*+* Timur Vermes: „Die Hungrigen und die Satten“ *+*

Merkel war gestern, aber die Flüchtlingsfrage lässt Deutschland nach wie vor nicht los. Jedoch – eigentlich gibt es da nichts mehr zu befürchten, denn Europa hat die Außengrenzen abgeschottet. Es gibt praktischerweise gar eine Grenze in Afrika, die die dortige Bevölkerung von ihrer Flucht abhält. So sammeln sich die Ausreisewilligen in riesigen Lagern des schwarzen Kontinents. Die Satten können sich also beruhigt zurücklehnen, wenn die Medien bildgewaltig von dort berichten.
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Entfernung = Sicherheit? Scheinbar mag das stimmen, aber wie nah Afrika schließlich doch ist, erfährt der Leser schnell, als Nadeche Hackenbusch, C-Promi und Star-Reporterin des Nischensenders E-Zwo, für ihre Reihe „Engel im Elend“ zum Special in das weltgrößte Lager der Welt reist, um exklusiv und hautnah von dort zu berichten.
Na, wer erkennt sich wieder? Wer findet es nicht unwiderstehlich, einfach mal unverbindlich reinzuschauen? Real-TV vom Feinsten… Mitleiden und Mitfühlen mit größtmöglichem Sicherheitsabstand? So denken hier viele, denn die Quoten des Senders gehen durch die Decke! Die Werbeeinnahmen steigen, der Macher des Formats reibt sich die Hände…

Als „der Engel“ – strohdumm mit Herz – hormonell stimuliert eben dieses für die Menschen des Lagers entdeckt, nimmt ein Gedanke immer mehr Form an. Sie möchte den Fluchtwilligen helfen, nicht nur über sie berichten. Ihr Lieblingsafrikaner hat natürlich denselben Wunsch – jedoch nicht vor Ort, sondern in Deutschland.
Um es frei nach Nadeche Hackenbusch zu sagen: „Goes not gives not!“ Innerlich fühlt es sich an wie das einst gehörte „Wir schaffen das!“, und spätestens an dieser Stelle sitze ich nicht mehr entspannt auf meinem Luxus-Lieblingsleseplatz. Ich beuge mich vor, halte immer wieder den Atem an, und frage mich: „Schaffen die das wirklich?“ Wobei mit „die“ nicht ein kleines Grüppchen gemeint ist. Nein, Nadeche Hackenbusch macht keine halben Sachen. Mit hundertfünfzigtausend Menschen zieht sie los Richtung Europa. Der Zuschauer lehnt sich beruhigt wieder zurück. Na da kann doch nichts schiefgehen, wie soll sich denn ein so großer Trupp versorgen? „Goes not gives doch!“, so hofft man. Alles gut, unsere Komfortzone dürfte also gewahrt bleiben.

Als sich jedoch ein überraschend ausgeklügeltes System entwickelt, ist die Kacke am Dampfen – im wahrsten Sinne des Wortes…. Aber jetzt einen Rückzieher machen? No way!
Unser Promi-Sternchen, das sich innerhalb ihrer persönlichen Grenzen recht positiv entwickelt, dabei leider nicht ihre Naivität ablegen kann, will nicht – sie hat schließlich eine Mission zu erfüllen!
Der Sender will nicht – wann sonst gab es solche Quoten? -, und kann auch nicht, denn die Werbespots sind vertraglich geregelt – diese Chance lässt sich doch kein Hersteller entgehen!
Und die Politiker tun, was sie auch sonst tun und am besten können, nämlich nichts. Aussitzen heißt einmal mehr die Devise, das hat doch bisher auch immer vorzüglich geklappt. Hohe Bezüge fürs Geringtun, so soll es bleiben…
Der vermeintliche Gewinner ist der Zuschauer, denn wann hat man schon die Chance, sich mit gefühltem Netz und doppeltem Boden auf die Flucht von Afrika nach Europa zu begeben?

Timur Vermes hat mit „Die Hungrigen und die Satten“ eine unglaublich treffende Satire mit überzeugenden Handlungsträgern verfasst. Er bohrt seine Finger tief in viele Wunden. Seien es die quotengeilen Medien, die gerne mal zur Lügenpresse mutieren, seien es die möchtegern wichtigen Menschen, die jedoch ebenso mit Wasser kochen wie du und ich, seien es die bereits erwähnten Politiker, seien es aber auch wir, die sensationsgierigen Konsumenten, die ein „immer weiter, immer höher, immer schneller“ einfordern, und geringere Qualität durch Ignoranz bestrafen.

Die Spirale dreht sich schon lange, aber noch nie hat sie sich gefühlt so schnell gedreht wie hier.
„Es ist doch nur ein Buch!“, diesen Einwand kann ich – obwohl die Aussage sicherlich stimmt – leider nicht gelten lassen. Denn wie der Autor sein Szenario heraufbeschwört, wie er die einzelnen Faktoren miteinander abstimmt, die diese Maschinerie in Gang bringen und halten, das alles fühlt sich beängstigend real an und so gar nicht wie die Scheinwelt, die den Zuschauern im Buch glaubhaft präsentiert werden soll.

„Die Hungrigen und die Satten“ ist Satire, bei der du an manchen Stellen laut lachen möchtest, aber nicht kannst. Satire, bei der noch nicht mal ein leises Geräusch deine Kehle verlässt, weil sie von bitterböser, hochgekochter Galle festsitzt. Satire, die brillant und lückenlos ein Szenario heraufbeschwört, das man irgendwann einfach nicht mehr aussitzen kann.
Warten wir – anders als im Buch – besser nicht bis es zu spät ist….

Der Quintessenz des Buchrückentexts schließe ich mich gerne an:
Timur Vermes‘ neuer Roman ist eine Gesellschaftssatire, aktuell, radikal, beklemmend und komisch zugleich. DIE HUNGRIGEN UND DIE SATTEN fängt dort an, wo der Spaß aufhört.

Auch Arndt von AstroLibrium hat diese unglaubliche Flucht begleitet. Seine Reportage findet ihr hier! 

Inhalt
Deutschland hat eine Obergrenze für Asylsuchende eingeführt, ganz Europa ist bis weit nach Nordafrika hinein abgeriegelt. Jenseits der Sahara entstehen riesige Lager, in denen Millionen von Flüchtlingen warten, warten, warten. So lange, dass man in derselben Zeit eigentlich auch zu Fuß gehen könnte, wäre das nicht der sichere Tod.
Als die deutsche Starmoderatorin Nadeche Hackenbusch das größte dieser Lager besucht, erkennt der junge Lionel die einmalige Gelegenheit: Mit 150.000 Flüchtlingen nutzt er die Aufmerksamkeit des Fernsehpublikums und bricht zum Marsch nach Europa auf. Die Schöne und die Flüchtlinge werden zum Quotenhit. Und während sich der Sender über Live-Berichterstattung mit Zuschauerrekorden und Werbemillionen freut, reagiert die deutsche Politik mit hilflosem Wegsehen, Kleinreden und Aussitzen. Doch je näher der Zug rückt, desto mehr ist Innenminister Joseph Leubl gefordert. Und desto dringlicher stellen sich ihm und den Deutschen zwei Fragen: Was kann man tun? Und in was für einem Land wollen wir eigentlich leben?

Autor
Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines Ungarn geboren. Er studierte in Erlangen Geschichte und Politik und arbeitete anschließend als Journalist und Ghostwriter. Er schrieb bis 2001 für die Abendzeitung und den Kölner Express und später für mehrere Magazine. Sein 2012 erschienener Roman Er ist wieder da ist eines der erfolgreichsten deutschen Debüts der letzten Jahrzehnte.
Quelle: Bastei Lübbe

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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