*+* Yoko Ogawa: „Augenblicke in Bernstein“ *+*

Augenblicke in BernsteinNach einer Familientragödie müssen drei Geschwister nicht nur sich selbst, sondern auch ihre ganze Welt neu erfinden. Ihr komplettes Leben spielt sich fortan ausschließlich innerhalb eines alten Hauses und dessen Garten ab. Mit viel Kreativität, Geduld und gemeinsamer Solidarität schaffen sie es, in diesem goldenen Käfig nicht verrückt zu werden. Zumindest auf den ersten Blick. Denn so folgsam sie auch dem mütterlichen Willen folgen, brav sind und unauffällig, so seltsam entwickeln sie sich nach innen, was vor allem an Bernstein deutlich wird. Neben Privatunterricht und häuslichen Pflichten haben die Geschwister viel Zeit, die es zu füllen gilt. Und wenn man schon nicht raus darf, taucht man möglicherweise ganz nach innen ab und holt alles aus sich selbst heraus, was in einem steckt.

Die Mutter, obwohl der Grund als auch die auslösende Kraft für diese absurde, fast schon surreale Situation der Kinder, lebt indes ein fast normales Leben. Die Rolle und das Verhalten der Mutter konnte ich recht leicht nachvollziehen, wenn auch nicht gutheißen – ganz im Gegenteil! -, das der Kinder jedoch gar nicht. Nun gut, zu Beginn der massiven Änderung ihrer Lebensumstände waren sie recht klein und es ist plausibel, dass sie der Mutter ihre Gründe, will sagen: „Märchen“ geglaubt haben. Warum sie nun so leben müssen, warum sie ihre komplette Vergangenheit inclusive ihrer Namen aus dem Gedächtnis streichen müssen, dass sie gewisse Veränderungen an sich selbst ertragen müssen. Aber aus Kindern werden Jugendliche, recht kluge Jugendliche sogar, die teils wissen, teils ahnen, was außerhalb ihrer Mauern passiert und dass ihr eigenes Leben extrem seltsam und unnormal ist. Dennoch fügen sie sich weiter, obwohl ihnen theoretisch mehr als eine Pforte in die Freiheit offenstünde.

Auch wenn ich diesen Aspekt hinterfrage, muss ich der Erschaffung dieser magisch anmutenden Sphäre, die zwischen den Welten zu schweben scheint ein gutes Maß an Respekt zollen. Denn mal von der gruseligen Fügsamkeit der drei Kinder des Vergessens abgesehen, ist die Blase, in der sie leben, perfekt umgesetzt, wobei es der Autorin nicht an einzigartiger Phantasie und Kreativität mangelt.

Der Roman besteht aus zwei Erzählsträngen, wobei der der Vergangenheit den Großteil ausmacht. Hier erfahren wir ausführlich, für meinen Geschmack manchmal zu ausschweifend und langatmig von der Zeit der Geschwister in ihrer Festung. Die Gegenwart, die in dem Seniorenheim spielt, in dem Bernstein als alter Mann lebt, blitzt immer wieder zwischendurch auf und hinterlässt eine Ahnung davon, dass es für ihn, seine Schwester Opal und den kleinen Bruder Achat irgendwann eine erneute krasse Wende im Leben gegeben haben muss, denn sonst könnte er nun nicht dort wohnen.

„Augenblicke in Bernstein“ ist für mich ein Roman mit Stärken und Schwächen. Die erschaffene Welt der Geschwister in ihrer Kindheit und Jugendzeit ist phantasievoll und intensiv umgesetzt, wobei mir persönlich einige Erklärungen fehlen, um daraus eine runde Sache zu machen. Auch ist der Erzählstil stellenweise sehr in die Länge gezogen, wohingegen andere Passagen fast zu schnell abgehandelt werden.

Inhalt
Eine Frau sucht mit ihren drei Kindern Zuflucht in einem alten Haus. Alles, was vorher war, sollen die Kinder zu ihrem Schutz vergessen, sogar ihre Namen. Umgeben von hohen Mauern, inmitten eines verwunschenen Gartens, erfinden die Geschwister nun ihre eigene Welt. Riesige Bäume, ein Bachlauf, Tiere – alles dient ihnen als Quell der Phantasie und lässt sie ihr neues Leben lieben. Eines Tages jedoch betritt ein Hausierer den Garten, der fremde, wundersame Dinge aus seinen Taschen hervorzaubert … Ein hinreißender Roman über den Zauber der Kindheit, der die großen Fragen nach Liebe, Zusammenleben und Familie stellt. Düster und dennoch voll lichter Schönheit erzählt Yoko Ogawa die Geschichte dreier Geschwister, die in einer Traumwelt voller Geheimnisse und Magie aufwachsen.
Der Roman wurde übersetzt von Sabine Mangold

Autorin
Yoko Ogawa gilt als eine der wichtigsten japanischen Autorinnen der Gegenwart. Für ihr umfangreiches Werk wurde sie mit zahlreichen namhaften Literaturpreisen ausgezeichnet, zuletzt war sie für den „National Book Award“ nominiert und auf der Shortlist des „International Man Booker Prize“ vertreten.
Quelle: Aufbau Verlag

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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