*+* Astrid Korten: „Wo ist Jay?“

Stell dir vor, du hättest gerade ein tolles Girlfriend-Wochenende mit deiner besten Freundin hinter dir und einen Tag später verschwindet diese Freundin plötzlich.
Während der gemeinsamen Tage hat sie nichts, aber auch rein gar nichts, über ihren Plan verlauten lassen. Käme dir das nicht sehr komisch vor? Mia fand es jedenfalls sehr merkwürdig, dass der Mann ihrer besten Freundin Jay fast schon emotionslos deren schriftliche Notiz zur Kenntnis genommen hat, dass sie eine Auszeit brauche. Und nicht nur das. Auch im gesamten Freundeskreis ist Mia die einzige, die sich – von den anderen belächelt – große Sorgen um Jay macht. Die nicht glaubt, dass sie so freiwillig von der Bildfläche verschwunden ist – so wie der Rest der Clique. Auch die Tatsache, das kurz vor Jays Verschwinden eine ermordete Frau, die ihr sehr ähnelte, gefunden wurde, ließ die „Freunde“ kalt.

Schon an diesem Punkt war ich innerlich sehr aufgewühlt – vor Fassungslosigkeit!
Was sind denn das für oberflächliche, selbstgefällige Menschen, die nicht Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um sich vom Wohlbefinden der langjährigen Freundin zu überzeugen? Was ist das für ein Mann, der nicht nur gleichgültig das Verschwinden der eigenen Frau billigt, dem zusätzlich egal zu sein scheint, ob ihr nicht vielleicht doch etwas zugestoßen sein könnte, sondern der darüber hinaus Mia daran hindern möchte, Nachforschungen anzustellen.
Diese Clique, ursprünglich bestehend aus zwei Singles und drei Ehepaaren nebst ihren Kindern, konnte ich – mit Ausnahme von Mia – nicht verstehen, beim besten Willen nicht. Aber dies war erst der Anfang. Je länger Jay fernblieb, umso mehr spitzte sich das Verhalten der Freunde zu. Über lange Zeit angestaute Dinge, massiv unterdrückte Gefühle, brachen sich langsam Bahn und endeten in mehr als einer Katastrophe.

Aus Gleichgültigkeit wurde Ablehnung, aus Ablehnung wurden Neid, Gier – gar Hass waberte hin und wieder durch die Zeilen.
Schnell ging es nicht mehr nur um Jay. Es war eher so, dass durch ihr Verschwinden die Regulierung des Beziehungsgeflechts verloren ging und einigen Beteiligten die verlogene Maske vom Gesicht gezogen wurde. Die als Freundschaft empfundene Verbindung zwischen den Personen reduzierte sich zunehmends in eine Ruinenlandschaft, die sämtliche Konstruktionsfehler namens Lügen, Intrigen, Geheimnisse, Täuschung und Betrug offenbarte. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.

Je bessser ich die Charaktere kennenlernte, je näher ich an sie heranrückte – und das passierte bei Astrid Kortens eindringlichem, intensivem Schreibstil unweigerlich – umso mehr stumme Schreie formten sich in meinem Inneren. Was sich in diesem Thriller abspielt, sprengt die kreativste Autoren-Phantasie. Manchmal ist die Wahrheit halt doch der grausamere Geschichtenschreiber.

Der Autorin ist es gelungen, durch intensive Recherchen quasi ein Abziehbild der abscheulichen Geschehnisse in der Vergangenheit zu erschaffen.
Dabei geht sie nicht chronologisch vor, sondern springt innerhalb eines Zeitraums von kurz vor Jays Verschwinden bis kurz nach ihrem Auffinden hin und her. Ebenso ändert sie die Erzählperspektive, indem sie kapitelweise die sogenannten Freunde abwechselnd in den Fokus rückt. Gut gefällt mir, dass Mia die einzige ist, die in der Ich-Perspektive zu Wort kommt. Sie scheint schließlich die einzige zu sein, die weiß, was wahre Freundschaft bedeutet.
Trotz der vermeintlichen Unruhe während der Erzählung kann man den Geschehnissen gut folgen. Zudem passt dieser Stil gut zu der Wirrheit des Beziehungsgeflechts der involvierten Menschen und unterstreicht zudem die innere Zerrissenheit so manches Protagonisten.

Die Autorin hat die Beteiligten und ihr Miteinander grandios seziert und ein eindringliches Psychogramm erschaffen, das mich eine große Bandbreite an Emotionen durchleben ließ. Darüber hinaus hat sie es geschafft, nicht nur die Haupthandlung fesselnd zu gestalten, sondern auch die kleinen Nebenhandlungen mit Spannung und kleinen Überraschungen zu würzen.

„Wo ist Jay?“ ist eine klare Empfehlung für alle Thrillerfans. Eine wahre Begebenheit wird
sehr packend, beklemmend und mysteriös umgesetzt und konnte mich durchweg fesseln und begeistern, schocken und erschüttern.

Weitere Rezensionen findet ihr bei
Romys „Mein Lesezauber
Calimeros Buchseite
Judiths „Pages of Ju

Inhalt
Eine junge Frau wird im Aachener Stadtgarten ermordet aufgefunden. Nicht weit davon entfernt wohnt die Tierärztin, Mia Becker, mit ihrem Mann Leon und den Kindern Esther und Benny. Nach einem Girlfriend-Wochenende verschwindet Mias beste Freundin, die charmante, gut aussehende Jay de Winter, spurlos. Mia ist davon überzeugt, dass Jay ihre Familie nicht freiwillig verlassen hat, zumal die Tote aus dem Stadtgarten Jay verblüffend ähnlich sieht.
Wo ist Jay? Außer Mia, fragt sich das niemand. Die Freunde benehmen sich seltsam und scheinen etwas zu verbergen.
Auf der Suche nach Jay beginnt für Mia ein Alptraum. Sie wird in ein Netz aus Lügen und Intrigen und verstrickt. Ein unbändiger Zorn bekommt Flügel Nichts ist, wie es scheint …
„Wo ist Jay?“ ist ein atemberaubender Psychothriller, der einen alten Mordfall aus Aachen aufgreift. Liebe, Lust, Neid und Hass führen zu einem fulminanten Ende, das Sie so schnell nicht vergessen werden.
Wer Freunde hat, sollte diesen atemberaubenden Psychothriller unbedingt lesen …

Autorin
Astrid Korten heute mit ihrer Familie in Essen. Sie studierte Kunstgeschichte und Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Leiden und Maastricht. Ihre große Leidenschaft ist das Schreiben, das sie 2004 zu ihrem Beruf machte. Ihr Spezialgebiet: Suspense-Thriller und Psychothriller, in denen sie das Böse poetisch und spannend pervertiert. Die Presse nennt sie „Thriller-Queen“ und „Thriller-Herrin“. Bei ihrer akribischen Recherche lässt sie sich von Forensikern, Psychologen, Gentechnologen, Pathologen und Medizinern beraten. Sie schreibt außerdem Biografien, satirische Kurzgeschichten, Romane, Dreh- und Kinderbücher unter Pseudonym.
Quelle: amazon

 

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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4 Antworten zu *+* Astrid Korten: „Wo ist Jay?“

  1. MeinLesezauber schreibt:

    Eine tolle Rezension😀 Herzlichen Dank dafür. Das macht Lust auf mehr

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