*+* Sarah Perry: „Melmoth“ *+*

Sarah Perry habe ich durch meine Begeisterung für ihren Roman „Die Schlange Essex“ noch in guter Erinnerung. Klar, dass ich „Melmoth“ lesen musste.

Es ist eine erneut sehr eigenwillige, spezielle Geschichte geworden, die sich von der breiten Masse abhebt. Sie kommt für mich nicht ganz an den letzten Roman heran, ist aber definitiv lesenswert und wird vor allem diejenigen Buchliebhaber begeistern, die eine gruselige Lesestimmung mögen, bei der die Realität gelegentlich mit Phantasie und mystischen Legenden verwischt.

„Während ich in die Dunkelheit starrte, schien sie sich noch zu intensivieren; plötzlich war sie nicht nur die Abwesenheit von Licht, sondern ein Spalt, in den alles hineingezogen wurde, was schlecht und hässlich war. Der Spalt pulsierte, das konnte ich deutlich erkennen, er dehnt sich aus und zog sich zusammen wie ein atmendes Wesen.“

Als Helen auf schicksalhaften Wegen an ein Manuskript kommt, tut sie dieses zunächst als Humbug ab. Denn das Schriftstück ist eine Ansammlung verschiedenster vermeintlicher Fakten und Vermutungen über Melmoth. Über diese mysteriöse Gestalt ranken sich so manche Schauermärchen, denn Melmoth beobachtet dich, kennt dich, ist da, auch wenn du sie nicht siehst, und in deinem schwächsten Moment offenbart sie sich, um dir ein unwiderstehliches Angebot zu machen. Dabei scheint sie eine besondere Vorliebe für tiefsündige Menschen zu haben.

Gemeinsam mit den Wegbegleitern aus ihrem Dunstkreis geht Helen schließlich dem Manuskript und all seinen Quellen auf den Grund, diese bekommt der Leser auch – zumindest in Auszügen – zu Gesicht. Parallel dazu wird aus Helens Leben – sowohl von Vergangenem als auch Gegenwärtigem – erzählt. Und hier tritt eine große der Stärke der Autorin hervor, denn ihr Schreibstil ist einfach unwiderstehlich! Du liest, lernst die sehr eigenartigen, teils sperrigen Figuren kennen, mehr als intensiv! Auf der Charakterzeichnung und Entwicklung der Protagonisten liegt ein größeres Augenmerk als auf der Handlung selbst. Zumindest drängte sich mir dieser Eindruck auf. Die Beschreibung der Geschehnisse verwendet Sarah Perry sehr gelungen dazu, eine gruselige Gänsehautstimmung zu erzeugen und die Charaktere noch intensiver zu schärfen. Verstärkt wird dies unter anderem durch die gelegentliche direkte Ansprache der Leser.

Immer wieder schwankte ich zwischen dem inneren Gedankenkonflikt „So ein Quatsch, das ist doch Aberglaube“ und „Gibt es Melmoth vielleicht doch? Und möglicherweise nicht nur im Buch sondern auch in der Realität?“ Während ich nun die Geschichte reflektiere, muss ich darüber fast schmunzeln, aber während des Lesens krampfte sich immer wieder eine eisige Hand um mein Herz, und ja, ich gebe es zu, die Schauerstimmung jagte mir gelegentliche Angstschauer über den Rücken.

„Falls sie aufgepasst haben, konnten Sie in einem Winkel des Hofes, den Helen gerade verlassen hat, eine schwarz gekleidete Gestalt erkennen; sie wartet und wacht geduldig auf den passenden Moment.“

Herrlich atmosphärisch beschrieben ist die Suche von Helen nach der Wahrheit, herrlich intensiv herausgearbeitet sind die schrägen Charaktere, die in ihrer Wirkung die Lesestimmung sehr gelungen stützen. Einzig mit dem Niveau der Spannung hatte ich ein kleines Problem. Wirkte sie über längere Zeit sehr subtil, ahnte ich an einer bestimmten Stelle, worauf die Geschichte zu guter Letzt hinauslaufen könnte, und genauso war es dann auch.

Dennoch hat mich „Melmoth“ auf einem kribbeligen Gruselniveau sehr gut unterhalten. Die kleinen eingearbeiteten Geschichten, die sich um die Haupthandlung winden, bieten Abwechslung und verschiedene Blickwinkel nicht nur auf die Frage, ob es Melmoth wirklich gibt, oder ob sie ein abschreckender Mythos ist, der zum sündenarmen Leben gemahnt. Es wird ebenfalls – zumindest indirekt – thematisiert, wie ein jeder mit Mythos und vermeintlichem Aberglauben umgeht und inwieweit man ihm Eintritt ins eigene Leben gewährt.

Inhalt
Helen Franklins Leben nimmt eine jähe Wende, als sie in Prag auf ein seltsames Manuskript stößt. Es handelt von Melmoth – einer mysteriösen Frau in Schwarz, der Legende nach dazu verdammt, auf ewig über die Erde zu wandeln. Helen findet immer neue Hinweise auf Melmoth in geheimnisvollen Briefen und Tagebüchern – und sie fühlt sich gleichzeitig verfolgt. Liegt die Antwort, ob es Melmoth wirklich gibt, in Helens eigener Vergangenheit?
Ein Buch, das einen packt und nicht mehr loslässt. Ein weiteres Meisterwerk von Sarah Perry.

Autorin
Sarah Perry wurde 1979 in Essex geboren und lebt heute in Norwich. Ihr Roman Die Schlange von Essex war einer der größten Überraschungserfolge der letzten Jahre in England. Ausgezeichnet als Buch des Jahres 2016 der Buchhandelskette Waterstones, Gewinner des britischen Buchpreises 2017 für den besten Roman sowie für das beste Buch insgesamt. Der Roman war nominiert für den Costa Novel Award, den Dylan Thomas Prize, den Walter Scott, den Baileys und den Wellcome Book Prize.
Quelle: Bastei Lübbe Verlag

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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