*+* Juli Zeh: „UNTERLEUTEN“ *+*

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Unterleuten
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UNTERLEUTEN“ spricht sich wie „Unter Leuten“. Hier werden zwei Worte zu einem neuen vereint. Ich frage mich, ob auch die Bewohner sich so in ihr dörfliches Konstrukt fügen und harmonieren.
Was schwelt „unter“ den Leuten? Auf welchem Fundament ist ihre Gemeinschaft gebaut? Überhaupt, was passiert unter den Leuten in UNTERLEUTEN? Durch die subtil negative Bedeutung des Wörtchens „unter“ haftet dem Titel für mich etwas Bedrohliches an.
Wenn es ein UNTERLEUTEN gibt, findet sich dann irgendwo auch ein Überleuten? Und wenn ja, sind diese Leute dann „über“, sprich: bessere Menschen als die Dörfler im Roman?
Zuletzt noch zu der Worthälfte „Leuten“ aus dem Ortsnamen: Leute ist ein allgemeiner Begriff. Steht auch dieses Dorf stellvertretend für das ganze Land, für unser Geflecht aus Generationen und Menschentypen?

Soweit meine Fragen, die sich spontan beim ersten Blick auf das Buch ergaben. Diese Gedanken waren rückblickend betrachtet gar nicht so falsch. Alle Fragen beantworteten sich im Laufe des Buches und die Annahmen bestätigten sich leider oft.

Der Einband wird von einem einzigen Vogel beherrscht. Es ist ein Kampfläufer, ein streng geschützter Vogel. Kampfläufer spielen in Juli Zehs Roman eine nicht unerhebliche Rolle. Nach der Lektüre kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass es in UNTERLEUTEN auch menschliche Kampfläufer gibt.

UNTERLEUTEN ist ein kleines Dorf in Brandenburg, früher gehörte es zur DDR. Aber damit den Mikrokosmos der Ortschaft erklären zu wollen, wäre zu einfach. Denn betrachtet man die Geschichte allgemeiner, lässt sie sich auf viele Orte übertragen. Treibt man die Abstraktion noch weiter, dann ist es nicht nur ein kleines Dorf, dem Juli Zeh den Spiegel vorhält, sondern unsere gesamte Gesellschaft. Wir finden im Roman ebenso den Typus „Euer aller Wohl liegt mir am Herzen“, wie „Mit dir habe ich noch eine Rechnung offen“, „Ich helfe dir“, oder „Dein Feind ist mein Freund“, aber natürlich auch den bereits erwähnten Kampfläufer – und viele Charaktere innerhalb dieses Spektrums.
Und Hand aufs Herz: Ich glaube nicht, dass ich die einzige Leserin bin, die sich hier zumindest hin und wieder erkannt hat.

So wie theoretisch von mir in Erwägung gezogen, gibt es kein Überleuten. Zumindest ist mir dieses nicht im Roman untergekommen. Aber manchmal könnte man den Eindruck gewinnen, dass sich das Dorfvolk in UNTERLEUTENer und Überleutenener aufteilt – und damit meine ich nicht die Grenze zwischen der alteingesessenen Bevölkerung und denen, die dort erst kurz zuvor Land erworben haben. Nein, der Cut verläuft anders und er heißt Macht. Diejenigen, die an den Strippen ziehen, scheinen die eine Dorf-Spezies darzustellen, die „tanzenden Puppen“, bilden die andere Gruppe ab. Was aber, wenn jemandem seine Position nicht mehr gefällt und derjenige aktiv in das Gefüge eingreift? Die Entwicklung in UNTERLEUTEN zeigt, wie dessen langsam gewachsenes System reagiert und welch teils dramatischen Folgen sich hieraus ergeben.

Was unter den UNTERLEUTENern schwelte und auf welchem Fundament ihre Gemeinschaft gebaut war, das erfährt der Leser im Laufe des Romans. Schicht um Schicht legt die Autorin die Hintergründe des Dorfes frei bis zum Schluss das verzweigte, verzweifelte Gefüge der Wahrheit vor dem Leser und den Dörflern selbst liegt. Bei diesem Anblick packt mehr als einen der Bewohner das Entsetzen, auch mich traf die Bestürzung unerwartet hart. So war die anfängliche Assoziation von „unter“ mit „bedrohlich“ erstaunlich nahe dran an dieser fiktiven Wirklichkeit.

Der Schreibstil ist flüssig, interessant und durch den kapitelweisen Wechsel der Haupthandlungsträger sehr kurzweilig. Dadurch, dass die Geschichte über die gesamte Distanz innerhalb derselben Gruppe verbleibt, ergeben sich immer wieder andere protagonistische Konstellationen, sodass das Beziehungsgeflecht dieses Personen-Pools immer deutlicher zutage tritt. Ganz nebenbei lernt der Leser dadurch alle Protagonisten intensiv kennen.

Juli Zeh hat mit UNTERLEUTEN ein grandioses Psychogramm eines Dorfes geschaffen! Durch die klug gewählten Themen, die der Geschichte inhaltlich einen Teil ihres Gerüsts verschaffen, ist der Roman sehr nah am Puls der Zeit angesetzt, was der Aussagekraft noch mehr Dringlichkeit verschafft.

UNTERLEUTEN gibt es in dieser Form nirgendwo. Hat man den aber Mut, das Gesamtkonstrukt zu abstrahieren, dann findet man UNTERLEUTEN unerwartet oft.

Inhalt
Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf „Unterleuten“ irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist …

Mit „Unterleuten“ hat Juli Zeh einen großen Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit geschrieben, der sich hochspannend wie ein Thriller liest. Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Woran glauben wir? Und wie kommt es, dass immer alle nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem Schreckliches passiert?

Autorin
Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts, Promotion. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Schon ihr Debütroman „Adler und Engel” (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013) und dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015).
Quelle: Randomhouse

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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2 Antworten zu *+* Juli Zeh: „UNTERLEUTEN“ *+*

  1. Hallo Heike,

    ich habe das Buch vor etwa einem Monat gelesen und kann mich deiner Meinung nur anschließen. Es ist wirklich unheimlich interessant geschrieben und liest sich tatsächlich so spannend wie ein Thriller. Es war, besonders zum Ende hin wirklich unheimlich.

    Liebe Grüße
    Nicole

    • irveliest schreibt:

      Hallo Nicole,
      Juli Zeh schreibt wirklich toll. Kennst du „Nullzeit“ von ihr? das ist auch toll! „Unterleuten“ war eins meiner Jahreshighlights im letzten Jahr.
      Liebe Grüße,
      Heike

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