*+* Elisabeth Herrmann: „Der Teepalast“ *+*

Der TeepalastIn das Cover dieses historischen Romans habe ich mich sofort verguckt. Diese Farben, diese Landschaft weckten Assoziationen mit Unendlichkeit, Ruhe und Exotik in mir, die jedoch in krassem Gegensatz zur Geschichte stehen.

Helenes Reise nach Asien hat einen sehr langen Vorlauf. Ausführlich wird berichtet, wie bitter ihre Ausgangslage ist, aus der sie sich durch eine glückliche Fügung befreien kann. Aus Dankbarkeit erhält sie von einem Unbekannten eine seltsame Münze, die sie zum Handel mit Tee eines bestimmten Plantagenbesitzers befähigt. Die junge Frau, die bereits in jungen Jahren alles verloren hat, möchte die Chance nutzen, ihrem Leben eine positive, zukunftsweisende Wende zu geben. So schwer es zunächst auch scheint, die lange Odyssee nach China durchzustehen – Helene ist durchweg das Glück hold. Denn durch Überzeugungskraft, gewogene Figuren oder auch hingehaltene Männer kommt sie schließlich an ihrem Ziel an. Jede neue Station, jede Entwicklung wird auch hier – ganz im Stil des Anfangs – sehr in die Länge gezogen. Dabei ist schon bald klar, dass welches Hindernis auch immer ihr im Weg steht, Helene schließlich mit Sicherheit darüber springen wird. Da kam mir hin und wieder der Vergleich mit einer historischen Catwoman, denn so viel Zufälle und Glück sind mir selbst im Roman zu viel. Auch in China geht es in diesem Stil weiter, es tauchen immer wieder Probleme auf, die irgendwann wirklich an den Haaren herbeigezogen wirken, aus denen Helene unbeschadet herauskommt. Nun fühlte ich mich ein wenig wie in einem Groschenroman.

Eingerahmt werden die Erlebnisse der Frau, ihre Metamorphose vom Mädchen, das dem Galgen entkommt zur erfolgreichen Teehändlerin hin, durch eine spätere Zeitebene, in der ihre Enkelin die treibende Kraft ist. Hier hätte die Autorin gerne ebenfalls viel Zeit verbringen können, denn auf die Schnelle können die Charaktere nur oberflächlich gezeichnet werden, was ich sehr schade fand. Auch wird leider nur ein groberer Abriss der relevanten Ereignisse nach Helenes Beginn im Teegeschäft gegeben. Schade, denn es wäre sicher interessant gewesen, ihre dortige Entwicklung zu verfolgen.
So habe ich mit „Der Teepalast“ nicht wie erhofft eine gehaltvolle, einfühlsame, historische Geschichte bekommen, sondern einen konstruiert wirkenden, teils überzogen dramatischen Abenteuerroman mit starken Frauen und überwiegend schwachen Männern, die meist nur Mittel zum Zweck sind. Das alles traf meine Lesevorlieben nicht unbedingt, aber wer das mag, wird hier wirklich hervorragend bedient und wird an dem Buch seine Freude haben.

Was ich aber kritisieren möchte, ist, dass die Autorin mich in einigen Dingen im Unklaren lässt. Treibende Kraft im Roman ist eine ominöse Teemünze, deren historische Belegbarkeit nicht geklärt wird. Bei eigenen Recherchen konnte ich keine Informationen dazu finden, also entspringt dieser Gegenstand wohl der Phantasie, oder? Auch andere „historische Begebenheiten“ sind nicht klar nachweisbar und gehören mehr ins Reich der Legenden. Schade, dass darauf nicht hingewiesen wird. Kreativität muss sein, jedoch sollte deutlich gemacht werden, was der Phantasie und was der Realität zugehörig ist.

Inhalt
1834, ein kleines Dorf in Ostfriesland. Lene Vosskamp wächst in einer Fischerfamilie in bitterer Armut auf und muss schon als Kind schwere Schicksalsschläge hinnehmen. Doch dann gerät sie durch einen Fremden in den Besitz einer geheimnisvollen Münze, die sie berechtigt, in China mit Tee zu handeln. Fortan ist sie beseelt von dem Gedanken, sich aus ihren elenden Verhältnissen zu befreien und als erste Frau ein Tee-Imperium zu gründen. Für Lene beginnt eine gefahrvolle Odyssee, die sie über die Meere der Welt und in ferne Länder führt – und auf die Spur der Liebe ihres Lebens, die ihr einst in einer Weissagung prophezeit wurde …

Autorin
Elisabeth Herrmann wurde 1959 in Marburg/Lahn geboren. Nach ihrem Studium als Fernsehjournalistin arbeitete sie beim RBB, bevor sie mit ihrem Roman »Das Kindermädchen« ihren Durchbruch erlebte. Fast alle ihre Bücher wurden oder werden derzeit verfilmt: Die Reihe um den Berliner Anwalt Joachim Vernau sehr erfolgreich mit Jan Josef Liefers vom ZDF. Elisabeth Herrmann erhielt den Radio-Bremen-Krimipreis und den Deutschen Krimipreis. Sie lebt mit ihrer Tochter in Berlin und im Spreewald.
Quelle: Goldmann Verlag

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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2 Antworten zu *+* Elisabeth Herrmann: „Der Teepalast“ *+*

  1. Julia F. schreibt:

    Klingt nach einem sehr schönen Roman. Gedanken schweifen lassen und sich mitnehmen lassen. Hab ich auf meine Liste gelegt. Danke schön. :)

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