*+* Elena Ferrante: „Die Geschichte eines neuen Namens“ (Hörbuch) *+*

Zum Ende des Auftaktbandes der neapolitansichen Saga „Meine geniale Freundin“ heiratet Lila den vermögenden Stefano.
Aus Lila Cerrullo wird Lila Carracci – und es ändert sich für sie mehr als nur der Name. Während sich die blutjunge Frau in die Grausamkeiten der Ehe fügt und das Beste aus ihrer Situation zu machen versucht, füllt sie eine immer größere Leere aus. Sie wird zwar vielen der Erwartungen gerecht, die in sie gesetzt werden, aber nicht der hauptsächlichen.

Dieser Makel klebt an ihr, bis sie sich aus einer vorübergehenden Laune heraus in eine schwierige Lage bringt, die auf lange Sicht den Abstieg von ihrem Podest bedeutet. Im Rione, der Gegend, in der Lila – so wie auch Elena – aufgewachsen ist, spielt sie zu Beginn ihrer Ehe die Grande Dame, und man lässt sie das nur zu gerne tun, denn Lila ist die Schönste und Begehrenswerteste von allen, jedermann stolz und glücklich darüber, sie zu kennen. Aber Glück und Glas, wie leicht bricht das! Und ob sie wirklich glücklich ist? Ist es Glück, wenn man zwar reich an Materiellem ist, aber arm an Liebe und Respekt, der einem auch in den eigenen vier Wänden gezollt werden sollte? Reicht es zum Glücklichsein, sich etwas vorzumachen, den äußeren Schein zu wahren, und der Oberflächlichkeit zu huldigen? Lila merkt irgendwann, dass dem nicht so ist. So gibt sie ihrem Leben eine gravierende Wende und zieht alle Konsequenzen, die dies mit sich bringt – und zwar in ihrer ureigenen Manier.

Elena geht einen anderen Weg. Sie war schon immer eher nach innen gekehrt, ruhiger, zielstrebiger und bodenständiger als Lila.
Auch hier wählt sie den Weg der Vernunft und der Überzeugung, nicht den der spontanen Entscheidungen und des emotionalen Überschwangs. Elena beißt sich durch ihre Ausbildung, sie macht zwar auch diverse Bekanntschaften, handelt aber ebenfalls in der Liebe im Gegensatz zu Lila eher kopfgesteuert. Sie verliert ihr großes Ziel nicht aus den Augen. Dass ihr dabei letztendlich ein beachtlicher Zusatzerfolg zufällt, hat mich sehr für sie gefreut. Noch positiver empfand ich es, als Lila in ihrem glücklichsten Moment an die einstige Freundin gedacht und wieder mit ihr zusammengefunden hat. Denn ihr ist plötzlich klar geworden, dass sie ohne die intensive Bindung zu Lila, die – das spürt sie jetzt ganz deutlich nie ganz gerissen ist – diesen Erfolg niemals hätte verzeichnen können. Dass die beiden jungen Frauen sich in ihrer Freundschaft noch einmal so annähern würden, hätte ich weder zu Beginn des Romans noch an vielen Stellen zwischendurch nicht zu hoffen gewgt.

Spielte „Meine geniale Freundin“ zur Kindheit und frühen Jugend Elenas und Lilas, wird die Geschichte nun mit dem Älterwerden der beiden ebenfalls erwachsener.
Die Themen bewegen sich zunehmend über den Rione mit seinen eigenen Gesetzen und Familienhierarchien hinaus, sie wagen denselben Blick über den Tellerrand hinaus wie Elena es wagt, in die weitere Welt hinauszugehen und sie mit langsamen Schritten zu erobern. In die poetische, leidenschaftliche epische Erzählung lässt Elena Ferrante sehr wohldosiert und gut auf die Geschehnisse abgestimmt das damalige Weltgeschehen einfließen. Das gefiel mir sehr gut, denn so bekommt diese Saga ein gutes Stück Bodenhaftung impliziert, sie schwebt nicht frei im Raum, sie lässt sich besser greifen und an bekanntem Wissen einhaken.

Der Zauber des Rione hat mich durch Eva Mattes wundervoll einfühlsame Sprechweise, ihre Interpretation der Figuren, ihrer Gefühle, aber auch der verschiedenen durch den Roman ziehenden Stimmungen sofort wieder erreicht. Ich war ganz schnell erneut ganz tief drin in dieser speziellen Welt mit ihren eigenen Gesetzen und verfolgte gebannt und sehr interessiert das Geschehen, die Verstrickungen, die Beziehungsgeflechte der dortigen Menschen und nicht zuletzt die Freundschaft der beiden ungleichen Frauen.

Obwohl es auch in diesem zweiten Teil der Saga im Großen und Ganzen darum geht, die äußerst verschiedenen Entwicklungen zweier Frauen mit ihren Höhe- und Tiefpunkten abzubilden – was auf den ersten Blick nicht wahnsinnig interessant klingen mag – brilliert die Autorin auch hier wieder mit facettenreichen Schilderungen und häufig überraschender Tiefe. Mit vielen kleinen Details, die das Leben ausmachen, würzt sie auch diesen Roman. Dadurch und auch durch die verwendete Ich-Form in der Erzählung gerät diese recht lebendig. Die plakativen, intensiven, ausführlichen und emotional bindenden Schilderungen sorgen für durchgängige Kurzweil und ach wurde erneut bestens von Elena Ferrante unterhalten.

Nun bin ich voller Vorfreude auf den nächsten Band des Vierteilers und sehr gespannt auf Lilas und Elenas weitere Entwicklung – jede für sich und auch gemeinsam. Auf das nächste Stück des Lebensweges, auf die Steine, die den Frauen ganz sicher in diesen gelegt werden und auch darauf, wie sie ihre Probleme meistern werden.

Weitere Rezensionen findet ihr bei
Mara von „Buzzaldrins
Mia von „Paper and Poetry
Silvia von „Lecker Kekse

Inhalt
Mit 16 haben Lila und Elena, Freundinnen seit Kindertagen, ihr armseliges neapoletanisches Stadtviertel mit seinen einengenden Konventionen gründlich satt. Lila versucht, durch eine vorteilhafte Ehe ihre Chancen zu verbessern, fühlt sich aber schon bald eingesperrt und verbittert. Elena hingegen lässt den Ort ihrer Kindheit hinter sich und geht zum Studium nach Pisa. Die 1970er Jahre bringen Veränderungen für beide: die Erfahrung der Mutterschaft, Auseinandersetzungen im Berufsleben und nicht zuletzt große gesellschaftliche Umwälzungen. Indem ihre Wege sich trennen, werden nicht nur die beiden Mädchen, sondern wird auch ihre Freundschaft zueinander erwachsen.

Autorin
Elena Ferrante ist das Pseudonym einer in Neapel geborenen Schriftstellerin. Sie hat sich mit dem Erscheinen ihres Debütromans Lästige Liebe 1992 für die Anonymität entschieden. Später veröffentlichte sie Tage des Verlassenwerdens und Die Frau im Dunkeln. Ihre Neapolitanische Saga umfasst Meine geniale Freundin, Die Geschichte eines neuen Namens, Die Geschichte der getrennten Wege sowie Die Geschichte des verlorenen Kindes. Für den vierten und letzten Band der Reihe stand sie auf der Shortlist für den Man Booker International Prize.

Sprecherin
Eva Mattes, 1954 in Tegernsee geboren, hatte schon mit zwölf Jahren erste Auftritte im Film und am Theater. Große Filmrollen erhielt sie 1970 in Michael Verhoevens Anti-Vietnamfilm „o.k.“ und 1971 in Reinhard Hauffs „Mathias Kneissl“. Für beide Filme wurde sie mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet, machte damit Rainer Werner Fassbinder auf sich aufmerksam und erspielte sich unter seiner Regie ihren Ruf als eine der profiliertesten Darstellerinnen des jungen deutschen Films. Aber sie blieb dem Theater treu. 1981 etwa glänzte sie in Zadeks Shakespeare-Inszenierung „Der Widerspenstigen Zähmung“.
1994 wurde Mattes fünftes Direktoriumsmitglied am Berliner Ensemble, neben Peter Zadek, Heiner Müller, Fritz Marquardt und Peter Palitzsch. Nach dem Weggang Zadeks 1995 legte sie ihren Direktionsposten am BE nieder, blieb aber als Schauspielerin im Ensemble. In Helma Sanders-Brahms‘ moderner Hörspielfassung von „Tausendundeine Nacht“ spricht sie die Schah-Razade. Zuletzt las sie für den Hörverlag „Das Siegel der Tage“ (2008) von Isabel Allende. Eva Mattes ermittelte jahrelang als Kommissarin Klara Blum für den Konstanzer „Tatort“.
Quelle: Der Hörverlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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7 Antworten zu *+* Elena Ferrante: „Die Geschichte eines neuen Namens“ (Hörbuch) *+*

  1. Silvia schreibt:

    Liebe Heike,
    lange dauert es nicht mehr zum nächsten Teil. Ich freue mich schon darauf und werde wieder das Hörbuch wählen.
    Vielen Dank auch für die Erwähnung meiner Besprechung.
    Viele Grüße
    Silvia

    • irveliest schreibt:

      Liebe Silvia,
      gern geschehen 🙂
      Ich bin auch froh, dass Teil 3 nun nicht mehr sooo lange auf sich warten lässt…
      Ich ziehe auch wieder die Hörbuch-Version vor.
      Liebe Grüße, Heike

  2. monerl schreibt:

    Liebe Heike,
    wieder begeisterte Worte auch zu diesem zweiten Teil! Ich freue mich sehr, dass wir wieder einer Meinung sind! Nun müssen wir nicht mehr lange warten, August ist Gott sei Dank ganz bald! Im April sah er unerreichbar aus und jetzt sind schon wieder drei Monate vergangen… In voller Vorfreude auf das nächste Ferrante-Hörbuch schicke ich dir ganz liebe Grüße! 🙂
    Monerl

  3. tinaherrlich schreibt:

    Das Buch wartet auch schon auf mich. 🙂 Wahrscheinlich werde ich es mit in unseren Sommerurlaub (nächste Woche) nehmen.
    PS: Ich wünsche euch einen guten Ferienstart und ganz tolle – und vor allem erholsame – Sommerferien! 🙂

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