*+* Ursula K. Le Guin: „Freie Geister“ *+*

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Wo würdest du dich freier fühlen?
Auf einem Planeten, deren Gesellschaft stark kapitalistisch orientiert ist? Die durch Gesetze stark reglementiert ist, denen du dich unterwerfen musst? In der nur das Leistungsprinzip herrscht? Wer viel Einsatz zeigt und wenn er zudem auch noch gut ist, kann viel erreichen und materielle Güter anhäufen. Wer nichts leistet, muss sehen, wo er bleibt…
Leistung und Besitz = Glück? Würde dir diese Lebensform gefallen?

Oder würdest du lieber in einem anarchistisch angelehnten System leben? Es gibt keine Gesetze, es gibt keine Hierarchien, – der Umgang miteinander verläuft herrschaftslos und nach ungeschriebenen Regeln. Niemand wird unterdrückt, jeder kann dort tätig sein, wo er möchte – man kann hier fast schon von einem Lustprinzip sprechen. Natürlich ist dies nicht unbegrenzter Natur. Egal, ob und was man tun möchte, bei allem hat das Wohlergehen der Gesellschaft oberste Priorität. Eigenen Besitz gibt es nicht. Alles gehört allen und man nimmt sich einfach, was man braucht – aber nur das und nicht mehr. Entscheidungsfreiheit und Besitzlosigkeit = Glück?

In ihrem Roman „Freie Geister“ setzt sich Ursula K. Le Guin mit diesen kontroversen Systemen auseinander. Als Kulisse dient ihr dabei das Weltall, respektive der Planet Urras mit seinem Mond Anarres. Vor 200 Jahren siedelten nach einem Aufstand einige der urrasischen Bewohner auf den Mond um. Die Revolutionäre hatten eine eigene „Wunschgesellschaftsform“ im Kopf, die sie auf Anarres umzusetzen suchten. Das Experiment ist auf den ersten, oberflächlichen Blick geglückt, denn schaut man nach Anarres, so scheinen dessen Bewohner an einem Strang zu ziehen. Gesetze werden durch ein ungeschriebenes, umfangreiches Regelwerk ersetzt, dem sich jeder fraglos und vor allem widerstandslos unterwirft. Unterwirft? Ja, unterwirft! Denn so freiwillig geschehehen viele Dinge gar nicht. Innerhalb der recht kurzen Zeit seit der Abkapselung vom Mutterplaneten hat sich das ursprüngliche, revolutionäre Gedankengut derart fest in den Köpfen der Bewohner manifestiert, dass man zwar frei ist – aber die Grenzen, innerhalb derer man es sein kann, erschreckend klein sind. Lange Zeit wird dies entweder nicht bemerkt, oder unreflektiert hingenommen – bis Dr. Shevek, ein begnadeter Physiker, es wagt, über den Tellerrand hinauszuschauen. Er mag den Gedanken der Abkapselung des Anarres vom Urras nicht, leben dort doch schließlich rein evolutionär gesehen, engste Verwandte von ihm.

Warum nicht mit ihnen in Kontakt treten, warum sie nicht kennenlernen? Warum nicht mit ihnen kooperieren und vielleicht sogar voneinander lernen? Warum nicht die Mauern in den Köpfen einreißen und diese beiden Gesellschaftsräume vereinen, in welcher Form auch immer? Shevek forciert sein Anliegen – natürlich formuliert er es nicht so deutlich – und erreicht die Erlaubnis zum Besuch des Urras…..

In ihrem Roman springt die Autorin kapitelweise zwischen dem Planeten und seinem Mond, erlaubt dem Leser dabei tiefe Blicke in beide Systeme. Dabei verwendet sie neben der klaren, direkten, schnörkellosen Sprache einen eher spröden, unmotionalen Stil, gibt immer wieder passend zur Profession der Hauptfigur physikalisch-theoretische Einschübe, die zudem für weiteren Abstand des Lesers zum Text sorgen. Durch diese „Nicht-Nähe“ zu beiden Systemen kann man sich leicht ohne eine subtil eingeschlichene Vorgabe Le Guins eine eigene Meinung bilden. Sowohl zum Leben auf Anarres, als auch auf Urras.
Ob es um den Bereisch von Arbeit und Beruf, dem Privat- und Familienleben, dem der Bildung, der Umwelt, der Gesellschaft mit seinen verschiedenst herausgebildeten Charakteren und der Menschlichkeit geht, die Autorin verschmilzt all das zu einem klugen, lesenswerten, zeitlosen Science-Fiction-Roman vor der Kulisse des Mutterplaneten und seines Mondes.

Jede Staatsform beutet sein Volk aus. Die Frage ist nur, welchen Gegenwert man dafür erhält und welchen Zufriedenheitsgrad man dabei erlangt. Je mehr Shevek seinen Horizont erweitert, je mehr gute und auch weniger gute Erfahrungen er während seiner Reise macht und je größer seine Kenntnisse über Urras werden, umso kritischere Einblicke gewährt Le Guin dem Leser auf Anarres. Der Gedanke der Gleichheit ist eigentlich ein schöner. Und wenn man nicht vom Besitz- oder Machtstreben geleitet wird, ebenfalls. Wenn man Dinge nur tut, weil man sie tun möchte, und nicht, weil man sie meint, tun zu müssen. Wenn man aber feststellt, dass manche gleicher sind als gleich, verschiebt sich die Waagschale in eine ungesunde Richtung.
Aber auch auf Urras ist nicht alles Gold, was glänzt….

Die Autorin bezeichnet ihre Romane als Gedankenexperimente. Ihre Botschaft lautet: „Mach die Augen auf!“ und „Hör zu!“ In der Tat ist ihr dieses bei „Freie Geister“ gut gelungen. Der Roman ist eine einzige Einladung zum Nachdenken. Nichts ist ganz schwarz, nichts ganz weiß, aber die Grauzone ist riesig und birgt viel Potenzial.

Inhalt
Der große utopische Science-Fiction-Klassiker in kongenialer Neuübersetzung von Karen Nölle.
Ursula K. LeGuins ›Freie Geister‹ ist eine der bedeutendsten Utopien des 20. Jahrhunderts, in der die Systemfrage – Kommunismus, Kapitalismus oder Anarchismus? – mit aller Deutlichkeit gestellt wird. Ältere Ausgaben sind unter den Titeln ›Planet der Habenichtse‹ und ›Die Enteigneten‹ erschienen.
Der einzige Ort auf dem Anarres, der durch eine Mauer von seiner Umgebung abgetrennt wird, ist der Raumhafen. Von hier aus werden die Edelmetalle, die in den Minen des Planeten abgebaut werden, einmal im Jahr zum Nachbarplaneten Urras geflogen.
Für die Herrschenden von Urras ist das anarchistische Anarres nicht mehr als eine abhängige Bergbaukolonie, die es möglichst effektiv auszubeuten gilt. Für die Bewohner von Anarres ist ihre Heimat jedoch der einzige Ort im ganzen Sonnensystem, wo sie wirklich frei sind – frei von Unterdrückung, aber auch frei von dem Zwang, künstlich erzeugte Bedürfnisse befriedigen zu müssen.
Als sich auch auf Anarres erste Herrschaftsstrukturen zu bilden beginnen, begibt sich der Physiker Shevek auf eine riskante Reise nach Urras. Er möchte in Dialog mit dortigen Wissenschaftlern treten und gerät dabei zwischen alle Fronten.

Autorin
Ursula K. Le Guin, geboren 1929, ist die Grand Dame der angloamerikanischen Science Fiction. Sie wurde mit zahlreichen Literatur- und Genrepreisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem National Book Award für ihr Lebenswerk. Zu den Autoren, die sie beeinflusst hat, zählen Salman Rushdie und David Mitchell ebenso wie Neil Gaiman und Ian M. Banks.
Quelle: Fischerverlage

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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