*+* Jan Koneffke: „Die Tsantsa-Memoiren“ *+*

Ein Tsantsa ist ein aus der eingeschrumpften Kopfhaut eines toten Menschen angefertigtes Präparat. Echte Schrumpfköpfe wurden bis in das 19. Jahrhundert als Trophäen von Kopfjägern einiger indigener Völker Südamerikas angefertigt und zu kultischen Zwecken verwendet. Ein solcher Schrumpfkopf, von einem seiner Besitzer Peewee genannt, ist der Erzähler dieses skurillen Romans.

Peewee befindet sich in Venezuela, genauer gesagt hängt er auf dem Anwesen eines herrischen Gutsbesitzers, als er beginnt, ein Bewusstsein zu entwickeln. Der Schrumpfkopf nimmt seine Umgebung mit einer scharfen Beobachtungsgabe wahr und gibt von Beginn an alles ausschweifend wider. Er ist wahrscheinlich glücklich über seine Entwicklung, die vom reinen Beobachten zu Beginn des Romans über die Ausprägung von Gefühlen und einer gewissen Scharfsinnigkeit bis hin zu weiteren Fortschritten zum Ende hin reicht.

Als Peewee den ersten Ton von sich gibt, fällt sein erster Besitzer vor Schreck tot um – und es beginnt eine Odyssee durch die Hände vieler weiterer Besitzer, die Hand in Hand geht mit der bereits erwähnten Entwicklung des Schrumpfkopfes. Denn er hat das endliche Leben eigentlich hinter sich und wähnt sich nun in der anschließenden Unendlichkeit. So ist es nur logisch, dass Peewee mehrmals seine Besitzer wechseln muss, da er sie überlebt.

Vom grundsätzlichen Aufbau her hat mich die Geschichte an „Forrest Gump“ erinnert, denn auch hier durchlebt der Hauptdarsteller viele völlig verschiedene Stationen, die ihn prägen und an seiner Entwicklung teilhaben. So stellt sich Peewee immer wieder voll und ganz auf seinen jeweiligen Besitzer ein, lotet die Situation aus, passt sich entsprechend an, um sich so ein Bleiberecht zu verdienen. Dabei erlebt er viele sonderbare Seins-Abschnitte, die allesamt extrem entweder durch ihre Darsteller, durch ihre Thematik, oder auch mal beides sind. Besonders schräg fang ich die Zeit des Schrumpfkopfes beim – nennen wir es einfach Wanderzirkus der Skurrilitäten.

Das ganze Buch war für mich gewöhnungsbedürftig. Zuerst ein Schrumpfkopf als Erzähler – das hatte ich noch nie! Aber auch Peewees Entwicklung während der Zeiten bei seinen unterschiedlichen Besitzern war außergewöhnlich, für mich persönlich war es dabei häufig zu viel des Guten. Natürlich kann ein solcher Darsteller nicht von einem Normalo zum nächsten gereicht werden, das würde seiner Besonderheit nicht gerecht werden, aber in diesem Maße, dieses permanente Verharren am äußeren Ende der Skala, das ständige Ausreizen der Grenzen war mir zu gewollt und zu konstruiert. Dazu der überschwängliche Erzählstil, mit einigen Längen garniert, führten bei mir phasenweise vom anfangs Besonderen zur Langweil und verführten immer wieder zum Querlesen.

Die Grundidee, einen Schrumpfkopf sozusagen zum Leben zu erwecken und seine Entwicklung zu dokumentieren und in viele kleine Geschichten innerhalb der Erzählung zu verpacken, gefällt mir nach wie vor sehr gut. Nur die Umsetzung traf nicht wirklich meinen Geschmack. Sehr gelungen finde ich aber die Reise durch Raum und Zeit – wir bewegen uns von Venezuela nach Europa, wo Peewee viele Länder bereist und durchleben dabei zwei Jahrhunderte – wobei wir durch den Schrumpfkopf Zeuge einiger geschichtlicher Prozesse werden.

Mehr über mein liebstes Hobby gibt es auf der Facebookseite Irve liest“ und dem Instagram-Account „irveliest“ zu erfahren. Hier zeige ich zeitnah, was ich gerade höre oder lese und geben dabei gerne einen ersten Eindruck preis. Über virtuelle Besucher und freundlichen, buchigen Austausch freue ich mich dort sehr.

Inhalt
Eine Tour de Force durch zwei Jahrhunderte und zwei Kontinente – ein magisch-literarisches Abenteuer mit einem der ungewöhnlichsten Erzähler der deutschen Literatur
Was auf den ersten Blick zu schräg wirkt, um gelingen zu können, entwickelt schon nach wenigen Seiten einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann: Um das Jahr 1780 gelangt ein Schrumpfkopf in den Besitz von Don Francisco, Beamter der spanischen Krone in Caracas. Als Wandschmuck in dessen Schreibstube hängend beobachtet er das Geschehen um sich herum ganz genau – und bemerkt wie nebenbei, dass er gerade dabei ist, ein Bewusstsein zu entwickeln. Und dass er sprechen kann. Doch als er schließlich zum ersten Mal den Mund aufmacht, sorgt das bei Don Francisco prompt für einen Herzinfarkt – und der Schrumpfkopf bekommt einen neuen Besitzer. Seine Reise führt ihn in den folgenden Jahrzehnten u. a. nach Rom, Paris, Frankfurt, London, Bamberg, Bukarest, Wien und Berlin. Er wird Zeuge historischer Begebenheiten und alltäglicher Kleinigkeiten. Und nach und nach findet er immer mehr über seine eigene Vergangenheit heraus.
Dem Fabulierer Koneffke gelingt es, das Leben seines unsterblichen, aber auch hilflosen Helden auf so grandiose Weise zu erzählen, dass man das Buch am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Dabei hilft ihm auch sein kluger und überaus gewitzter Erzähler, dessen »Menschwerdung« den roten Faden der Geschichte bildet und der einem im Laufe der Lektüre ans Herz wächst.

Autor
Jan Koneffke, geboren 1960 in Darmstadt, studierte und arbeitete ab 1981 in Berlin. Nach seinem Villa-Massimo-Stipendium 1995 lebte er für weitere sieben Jahre in Rom und pendelt heute zwischen Wien, Bukarest und dem Karpatenort Măneciu. Koneffke schreibt Romane, Lyrik, Kinderbücher, Essays und übersetzt aus dem Italienischen und Rumänischen.
Quelle: Galiani Berlin Verlag

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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