*+* Sarah Perry: „Die Schlange von Essex“ *+*

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Ein Blick auf das Cover bei der Vorschau-Stöberei hat genügt, um mein Interesse für dieses Buch zu entflammen.
Die Beschreibung traf dann auch noch ganz genau meinen Geschmack und schon war die Entscheidung gefallen: „Dieses Buch muss ich lesen.“ – und das, obwohl ich eigentlich überhaupt kein Freund historischer Romane bin.
So hing die Messlatte für „Die Schlange von Essex“ extrem hoch. Um es vorweg zu nehmen: Der Roman wurde meinen Erwartungen mehr als gerecht!
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Als das Buch ankam, war es gleich Liebe auf den ersten Blick. Das Cover – noch schöner als auf dem Foto – und die Innengestaltung ebenfalls ein wahrer Augenschmaus. Durch die Leseprobe kannte ich schon die Stimmung, in die ich mich gerne wieder hineinfallen ließ! Der mysteriöse Beginn zog mich gleich wieder in seinen Bann und sofort konnten die Mutmaßungen wieder aufleben, denn bereits hier wird die Saat zur mysteriösen Schlange gelegt. Sie geht aber erst etwas später auf, denn zunächst widmet sich die Autorin ihren Charakteren. Und das tut sie sehr hingebungsvoll. Sarah Perry gibt ihnen viel Zeit und Raum für ihre Entwicklung. Der Roman weist zwar einiges an Handlung auf, ist aber ganz klar auf die Charaktere und ihre Wandlungen angelegt. Diese gehen, vor allem in Coras Fall, konform mit den Geschehnissen um die Schlange von Essex.

Cora ist die weibliche Hauptfigur, gerade erst Witwe geworden. Sie verblüfft und verunsichert so mancherleuts durch ihre geringe Trauer um ihren Mann. Aber wer will es ihr verdenken? Ihr Mann war ein mehr als unsympathischer Mensch, der seiner Frau den Willen zu brechen suchte und sie in einen goldenen Käfig steckte. Cora ist ebenso klug wie robust und geduldsam, und so ertrug sie ihr Leid, solange es notwendig war, unbewusst auf die Chance wartend, ihrem grässlichen Schicksal zu entkommen. Folglich ist der Tod ihres Mannes weniger ein Verlust als vielmehr ein Gewinn an Freiheit für sie. Cora nimmt ihren Sohn und die beste Freundin und zieht vorübergehend mit ihnen nach Essex. Dort geht das Gerücht über eine mysteriöse Schlange um, das die junge Witwe gerne lösen möchte. Ihr lange unterdrückter Forscherdrang erwacht und Cora blüht auf. Sie genießt es, nicht mehr als Dame ausstaffiert sein zu müssen. Stattdessen entsetzt sie durch ihr häufig liederliches, verlottertes, ungepflegtes Aussehen – aber sie ist glücklich. Sie setzt alles daran, das Geheimnis der Schlange zu lüften. Während Cora versucht, dem Mysterium mit wissenschaftlichen Erklärungen den Garaus zu machen, hat William Ransom, der Pfarrer des Dorfes, zwar dasselbe Ziel, aber eine andere Motivation. Denn Aberglaube ist ein giftiger Stachel im Hause des Herrn, der schnell seine Schäfchen vom rechten Weg abbringen kann.

Die beiden begegnen sich zunächst zufällig und bleiben in der Erinnerung des anderen haften. Bei den späteren Treffen und diversen brieflichen Austauschen stellen sie alsbald ein Paradoxon fest. Obwohl sie vielerlei unterschiedlicher nicht sein könnten, ziehen sie sich unweigerlich mit fast schon magnetischer Wirkung an, was Cora keinerlei Sorgen bereitet, den Pfarrer allerdings hart auf die Probe stellt – schließlich ist er mehr als glücklich verheiratet und ein Gottesdiener.
Die Dinge nehmen ihren Lauf, die Schlange bekommt ihren großen Auftritt und hinterher zeigt sich, was geblieben ist, sein wird und sein könnte.

Die Charaktere mochte ich alle sehr, allen voran Cora mit ihrer Widerspenstigkeit, ihrem starken Willen, ihrer Natürlichkeit, ihrer manchmal aufblitzenden Banalität und Naivität, die ihr weniger geneigte Menschen möglicherweise auch gelegentlich als Boshaftigkeit auslegen könnten.
Ich mochte auch ihren Sohn sehr, der durch seine Andersartigkeit heraussticht und dennoch beweist, dass es manchmal genau solcher Andersartigkeit bedarf.
Ebenfalls traf die sehr sozial eingestellte, aber nicht gerade auf Rosen gebettete Freundin, trotz ihrer häufigen Ruppigkeit in mein Herz.
Der behandelnde Arzt von Coras Mann, ist auch ein ganz besonderer Mensch. Geschick, Können und Genialität rufen zwar kleine Allüren bei ihm herauf, aber seine Visionen und sein unbekümmerter Mut begeisterten mich ebenso, wie mich sein Schicksal und seine Reaktion an einem Wendepunkt seines Lebens berührten.
Ich mochte die männliche Hauptfigur Will, Coras Seelenfreund, der für die damalige Zeit – der Roman spielt im Jahre 1893 – als Pfarrer eine beachtliche Sicht auf die Dinge hat.
Ich mochte seine Familie, aber vor allem liebte ich den Charakter seiner Frau, im wahrsten Sinne des Wortes. So etwas von rein, unneidisch und liebevoll, fernab auch nur eines negativen oder gar bösen Gedanken, und dennoch wirkte sie in den entscheidenden Dingen alles andere als weltfremd.

Diese Protagonisten und noch einige andere Nebenfiguren prägen den Roman. „Die Schlange von Essex“ erzählt von all ihren Verbindungen, ich möchte fast schon sagen Verzahnungen, denn ihre Handlungen bleiben selten wirkungslos auf die anderen. So ist eine große Entwicklung bei einem jedem zu erkennen und es war wirklich interessant zu verfolgen, wie sich innerhalb eines knappen Jahres – der Roman spielt von Silvester des Vorjahres bis in den November hinein – so mancher Wandel vollziehen konnte.
Grandios wird dies von der Handlung untermalt. Denn die Verstrickungen um „Die Schlange von Essex“ bilden in gewisser Weise die Geschehnisse um Cora und ihre Entwicklung ab. Cora kann man abstrahiert als Abbild dieser Schlange sehen. Sie polarisiert im selben Maß und spaltet die Menschen aus dem Dorf ebenso wie es das mysteriöse Tier tut. Denn sie begeistert und schreckt gleichermaßen ab, lockt und bemüht sich, führt aber auch in Versuchung, wenngleich dies alles unbeabsichtig geschieht. Denn ihr Charakter ist nicht boshaft oder berechnend, eher unbedarft und spontan.

Der preisgekrönte Roman von Sarah Perry ist ein Buch voller Gegensätze. Die Charaktere sind selten konform, man reibt sich, man setzt sich auseinander, und dennoch nimmt man sich aus Loyalität gerne so an, wie man ist. Die Figuren sind einem Strudel an Entwicklungen ausgesetzt, in die die Autorin auch die damals aktuelle politische, respektive gesellschaftliche Situation Englands einfließen lässt. Am Schluss ist keiner mehr der, der er zu Beginn war. Der ruhig, flüssig und in einem ganz wunderbaren indviduellen Stil erzählte Roman pflastert die Handlung mit diesen großen, aber auch vielen kleinen Gegensätzlichkeiten. So war mir die Lektüre ein wahres Vergnügen und stets von kleiner Spannung, Aufregung und Neugier getragen. Sehr gut gefallen haben mir auch die immer wieder eingestreuten Briefe, die sich die Charaktere aus Ermangelung eines Telefons schicken, und Tagebucheinträge einer der Figuren, denn dadurch wird eine noch größere Nähe zur Handlung und den Menschen geschaffen.

„Die Schlange von Essex“ hat mich durchweg begeistert und ich möchte das Buch allen Liebhabern historischer Romane ans Herz legen, ebenfalls Lesern, die charaktergetragene Erzählungen mögen.

Inhalt
London im Jahr 1893. Nach dem Tod ihres Mannes verlässt Cora Seaborne die Hauptstadt und reist gemeinsam mit ihrem Sohn Francis in den Küstenort Aldwinter. Als Naturwissenschaftlerin und Anhängerin der provokanten Thesen Charles Darwins gerät sie dort mit dem Pfarrer William Ransome aneinander. Beide sind in rein gar nichts einer Meinung, beide fühlen sich unaufhaltsam zum anderen hingezogen.
Anmutig und intelligent erzählt dieser Roman – noch vor allem anderen – von der Liebe und den unzähligen Verkleidungen, in denen sie uns gegenübertritt.“
Der Roman wurde übersetzt von Eva Bonné.

Autorin
Sarah Perry wurde 1979 in Essex geboren und lebt heute in Norwich. Ihr Roman Die Schlange von Essex war einer der größten Überraschungserfolge der letzten Jahre in England. Ausgezeichnet als Buch des Jahres 2016 der Buchhandelskette Waterstones, Gewinner des britischen Buchpreises 2017 für den besten Roman sowie für das beste Buch insgesamt. Der Roman war nominiert für den Costa Novel Award, den Dylan Thomas Prize, den Walter Scott, den Baileys und den Wellcome Book Prize.
Quelle: Eichborn Verlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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25 Antworten zu *+* Sarah Perry: „Die Schlange von Essex“ *+*

  1. Oh, das freut mich, daß es dir gefallen hat. Ich hab es auch schon daheim liegen, aber nachdem der Oktoberstapel schon so voll war ist es jetzt schon auf den Novemberstapel gewandert. 😶

  2. Liebe Heike,

    eine wirklich tolle Rezension. Ich schleiche schon länger um dieses Buch herum und nun habe ich beschlossen, dass ich es unbedingt lesen möchte. 🙂 Was du schreibst, hat mich wirklich sehr neugierig gemacht, ich bin gespannt!
    Vielen Dank für die Entscheidungshilfe.

    Liebe Grüße
    Nicole

  3. michaela4321 schreibt:

    Hallo Heike!
    Eine sehr schöne Rezension hast du geschrieben. Jetzt kann ich gar nicht anders und werde das Buch auf meine (eigentlich schon viel zu große) Wunschliste setzen.
    Liebe Grüße!
    Michaela

    • irveliest schreibt:

      Liebe Michaela,
      oh wie schön, wenn ich dich mit meiner Begeisterung anstecken konnte!
      Ach… es ist immer dasselbe mit der WuLi und der zu knappen Lesezeit…
      Viele Grüße, Heike

  4. Kani schreibt:

    Hallo Heike!

    Das Buch hat mich auch in der Vorschau schon angesprungen und neulich, beim Bücherdealer lag es wieder sehr repräsentativ da. Wären zu diesem Zeitpunkt nicht die Unmengen an Vorbestellungen gewesen, die ich mitnehmen „musste“ ich glaube ich hätte gleich zugeschlagen.

    Das Buch steht auf jeden Fall für dieses Jahr noch auf meiner Leseliste und mit deiner Rezension hast du mich in diesem Beschluss noch weiter bestärkt.

    Alles Liebe

    Kani

  5. Elena schreibt:

    Hallo Heike,

    das Buch habe ich schon eine Weile auf dem Wunschzettel. Wird wohl Zeit, dass ich es endlich lese 😉

    Viele Grüße
    Elena

  6. Pialalama schreibt:

    Hallo Heike,

    Das Cover von diesem Buch ist mir jetzt auch schon ein paar Mal aufgefallen, aber ist auch wirklich sehr toll! Dank deiner tollen Rezension, steht jetzt wieder ein Buch mehr auf meiner WuLi!

    Liebe Grüße,
    Pia!

  7. Liebe Heike,
    Wow, eine sehr ausführliche und differenzierte Rezension hast du da geschrieben. Danke für deine Mühe. Mir ist das Buch nun schon ein paar Mal über den Weg gelaufen und ich weiß einfach nicht, ob ich es lesen soll, oder nicht. Einerseits wird es so viel gelobt und ich mag starke Charaktere und auch die Handlung klingt recht interessant. Andererseits sind historische Romane normalerweise eher nicht so meins und ich weiß nicht, ob mir das so gefallen würde.
    Hach, ich weiß auch nicht. Aber das Cover ist ja schon auch echt schön. Mal sehen. Deine schöne Rezension ist auf jeden Fall wieder eine Stimme für die Pro Seite. 😉
    Liebe Grüße, Julia

  8. Liebe Heike!
    Dieses Buch liegt zum Lesen schon bereit. Durch deine Rezension bin ich jetzt noch neugieriger geworden. Danke!
    Herzliche #litnetzwerk Grüße
    Gabi

  9. Fräulein Julia schreibt:

    Ich bin ja eigentlich kein Fan von solchen Geschichten bzw. historischen Romanen, aber irgendwas daran reizt mich doch. Außerdem ist es mir jetzt mehrmals virtuell „über den Weg gelaufen“. Möglicherweise sollte ich hier mal wieder „über den Tellerrand lesen“ 😉

    • irveliest schreibt:

      Hallo Julia,
      ich kann es echt nur empfehlen und habe bisher auch noch keine schlechte Meinung zum Buch gehört, aber die gibt es wahrscheinlich trozudem 😉
      Liebe Grüße, Heike

  10. buchbunt.blog schreibt:

    Hallo
    Super Rezension, die Lust auf mehr macht. Als gelegentlich historische Romane lesende Buchverrückte ist dieses Buch auf jeden Fall mal auf die Wunschliste gewandert. Das Cover ist echt toll geworden, obwohl ich normalerweise gar nicht darauf achte. Aber dieses hier macht wirklich was her 🙂
    Danke

  11. trinasbuecherwelt schreibt:

    Als ich das Cover auf deiner Übersicht gesehen habe musste ich mir direkt deine Rezension anschauen. Du schreibst sehr detailliert, finde ich sehr interessant und beleuchtest wirklich viele wichtige Aspekte. Schön das es dir gefällt und lieben Dank für das Teilen deiner Meinung, denn jetzt wird es nun doch auf meine Leseliste wandern 🙂 #litnetzwerk

    Lieben Gruß

    Laura

  12. estel90 schreibt:

    Liebe Heike,

    ich liebe ja die Farbe Grün und alles was grün ist springt mir ins Auge. So auch dieses Buch und ich schleiche schon eine Weile darum herum, habe mich aber noch nicht getraut „zuzuschlagen“. Aber ich glaube, das hast Du gerade geändert! Danke dafür und danke für eine toll geschriebene Rezension 😀

    Liebe Stöbergrüße
    Sarah

    • irveliest schreibt:

      Liebe Sarah, ohje, was habe ich nur angerichtet. Ich höre von so vielen Seiten, dass sie nach meiner Rezi dieses Buch lesen wollen….hoffentlich gefällt es euch dann allen auch gut!!
      Liebe Grüße, Heike

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