*+* Jürgen Kaube: „Hegels Welt“

Hegels WeltDer Blick auf den Informationstext zum Buch versprach eine umfassende Widmung der Sattelzeit durch den Autor, was mich sehr freute. Denn diese Epoche war in vielerlei Hinsicht turbulent, das Altbekannte wurde auf den Kopf gestellt – nicht nur auf philosophischer Ebene. Dass ein Werk, das den Titel „Hegels Welt“ trägt, in erster Linie den Philosophen und seinen Dunstkreis betrachtet und intensiv beleuchtet, habe ich erwartet. Nicht jedoch den sich zuspitzenden Tunnelblick, mit dem der Autor die Sattelzeit zunehmend auf Hegel fokussiert. Werden zu Beginn des Buches noch die Dinge, die außerhalb Hegels persönlicher Welt geschehen, genannt und zumindest angerissen – beispielsweise die Erfindung des Heißluftballons durch die Brüder Montgolfier -, verliert Jürgen Kaube die Welt ´da draußen´ zunehmend aus dem Blick und konzentriert sich fast ausschließlich auf die Biografie des Philosophen, wobei er in seinem Detailreichtum sehr freigiebig ist.

Leider habe ich den Titel fehlgedeutet. Ich dachte fälschlicherweise, dass zwar Hegel und sein Leben im Mittelpunkt stehen, aber dass auch alles, das damals um diesen Mittelpunkt herum geschehen ist, was während der Sattelzeit eine Menge war, ebenfalls einen würdigen Eingang in das Buch finden würde. Der Blick über den Tellerrand von Hegels ganz persönlicher Welt wurde meines Erachtens viel zu selten geworfen.

Es war schon interessant, vom Werdegang des Mannes zu lesen, seine Entwicklungen, die guten und weniger guten Phasen zu verfolgen, mitzuerleben, wer seine engsten Vertrauten und auch Vorbilder waren, allerdings hätte mir ein flüssigerer Erzählstil mehr zugesagt. So las sich „Hegels Welt“ zunehmend langatmig, war eine Ansammlung von biografischen Daten, Zitaten und Verweisen, und das in wenig fesselnder, manchmal antiquarischer, oft dröger Sprache. Ein dickes Lob verdient der Autor jedoch für seine akribische Recherche-Arbeit!

Wie schon erwähnt hätte ich gerne auf den extrem detailreichen, dadurch manchmal langatmigen „Tunnelblick-Stil“ verzichtet und stattdessen mehr von dem Sein drumherum präsentiert und eingeflochten bekommen. Die in der Buchbeschreibung erwähnte Sattelzeit wird unerwartet knapp thematisiert, dabei gab es damals nicht nur im philosophischen Denken viele Umbrüche, auch anderes hat die Gesellschaft und Wissenschaft auf ein anderes Niveau transferiert, was schon allein der Vollständigkeit dieser Epoche halber mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, und ebenfalls – wenn auch nur indirekt – zu Hegels Welt gehörte.

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Inhalt
Durch keinen anderen Denker lernt man so gut kennen, was auch die «Sattelzeit» genannt wurde: der Übergang des alten Europa in die moderne Gesellschaft. Ob Aufklärung, die Herrschaft Napoleons oder die Befreiungskriege, ob Industrialisierung, Vormärz oder die großen Entdeckungen – die Welt ändert sich während der Lebensjahrzehnte Georg Wilhelm Friedrich Hegels von Grund auf. Und zwar durch Ideen, die zu Revolutionen führten: politische, industrielle, ästhetische und pädagogische. Nicht umsonst hat Hegel von der Philosophie verlangt, ihre eigene Zeit auf den Begriff zu bringen; nicht ewige Wahrheiten, nicht den Grund allen Seins, sondern die eigene Zeit in Gedanken. Jürgen Kaube erzählt Hegels Leben, erläutert sein Werk und zeigt, wie jene epochalen Umbrüche zum Versuch einer letzten Revolution führen: der des Denkens.
Hegel wirkte unter anderem in Jena, dem intellektuellen Zentrum der Klassik mit inspirierender Nähe zu Schiller und Goethe, die er kannte wie die anderen Großen seiner Zeit. Als begnadeter Polemiker stritt er gern, etwa mit den Romantikern; als allseits Interessierter nahm er alles Neue auf. Aber auch dem Persönlichen schenkt Kaube alle Aufmerksamkeit: dem unehelichen Sohn Hegels etwa, der in Indonesien am Tropenfieber starb, oder Hegels Schwester, die an der republikanischen Verschwörung in Württemberg mittat. – Eine faszinierende Biographie – und eine Zeit, in der sich die Welt, unsere Welt, neu formierte. Letzteres lässt dieses Buch auch zu unserer Gegenwart sprechen.

Autor
Jürgen Kaube, geboren 1962, ist Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Zuvor leitete er dort das Ressort Geisteswissenschaften und war stellvertretender Feuilletonchef. 2012 wurde er vom «medium magazin» als Journalist des Jahres im Bereich Wissenschaft ausgezeichnet, 2015 erhielt er den Ludwig-Börne-Preis. Seine vielgelobte Max-Weber-Biographie (2014) war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Über den Bestseller «Die Anfänge von allem» (2017) schrieb die «Süddeutsche Zeitung»: «ein ungemein lesenswertes Buch», und die «Neue Züricher Zeitung» meinte «Ein Buch, das die Lust am Denken vorführt und selbst Lust zum Nachdenken macht.»
Quelle: Rowohlt Verlag

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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