*+* Ling Ma: „New York Ghost“ *+*

„New York Ghost“ erzählt von Candace Chans Lebensabschnitt in New York. Sie ist im Kindesalter durch ihre chinesischen Eltern in Berührung mit den USA gekommen und für sie war klar, dass sie später dort leben wollte. Nun treibt sie mit selbst heraus gerissenen Wurzeln durch die Stadt und alles, was sie zunächst tut, ist die Stadt fotografisch und später auf ihrem Blog „New York Ghost“ festzuhalten. Als ihr aus heiterem Himmel ein Job angeboten wird, greift sie nach kurzem Zögern zu – und fängt an, sich zu verändern. Sie passt sich an, automatisch, ohne ihren neuen Lebensstil zu reflektieren und verliert für mein Empfinden nach den Wurzeln nun auch ihre Seele, ihre Überzeugungen, wird zu einer leeren Hülle, einer oberflächlichen Marionette, so wie ein Großteil der anderen Großstädter. Als das Unheil beginnt und schließlich auch Candace selbst immer näher erreicht, reagiert sie auf ihre ganz persönliche Weise und trifft Entscheidungen…

Aufmerksam wurde ich auf dieses Buch durch den Titel. Das Cover veranlasste mich schließlich, den Rückentext zu lesen und auch dieser sprach mich sehr an. Denn die Situation rund um die aus China eingeschleppte Pandemie erinnert zwar sehr an unsere derzeitige Lage, andererseits bildet dies nur den Dreh- und Angelpunkt, der wahre Kern der Geschichte liegt für mich ganz woanders.
Nein, ganz woanders ist nicht richtig, denn beim Lesen legte sich mein persönlicher Fokus ganz gewiss auf eine Pandemie, aber nicht auf die durch das Shen-Fieber verursachte, sondern vielmehr auf das der modernen Lebensführung, um es einmal derart lapidar auszudrücken. So wie die Autorin ihre erkrankten Protagonisten beschreibt, sind sie alle schon längst, wenngleich im übertragenen Sinne. Denn das grobkörnige Leben der Großstadt, das sich im Dreieck zwischen Arbeit, emotional einsamen Feierabenden und der dazwischen tot geschlagenen Zeit bewegt, ist bereits seelenlos, lieblos, wie ein Virus, das um sich greift – zielsicher und vor allem, ohne dass die Befallenen sich dessen bewusst sind. Materielle Dinge werden überbewertet, aber wen wundert das, Emotionen und ausdauernde, ernsthafte Beziehungen müssen irgendwie kompensiert werden. Layout, Design und Verpackung stehen nicht nur in Candaces Job an erster Stelle, aber was ist mit dem Inhalt? Sollte er nicht vordergründig sein?
Mir kam immer wieder die Zeile eines Gedichtes von Theodor Fontane in den Sinn: „Tand, Tand, ist das Gebilde von Menschenhand.“

Das routinierte Marionetten-Leben der New Yorker wird zunehmend vom um sich greifenden Shen-Fieber unterjocht. Die Städter erkranken entweder, oder sie fliehen – oder bleiben in ganz seltenen Fällen, so wie Candace, in New York und harren der Dinge, die da kommen. Das unvermeidliche Ende ist sinnvollerweise offen, für meinen Geschmack jedoch viel zu dunkel und hoffnungslos gezeichnet.

Auch der Schreibstil trifft nicht ganz meinen Geschmack, er ist dennoch gut gewählt, denn seine eher sachliche als emotionale Art der Beschreibung und des Erzählens stützt gut die Oberflächlichkeit der Protagonisten und ihres Lebensstils, denn an Tiefe fehlt es beiden oft. An einigen Stellen hätte ich mir zudem mehr Hintergründe zu einigen Figuren und Erklärungen zu ihrer Entwicklung respektive ihres Verhaltens gewünscht – aber auch diese vermeintliche Oberflächlichkeit unterstreicht die Message des Romans.

Alles in allem hat mir „New York Ghost“ aber gut gefallen – nicht nur durch die Mehrdeutigkeit des Titels. Die Dystopie nähert sich der Krankheit eines Teils unserer Gesellschaft sehr individuell und interessant an und mahnt zum Umdenken. Das Buch habe ich gern gelesen und möchte es trotz meiner Kritikpünktchen gern empfehlen.

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Inhalt
Candace Chen treibt recht ziellos durch ihr New Yorker Leben. Tagsüber arbeitet sie in einem Büroturm in Manhattan – sie ist zuständig für die Herstellung von Bibeln in China – und abends sieht sie sich mit ihrem Freund in ihrem Kellerappartement Filme an. Seit ihre Eltern, mit denen sie als Kind aus China in die USA eingewandert ist, vor nicht allzu langer Zeit gestorben sind, hat sie genug von jeder Form der Unsicherheit. So hingebungsvoll folgt sie ihren täglichen Routinen, dass sie erst gar nicht bemerkt, wie tödliche Pilzsporen Virus über New York hereinbrechen – ins Land gekommen durch billige, in China hergestellte Konsumgüter. Auch durch ihre Bibeln! Das Shen-Fieber greift rasant um sich: Geschäfte schließen. U-Bahnen stehen still. Menschen fliehen. Ihre Chefs überzeugen sie mit der Aussicht auf eine große Prämie, im Büro die Stellung zu halten. Bald ist sie fast ganz allein in New York, fotografiert – noch immer ohne Fieber – die unheimliche, verlassene Stadt und stellt die Fotos auf ihren anonymen Blog NY Ghost.
Aber schließlich muss auch Candace die Stadt verlassen und schließt sich einer Gruppe Überlebender an – angeführt von dem machthungrigen IT-Techniker Bob. Sie machen sich auf zu einem Ort namens »Die Anlage«, wo sie, wie Bob verspricht, alles haben werden, was sie brauchen, um eine neue Gesellschaft zu begründen. Doch Candace trägt ein Geheimnis in sich, von dem sie weiß, dass Bob es ausnutzen wird. Soll sie vor ihrem Retter fliehen?
Ling Mas ungewöhnliches Debüt ist eine bewegende Familiengeschichte, ein schräges Roadmovie, eine originelle Endzeiterzählung, eine schwarzhumorige Satire über die Folgen unseres Konsumverhaltens – und nicht zuletzt eine aufrichtige Hommage an all die menschlichen Beziehungen, die erst dafür sorgen, dass sich unser Leben nicht in einem reinen Überlebenskampf erschöpft.

Autorin
Ling Ma wurde in China geboren, wuchs in den USA auf und lebt in Chicago. Ihr Debütroman »New York Ghost« (Severance, 2018) gewann zahlreiche Preise (u. a. den mit 50.000 Dollar dotierten Whiting Award, den Young Lions Fiction Award und den Kirkus Prize), stand auf der Shortlist des PEN/Hemingway Award for Debut Novel und auf diversen Bestenlisten.
Quelle: Culturbooks

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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