer ganz anderen Stelle in Annes Leben, denn ein Volontär – zunächst getarnt als Wolf im Schafspelz – macht ihr mehr und mehr ihren Platz im Redaktions-System streitig….

Zum Glück lösen sich zum Schluss hin alle Unwägbarkeiten für sie in Wohlgefallen auf.
Und als Sahnehäubchen obenauf scheint sie die große Liebe gefunden zu haben. Das freute mich sehr für Anne, denn sie hat schon einige Schicksalsschläge wegstecken müssen und hätte nun ein Leben in ruhigeren Bahnen verdient. Allerdings wirken ihre Erlebnisse wie eine Art Therapie, denn die Redakteurin beginnt nun, über ihr Leben, sich selbst und ihre Ziele und Wünsche nachzudenken, die sie hat und auch anzugehen gedenkt….
Neben einer Reise zu sich selbst erlebt Anne spannende und aufregende Reisen in die Vergangenheit, wodurch dem Leser einige interessante Einblicke in frühere geschichtliche Phasen gegeben werden.

Katrin Tempel hat für ihren Roman „die historischen Fakten genau recherchiert und so korrekt wie möglich wiedergegeben.“
Das gewonnene Wissen trägt die Autorin äußerst lesenswert an den Leser heran. Einmal mehr wurde mir bewusst, wie wenig man doch oft über die Historie der eigenen Heimat weiß. Die gut erforschten Fakten wurden ganz wunderbar mit der rund um Anne erdachte Geschichte verwoben.
Das Ergebnis ist ein unterhaltsamer, kurzweiliger Roman, der Vergangenheit und Gegenwart, sowie altes und neues Wissen sehr ansprechend miteinander verbindet.

Die Charakter sind eine bunte Mischung, so richtig aus dem Leben gegriffen. Sie alle sind ausführlich und gut vorstellbar beschrieben. Die Figuren der vergangenen Epochen wirken jedoch eher geheimnisumwittert und nicht wirklich greifbar, was einen leichten mystisch-mysteriösen Mantel über die Geschichte legt.

Der Name des Romans ist ein stückweit Programm.
Denn der Rosmarin taucht immer wieder auf und bildet mit anderen erwähnten Kräutern, ihren früheren Mythen, Verwendungszwecken sowie spekulativen zukünftigen Anwendungsgebieten einen weiteren interessanten Aspekt des Lesens. Aber nicht nur Kräuterhexen und historisch interessierten Lesern kann ich diesen Roman empfehlen.

Der Schreibstil ist flüssig und den Geschehnissen kann man, obwohl sie sich in verschiedenen Epochen zutragen, gut folgen.
Dadurch, dass der Inhalt zwar etwas geschichtsträchtig, aber nicht faktenlastig ist, empfand ich „Rosmarinträume“ als idealen Roman für den Urlaub oder einen gemütlichen Abend, denn der Entspannungsfaktor ist recht groß. Auch dieser Roman aus der Feder von Katrin Tempel hat mich ebenso sehr begeistert wie der zuvor erschiene Roman „Mandeljahre“ der Autorin.

Inhalt
Der Duft von Rosmarin und eine Liebe, die ewig währt.
Seit die junge Journalistin Anne über den Fund zweier ineinander verschlungener Skelette berichtet hat, wird sie von schrecklichen Albträumen geplagt. Die Geschichte der Liebenden lässt sie nicht los, und so geht sie den wenigen Hinweisen nach, die sie finden kann. Unterstützt wird sie dabei von dem Archäologen Lukas, den der spektakuläre Fund ebenfalls fasziniert. Bald stoßen sie gemeinsam auf die tragische Geschichte zweier Liebender am Ende des 17. Jahrhunderts, die einander nie vergessen konnten und noch im Tod aneinander festhielten.

Autorin
Katrin Tempel wurde in Düsseldorf geboren und wuchs in München auf. Nach ihrem Geschichtsstudium arbeitete sie als Journalistin, heute ist sie Chefredakteurin der Zeitschrift »LandIdee«. Außerdem schreibt sie Drehbücher (unter anderem den historischen ZDF-Zweiteiler »Dr. Hope«) und Romane. Mit »Holunderliebe« und »Mandeljahre« gelangen ihr große Publikumserfolge. Unter dem Namen Emma Temple veröffentlicht sie bei Piper weitere Romane, zuletzt »Die Nebel von Connemara«. Sie lebt mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter in Bad Dürkheim an der Weinstraße.
Quelle: Piper Verlag

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*+* Felicitas Gruber: „Vogelfrei“ *+*

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Vogelfrei
Nachdem ich mich im ersten Teil der Reihe „Die kalte Sofie“ gut mit den Charakteran angefreundet hatte, freute ich mich sehr auf ein Wiederlesen in „Vogelfrei“.

Endete der erste Krimi noch mit einem Cliffhanger, was die Beziehungsproblematik der Gerichtsmedizinerin Dr. Sofie Rosenhuth angeht, blicken wir hier zu Beginn klarer. Die sympathische junge Frau scheint sich nun doch noch einmal für ihren Ex-Mann entschieden zu haben…..aber nein, was ist denn das? Verraten kann ich es natürlich nicht, aber: Das Rennen scheint für die Herren der Schöpfung noch nicht vorbei zu sein.

Auch beruflich gibt es eine kleine Änderung, denn Sofies ruppige Chefin, deren Herz aus Stein gemeißelt zu sein scheint, wird plötzlich weich wie Butter. Und schuld ist…. ein Mops, der zugegebenermaßen nicht nur die Herzen in der Gerichtsmedizin erobert hat, sondern auch meins ❤

Aber wir wollen natürlich nicht die Arbeit vergessen. Ein Strangulierter macht den Auftakt einer bizarren Todesserie. Glücklicherweise hat Sofie manchmal dieses gewisse Jucken in der Nase, auf das sie sich zumindest im beruflichen Bereich immer wieder verlassen kann. Sie glaubt nicht an Selbstmord und tut gut daran, zu beweisen, dass sie Recht hat. Schließlich fordern ihr und ihrer „mopsfrohen“ Chefin noch weitere Mordfälle sehr viel ab, ehe das gesamte Verbrechen in seinen ganzen Zusammenhängen plausibel und schlüssig erfasst ist.

„Vogelfrei“ ist ein bisschen „Kriminal“ und viel „Roman“. Aus der dargebotenen Rezeptur aus charmanten Charakteren, um die sich weitere kleinere bis größere Geschichten ranken, einem tollen Lokalkolorit, dem einwandfrei genial an den Leser herangetragenen Dialekt, dem gut ausgeklügelten Fall und auch der immer wieder aufblitzenden bayrischen Romantik, und nicht zu vergessen meinem zauberhaften heimlichen Hauptdarsteller Mops Murmel ergibt sich ein wunderbar unterhaltsames Lesevergnügen par excellence.

Der Kriminalroman ist ebenso wie sein Vorgänger ein Garant für unbeschwerte Lesestunden, in den man die Seele baumeln lassen kann und gute Unterhaltung geboten bekommt.

Inhalt
Manchmal muss man dem Herrgott eben a bissl ins Handwerk pfuschen …
Der Herbst hält Einzug in München und bringt mit kräftigen Böen gleich drei Leichen auf Dr. Sofie Rosenhuths Seziertisch: einen Selbstmörder, eine Frau mit Glasfeile im Brustkorb und einen Priester, der vom Kirchturm in den Tod gestürzt ist. Die Rechtsmedizinerin glaubt, eine Verbindung zwischen den Fällen zu erkennen, doch ihr Ex, Hauptkommissar Joe, schaltet zunächst auf stur. Und da Joe sein Madl immer noch liebt, aber leider nur selten auf Sofie hört, muss sie Kopf und Kragen riskieren, damit bei der Polizei was vorwärtsgeht …
„So düster die Fälle in ‚Vogelfrei‘ klingen mögen, die erzählte Geschichte ist es nicht. Der Krimi hat viele amüsante Wendungen.“ Münchner Merkur (28.10.2014)

Autorin
Felicitas Gruber ist das Pseudonym der Autorinnen Brigitte Riebe und Gesine Hirsch. Brigitte Riebe ist promovierte Historikerin und begeistert seit vielen Jahren mit ihren historischen Romanen ihre zahlreichen Leserinnen und Leser. Gesine Hirsch ist Kunsthistorikerin und entwickelte die erfolgreiche Serie »Dahoam is Dahoam« für das Bayerische Fernsehen mit. Beide Autorinnen leben in München, wo auch ihre Krimireihe mit der sympathischen Rechtsmedizinerin Dr. Sofie Rosenhuth spielt. Bisher erschienen »Die Kalte Sofie«, »Vogelfrei« und »Blaues Blut«.
Quelle: Randomhouse Verlag

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*+* Sandra Grimm: „Die Knallerbsenbande“ *+*

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Die Knallerbsenbande
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Es sind Ferien. Und die nutzen Semmel, Matti, Jolle und Muckel weidlich, um dem Namen ihrer Bande gerecht zu werden. Sie trainieren ihre Knallerbsenkünste, wann immer es geht. Aber weil man die benötigten Erbsen nicht auf der Straße findet und die Jungs auch nicht immer ihr Taschengeld dafür hergeben wollen, suchen sie sich auch andere spannende Sachen, um die Zeit herumzukriegen. Weiterlesen

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*+* David Mitchell: „Die Knochenuhren“ *+*

Die Knochenuhren
In diesem Roman begleiten wir Holly Sykes über einen Großteil ihres Lebens.
Der Autor beginnt 1984 mit dem ersten Liebeskummer des rebellischen Mädchens. Ihr Freund meint es offenbar nicht so ernst wie sie selbst, Hollys Familie reagiert nicht so fürsorglich wie von der Teenagerin erhofft. So beschließt sie, alle Brücken abzubrechen und sich in ihr ureigenes Leben zu stürzen, ohne Bevormundung, ohne Reingerede….und stellt fest, wie schwer das ist. In einer äußerst mutlosen Situation trifft sie auf eine alte Frau, der Holly im Austausch gegen etwas – nennen wir es Lebenssaft – ihre Seele verkauft. Denn Holly nimmt die Alte nicht ernst und begreift gar nicht, auf welchen Handel sie sich da einlässt. Der Leser übrigens auch nicht.
Mitchell beschreibt in seinem Buch eigentlich zwei – sagen wir mal – Parallelwelten, die sich in mancherlei Kreaturen kreuzen. Dabei beschränkt er sich über sehr lange Zeit auf vage Andeutungen, kurze surreale Szenen, um anschließend wieder vollends in die Realität abzudriften.

Er berichtet zwar chronologisch, aber nicht gleichmäßig dem Zeitverlauf entsprechend, sondern macht immer wieder Sprünge bis hinein in das Jahr 2043. Dabei bildet Holly Sykes, die mal mehr, mal weniger relevant für die Ereignisse ist, den roten Faden.
Der Leser lernt viele weitere Charaktere kennen, die zum Schluss hin eine Rolle spielen, wenn des Autors Schreibfeder endlich die uralten Machenschaften, Kämpfe und Machtgefüge in der lange Zeit nur angedeuteten Parallelwelt einfängt und dem Leser die Auflösung für seine sehr komplexe Geschichte wie einen roten Teppich ausrollt.

In „Die Knochenuhren“ bemüht Mitchell viele Charaktere, denen er sich sehr ausschweifend widmet. Sie erscheinen zunächst ebenso wie ihr Beziehungsgeflecht untereinander jedoch eher oberflächlich und man mag sich fragen, warum genau diese Handlungen und Begebenheiten so dermaßen ausführlich und in die Länge gezogen beschrieben werden. Denn wirklich passieren tut nur sehr wenig und die Geschichte wirkt ziemlich verworren und – mit Verlaub – ohne viel Sinn und Botschaft. Bis der Autor endlich den Sprung in die Parallelwelt schafft, weiß man nicht unbedingt, worauf der Roman hinauslaufen soll. Dadurch las sich das Buch für mich zunächst sehr zäh. Zum Schluss hin fallen dann aber endlich alle Puzzleteile auf ihren Platz.

War der Großteil des Buches, der überwiegend in der Realität spielt, recht unaufregend und brachte mich und meine Lesegeduld an ihre Grenzen, ist der Part in der geheimen Welt sehr interessant, kurzweilig und temporeich gelungen. Der Showdown brachte bei mir tatsächlich noch Spannung herbei, konnte aber schlussendlich nicht das bisherige kaum fesselnde Lesefeeling ausgleichen.

„Die Knochenuhren“ ist eine überwiegend im gemütlichen Tempo erzählte ausschweifende Geschichte mit eingestreuten mystischen, kryptischen, phantastischen und zum Schluss auch spannenden Elementen.
Ebenso vielfältig ist der Stil des Autors. Je nachdem, ob wir uns in der Parallelwelt oder der Realität aufhalten, und dort auch abhängig vom Personenkreis, in dem wir uns gerade bewegen, variiert die Erzählweise Mitchells.
Bis auf Holly waren die Protagonisten kaum greifbar für mich. Selbst in sie konnte ich mich kaum einfühlen. Vielleicht lag es an ihrem sperrigen Charakter, oder auch bei den anderen Figuren an ihren eher unsymathisch anmutenden Eigenschaften – ich weiß es nicht.

Leider konnte ich im Roman nicht die „moralische Betrachtung und Chronik unseres selbstzerstörerischen Handelns“ erkennen. Vielleicht fehlt mir aber auch nur „jene Intelligenz, die David Mitchell zu einem der herausragenden Autoren seiner Generation gemacht hat.“ (s.u. in der Inhaltsangabe des Verlags.)

Auch dieser Titel David Mitchells ist sicherlich ein opulentes Werk, aber man muss sich auf Inhalt und Stil einlassen können, um daran Gefallen zu finden. Auf mich hatte es leider nicht diese hypnotische Wirkung wie beispielsweise „Der Wolkenatlas“.
Aber die Lesegeschmäcker sind halt verschieden!

Inhalt
An einem verschlafenen Sommertag des Jahres 1984 begegnet die junge Holly Sykes einer alten Frau, die ihr im Tausch für „Asyl“ einen kleinen Gefallen tut. Jahrzehnte werden vergehen, bis Holly Sykes genau versteht, welche Bedeutung die alte Frau dadurch für ihre Existenz bekommen hat.

Die Knochenuhren folgt den Wendungen von Holly Sykes‘ Leben von einer tristen Kindheit am Unterlauf der Themse bis zum hohen Alter an Irlands Atlantikküste, in einer Zeit, da Europa das Öl ausgeht. Ein Leben, das gar nicht so ungewöhnlich ist und doch punktiert durch seltsame Vorahnungen, Besuche von Leuten, die sich aus dem Nichts materialisieren, Zeitlöcher und andere kurze Aussetzer der Gesetze der Wirklichkeit. Denn Holly – Tochter, Schwester, Mutter, Hüterin – ist zugleich die unwissende Protagonistin einer mörderischen Fehde, die sich in den Schatten und dunklen Winkeln unserer Welt abspielt – ja, sie wird sich vielleicht sogar als deren entscheidende Waffe erweisen.

Metaphysischer Thriller, moralische Betrachtung und Chronik unseres selbstzerstörerischen Handelns – dieser kaleidoskopische Roman mit seiner Vielfalt von Themen, Schauplätzen und Zeiten birst vor Erfindungsreichtum und jener Intelligenz, die David Mitchell zu einem der herausragenden Autoren seiner Generation gemacht hat.
Aus dem Englischen wurde der Roman von Volker Oldenburg übersetzt.

Autor
David Mitchell, geboren 1969 in Southport, Lancaster, studierte Literatur an der University of Kent, lebte danach in Sizilien und Japan. Er gehört zu jenen polyglotten britischen Autoren, deren Thema nichts weniger als die ganze Welt ist. Für sein Werk wurde er u.a. mit dem John-Llewellyn-Rhys-Preis ausgezeichnet, zweimal stand er auf der Booker-Shortlist. Sein Weltbestseller Wolkenatlas wurde von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern verfilmt. David Mitchell lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Clonakilty, Irland.

Quelle: Rowohlt Verlag

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*+* Reinhard Kleist: „Der Traum von Olympia“ *+*

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Der Traum von Olympia
Ich bin zurück von meiner Reise. Ausgemergelt, mit den Nerven am Ende, verzweifelt. Aber ich bin angekommen – nicht jeder, der diese Reise tut, hat das Glück, lebend sein Ziel zu erreichen. Ich habe Samia ein Stück begleitet.

Samia ist etwas ganz besonderes, denn sie war bei 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking für ihr Land Somalia an den Start gegangen, durfte sogar beim Einmarsch in das Stadion die Landesflagge halten. Damals war sie durch eine Wildcard zum Teilnehmerfeld gestoßen und hatte beim 200m-Lauf nicht den Hauch einer Chance gegen die hochkarätige qualifizierte Konkurrenz. Dennoch war ihre Familie, war das Land stolz auf sie und Samia setzte sich ein hohes Ziel: Auch 2012 in London wollte sie dabei sein – aber dieses Mal nicht, um wieder hinterherzulaufen. Sie träumte davon, als Siegerin und Profisportlerin genug zu verdienen, um ihre vom Schicksal geschlagene Familie zu unterstützen.

Das Land ist arm, man lebt häufig von der Hand in den Mund, die Menschen müssen zusammenhalten, um zu überleben. Samias einziger Lichtblick ist ihr Traum von der Teilnahme an den nächsten Olympischen Spielen. Ich wünschte ihr von Herzen, dass er sich erfüllen würde!

Samia trainierte in jeder freien Minute. Aber nicht nur die äußeren Bedingungen dafür waren schlecht. Neben ungeeigneter Laufkleidung, unwirtlichen Trainingsstrecken, mangelhafter Ernährung machten ihr auch die politisch komplizierte und sehr angespannte Lage das Leben schwer. Zu leiden hatte die Bevölkerung, deren Rechte von den islamistischen Extremisten immer mehr beschnitten werden.
Schon in diesem Bereich des Buches musste ich schwer schlucken. So vieles, was uns selbstverständlich und als die natürlichsten „Sachen der Welt“ erscheinen, ist in Samias Welt purer Luxus, wenn nicht gar unerreichbar.
So bleibt ihr als einzige Möglichkeit, um ihren großen Wunsch erfüllen zu können, Somalia zu verlassen.

Eine schreckliche Odyssee beginnt. Schweren Herzens tritt sie die Reise an….die Reise ins Ungewisse. Ich war dabei – zwar nur in Form dieser Graphic Novel, aber die hat es in sich. Gehalten sind die Zeichungen in schwarz-weiß, was der Thematik sehr gerecht wird. Zudem unterstricht das Fehlen der Farben die Tristheit und Ausweglosigkeit nicht nur Samias Leben in der Heimat, sondern auch das große Risike, diese wahnsinnige Ungewissheit ihrer Reise, die immer mehr zur Zitterpartie um Samias Leben und das der anderen hoffnungslosen Mitreisenden wird. Wobei „Reisender“ keine angemessene Wortwahl ist, denn die Bedingungen, um die Menschen zu transportieren, sind mehr als menschenunwürdig. Mir brach es fast das Herz, als ich miterlebte, welch geringen Wert ein Leben offenbar viel zu oft hat.
Kein geschriebener Roman hätte die Verzweiflung der Menschen, die sich an jeden noch so kleinen Strohhalm greifen, besser transportieren können, als die ausdrucksvollen Zeichnungen dieses Buches….

„Der Traum von Olympia“ ist schnell gelesen, hat aber einen sehr langen Nachhall. Unsere Lebensbedingungen sind Luxus. Zuverlässig fließendes Wasser, Strom, ein dichtes Dach über dem Kopf, intakte Kleidung, jederzeit genug zu essen, Frieden und meistens auch die Freiheit, das tun zu können, was man möchte, ist keineswegs selbstverständlich. Leider vergessen wir das viel zu oft. Und leider sind wir so sehr abgestumpft, dass Schreckensmeldungen über solch unmenschlichen Bedingungen eher ein Schulterzucken als Entsetzen hervorrufen.

Kein Roman, kein Schicksalsbericht könnte die Botschaft des Buches näher an den Leser herantragen als diese Form der Umsetzung.
Die großartigen Zeichnungen wirken weniger auf Verstandes- als mehr auf Gefühlsebene.
Die Schilderungen im Dorf – die Warmherzigkeit und Liebe innerhalb der Familie einerseits, der Hass und die Machtgier der Aufständischen andererseits -, die Gefühle stehen den Menschen ins Gesicht geschrieben, und alles das macht diese Graphic Novel sichtbar. Wenn dir Empathie kein Fremdwort ist, dann fühlst du mit Samia und den anderen Betroffenen.

Selten fühlte ich mich beim Lesen ohnmächtiger.

Inhalt
Dass Reinhard Kleist in der Lage ist, schwierigste historische Themen in einer Graphic Novel umzusetzen, hat er mit „Der Boxer“ bewiesen. Jetzt nimmt er ein aktuelles Thema anhand einer wahren Geschichte auf: Die Sprinterin Samia Yusuf Omar vertrat Somalia bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking. In ihrer Heimat wurde sie jedoch von islamistischen Extremisten bedroht, die ablehnen, dass Frauen Sport treiben. In der Hoffnung, an der Olympiade in London teilnehmen zu können, versuchte sie die Flucht nach Europa. Samia Yusuf Omar ertrank 2012 im Alter von 21 Jahren vor der Küste Maltas im Mittelmeer.

Autor
Geboren wurde Reinhard Kleist 1970 in der Nähe von Köln. Er studierte Grafik und Design in Münster und zog 1996 nach Berlin, wo er seitdem lebt und sich heute mit den Comic-Zeichnern Fil, Mawil, Andreas Michalke und Naomi Fearn ein Atelier teilt.
Er veröffentlichte zahlreiche Comics, unter anderem bei den Verlagen Ehapa, Landpresse, Reprodukt und Edition 52 und Carlsen. Neben seinen Comicarbeiten schuf Reinhard Kleist Illustrationen für Bücher von H.C. Artmann und J.G. Ballard und für Plattencover von Terrorgruppe und Bear Family Records. Darüber hinaus verschönerte er diverse Hausfassaden in Berlin und war als Artdirector für Trickfilme tätig.
Reinhard Kleist erhielt für seine Comics bereits mehrere Preise, darunter 1996 den Max-und-Moritz-Preis und 2007 den PENG-Preis sowie den Sondermann-Preis für „Cash – I see a darkness“
Sein Band „Cash – I see darkness“ wurde auf dem Internationalen Comic-Salon in Erlangen 2008 mit den Max-und-Moritz-Preis als Bester deutschsprachiger Comic ausgezeichnet.
Quelle: amazon

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*+* Gisa Pauly: „GEGENWIND“ (Hörbuch) *+*

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HÖRBUCH Gegenwind
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Juchu, endlich ein neuer Fall für Mamma Carlotta! Wie wir alle wissen, zieht sie die Verbrechen regelrecht an und beschert ihrem Schwiegersohn Erik immer wieder Arbeit bis zum Abwinken. So auch in „Gegenwind“, dem zehnten Band rund um die kochwütige Italienerin…. Weiterlesen

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