*+* Christine Wunnicke: „Die Dame mit der bemalten Hand“ *+*

Durch einige Zufälle – oder möglicherweise waren es Fügungen des Schicksals – treffen zwei höchst unterschiedliche Männer in einer seltsamen Höhle aufeinander. Eigentlich wollte Carsten Niebuhr aus dem Bremischen doch in Arabien sein und auch Meister Musa, begnadeter Erbauer von Astrolabien hatte nicht diese indische Insel Elephanta als Ziel, denn dieses lautete eigentlich Mekka. Aber wo man sich schon  an diesem fast surreal anmutenden Ort befindet, kann man sein Schicksal doch besser miteinander teilen als einzeln und einsam seinen Gedanken nachzuhängen und auf Befreiung zu warten.

So erzählt Musa von seiner Kunst, auch Niebuhr von seiner Berufung – letzterer immer wieder geplagt und verwirrt von Fieberträumen. So hinterfragte ich unbewusst gelegentlich den Wahrheitsgehalt des Berichteten, unsicher, ob es nun der Realität entsprach oder vielmehr geboren wurde aus dem Krankheitswahn. Wie auch immer, die Autorin beschreibt einige Dialoge der beiden Männer, die durchsetzt sind von kleinen, teils amüsanten Missverständnissen. Denn die Verständigung von Niebuhr und Musa ist ob deren unterschiedlicher Herkünfte alles andere als leicht, in holperigem Arabisch nimmt man die Konservation auf.

Während der Lektüre war ich hin und her gerissen, wie mir das Buch gefällt. Denn die sich je nach Szenario ergebenden Stimmungen haben mir zwar fast durchweg zugesagt. Jedoch fehlte mir etwas, um mich ganz auf das Erzählte einzulassen, in der Geschichte zu versinken und Nähe zu den Figuren aufzubauen. Ich hatte das Gefühl, nicht von einer großen Handlung zu lesen. Ich habe es eher wie einzelne Episoden empfunden, die sich wie Blätterbüschel aus einem sehr dicken Buch gelöst haben. Diese habe ich zu lesen bekommen, den großen Rest der thematisch und auf die Protagonisten bezogenen weitreichenden Geschichte werde ich dadurch jedoch leider nie erfahren. So weiß ich zwar, dass mit der Dame des Buchtitels ein Teil des Sternenhimmels gemeint ist, aber im Roman wird auch eine weitere Dame mit bemalter Hand erwähnt. Über sie und so viele andere Protagonisten, Themen und Hintergründe hätte ich liebend gerne mehr gelesen.

So sticht dieses Buch für mich – obwohl es stellenweise ein Traum an sprachlicher Fabulierkunst ist und gelegentlich eine Atmosphäre der Geschichten aus 1001 Nacht hervorrief – letztendlich nicht aus der breiten Masse heraus. Bei Literaturkritikern kommt der Roman jedoch deutlich besser weg, denn er stand auf der 2020er Shortlist des Deutschen Buchpreises.

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Inhalt
Bombay, 1764. Indien stand nicht auf dem Reiseplan und Elephanta, diese struppige Insel voller ­Schlangen und Ziegen und Höhlen mit den seltsamen Figuren an den Wänden, schon gar nicht. Doch als Forschungs­reisenden in Sachen »biblischer Klarheit« zieht es einen eben an die merkwürdigsten Orte. Carsten Niebuhr aus dem Bremischen ist hier gestrandet, obwohl er doch in Arabien sein sollte. Ebenso Meis­ter Musa, persischer Astrolabienbauer aus Jaipur, obwohl er doch in Mekka sein wollte. Man spricht leidlich Arabisch miteinander, genug, um die paar Tage bis zu ihrer Rettung gemeinsam herumzubringen. Um sich öst-westlich misszuverstehen und freundlich über Sternbilder zu streiten (denn wo der eine eine Frau erkennt, sieht der andere lediglich deren bemalte Hand). Es könnte übrigens alles auch ein Fiebertraum gewesen sein. Doch das steht in den Sternen.

Autorin
Christine Wunnicke wurde geboren 1966, lebt in München. Sie schreibt Hörspiele, biografische Literatur und Romane. 2002 erhielt sie für ihre Biografie des Kas­tratensängers Filippo Balatri, »Die Nachtigall des Zaren«, den Bayerischen Staatsförderungspreis für Literatur. Für den Roman »Serenity« bekam sie 2008 den Tukan-Preis. Bei Berenberg erschienen u. a. ihre Romane »Der Fuchs und Dr. Shimamura« (2015) und »Katie« (2017), die beide für den Deutschen Buchpreis nominiert waren (Longlist), sowie, im Taschenbuch, die Novelle ­»Nagasaki, ca. 1642« (2020). Zuletzt wurde sie mit dem Münchner Literaturpreis für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet (2020). Ihr neuer Roman »Die Dame mit der bemalten Hand« (Herbst 2020) wurde mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis gewürdigt und stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.
Quelle: Berenberg Verlag

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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