*+* Maja Lunde: „Die Geschichte der Bienen“ *+*

Im Zuge des steigenden Umweltbewusstseins wird zunehmend klar, welche Bedeutung die Bienen für unser Leben haben.
Dementsprechend wird dieses Insekt inzwischen in der Literatur immer beliebter berücksichtigt. Auch in Maja Lundes Roman sind die fleißigen kleinen Honigproduzenten der Dreh- und Angelpunkt. Die Autorin legt in ihrer dreisträngigen Geschichte dar, dass diese putzigen Insekten viel mehr tun als unseren süßen Brotauftrich zu erzeugen. Ohne Bienen und ihre hervorragende Bestäubung sämtlicher Nutzpflanzen sähe es um unsere Nahrungsversorgung zappenduster aus.

Um „Die Geschichte der Bienen“ zu erzählen, wählt Maja Lunde drei Familien aus.
William nebst Frau und seinen vielen Kindern verkörpert die Vergangenheit. Sie leben in der Mitte des 19. Jahrhunderts in England. Der Mann ist begeisterter Insektenforscher, mit der steigenden Anzahl seiner Kinder kann er dieser Leidenschaft jedoch immer weniger fröhnen. Inspiriert von seinem einzigen Sohn wird sein Interesse für die Bienenforschung wieder neu entfacht. William erleidet während seiner kreativen Schaffenszeit jedoch immer wieder Rückschläge. Auch privat wird er enttäuscht – ausgerechnet von seinem Sohn. Jedoch entspringt daraus ein neuer Keim in Bezug auf die Geschichte der Bienen.
Der Amerikaner George und seine Familie repräsentieren die Gegenwart. Der Mann ist Imker aus Leidenschaft und betrübt darüber, dass sein Sohn seinen Betrieb später nicht übernehmen will. Ich konnte es ihm nicht verdenken, denn so wie die Imkerei inzwischen oft betrieben wird, hat es mit der ursprünglichen Nutzbarmachung der Insekten wenig zu tun. Die Autorin reißt diesen „falschen Weg“ leider nur kurz an, geht nicht wirklich auf die Gründe und vor allem nicht besonders erklärend auf die langfristigen Folgen für die Bienen und ihren Fortbestand ein. Das Imkern wird für George immer unberechenbarer. Der Sohn bleibt zudem zu des Vaters Betrübnis bei seinem Berufswunsch, trägt aber die Liebe zu den Bienen im Herzen, wie man später in der dritten Geschichte erfahren wird.
Diese spielt sich in der Zukunft ab. Tao und ihre Familie leben in China. Sie können fast froh sein, in einem System groß geworden zu sein, in dem Leistung und Unterdrückung das Volk beherrschen. Denn nur so sind sie und alle anderen – außer einer erschreckend geringen Elite – dazu in der Lage, die Verdammnis der Führung zu ertragen und ihr Leistung tragen zu können. Denn es gibt keine Bienen mehr und um nicht zu verhungern, muss das Volk selbst die Bestäubungsarbeit der Insekten übernehmen und das ist ein Knochenjob!

Die einzelnem Familiengeschichten gefielen mit prinzipiell gut. Neben dem Verhältnis zur Natur, respektive zu den Bienen lässt die Autorin einen Gutteil der familiären und teils auch der entsprechenden gesellschaftlichen Strukturen in den Roman einfließen, wodurch unvermeidlich einige Klischees bedient wurden. Der Zukunftsstrang ist natürlich rein spekulativ. Aus Taos Geschichte zaubert die Autorin eine interessante, facettenreiche, sorgenvolle Dystopie, deren Ende mich jedoch sehr unbefriedigt zurückließ. Um nicht zu viel zu verraten, möchte ich nicht ins Detail gehen. Jedoch sind sowohl der Auslöser für die grauenvolle Wende der Zukunftsgeschichte sehr unglaubwürdig gewählt – da hätten einige erklärende Worte für ein viel besseres Verständnis sorgen können. Ebenfalls etwas befremdlich wurde zum Schluss plötzlich eine sehr phantastische Überraschung auf dem Silbertablett serviert, deren Intention zwar wirklich wunderbar ist, deren Realisierbarkeit jedoch völlig aus der Luft gegriffen ist. Denn auch hier setzt die Autorin ihre Leser vor vollendete Tatsachen, ohne auch nur den Hauch einer logischen Erklärung anzubieten. Dadurch leidet für mich dieser Zukunftsstrang sehr. Ebenfalls wird dadurch die Brisanz um die Gefahr des Bestands der Bienen sehr relativiert und ein wenig kleingeredet.

Der Schreibstil gefiel mir sehr gut. Abwechselnd wird aus den drei verschiedenen Epochen berichtet, was gemeinsam mit der geringen Kapitellänge eine gewisse Kurzweil in den Roman trägt. Die Geschehnisse werden überwiegend unaufgeregt erzählt, jedoch steigern sich Tempo und Spannungsgrad im dystopischen Zukunftsteil zwischendurch sehr.
Je nachdem, von welcher Zeit Maja Lunde erzählt, sie passt ihre Sprache an und setzt auch das Leben der Familien in den jeweiligen gesellschaftlichen Gegebenheiten gut um, wobei auch Taos zukünftiges Leben nach dem heutigen Wissen der chinesischen Strukturen glaubhaft klingt. Die jeweiligen Stränge sind sehr auf die menschlichen Protagonisten ausgerichtet, was zwar einerseits unterhaltsam, andererseits sehr schade ist. Denn die Hauptfiguren dieses Romans sind die Bienen. Leider wurden sie oft sehr stiefmütterlich behandelt. Es muss ja nicht gleich ein Sachbuch sein, aber an den relevanten Stellen hätte die Autorin gerne mehr spezifisches Hintergrundwissen einfließen lassen können, um die Brisanz der Situation und die Bedeutung der Bienen zu unterstreichen.

So ist „Die Geschichte der Bienen“ für mich leider nur ein durchschnittlicher Familienroman über drei verschiedene Generationen, dem das Thema „Biene“ als Aufhänger dient. Er liest sich zwar interessant und unterhaltsam, hat sein Potential aber bei Weitem nicht ausgeschöpft.

Weitere Besprechungen zum Buch findet ihr bei
Buzzaldrins
Frühlingsmärchen

Steffis Bücherkiste

Inhalt
England im Jahr 1852: Der Biologe und Samenhändler William kann seit Wochen das Bett nicht verlassen. Als Forscher sieht er sich gescheitert, sein Mentor Rahm hat sich abgewendet, und das Geschäft liegt brach. Doch dann kommt er auf eine Idee, die alles verändern könnte – die Idee für einen völlig neuartigen Bienenstock.
Ohio, USA im Jahr 2007: Der Imker George arbeitet hart für seinen Traum. Der Hof soll größer werden, sein Sohn Tom eines Tages übernehmen. Tom aber träumt vom Journalismus. Bis eines Tages das Unglaubliche geschieht: Die Bienen verschwinden.
China, im Jahr 2098: Die Arbeiterin Tao bestäubt von Hand Bäume, denn Bienen gibt es längst nicht mehr. Mehr als alles andere wünscht sie sich ein besseres Leben für ihren Sohn Wei-Wen. Als der jedoch einen mysteriösen Unfall hat, steht plötzlich alles auf dem Spiel: das Leben ihres Kindes und die Zukunft der Menschheit.
Wie alles mit allem zusammenhängt: Mitreißend und ergreifend erzählt Maja Lunde von Verlust und Hoffnung, vom Miteinander der Generationen und dem unsichtbaren Band zwischen der Geschichte der Menschen und der Geschichte der Bienen. Sie stellt einige der drängendsten Fragen unserer Zeit: Wie gehen wir um mit der Natur und ihren Geschöpfen? Welche Zukunft hinterlassen wir unseren Kindern? Wofür sind wir bereit zu kämpfen?
Der Roman wurde von Ursel Allenstein ins Deutsche übersetzt.

Autorin
wurde 1975 in Oslo geboren, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie lebt. Sie ist eine bekannte Drehbuch- sowie Kinder- und Jugendbuchautorin. Die Geschichte der Bienen ist ihr erster Roman für Erwachsene, der zunächst national und schließlich auch international für Furore sorgte. Er stand monatelang auf der norwegischen Bestsellerliste und wurde mit dem Norwegischen Buchhändlerpreis ausgezeichnet.
Quelle: Randomhouse

 

 

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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2 Antworten zu *+* Maja Lunde: „Die Geschichte der Bienen“ *+*

  1. Ruby schreibt:

    Huhu,

    ich finde es ja toll, dass die Bienen nun durch Bücher immer wieder in den Fokus gebracht werden. So lernen immer mehr Menschen, wie wichtig sie doch einfach für uns und die Umwelt sind. Schade allerdings, dass dieses Buch nicht vollkommen überzeugen konnte. 😦

    Liebe Grüße,
    Ruby

    • irveliest schreibt:

      Liebe Ruby, die Umsetzung ist halt immer Geschmackssache. Nichtsdestotrotz ist es toll, dass die Bienen zunehmend Eingang in die Literatur finden und so ihre Bedeutung kundgetan wird.
      Liebe Lesegrüße, Heike

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