*+* Irve fragt…. Romy Hausmann (Liebes Kind, Marta schläft) *+*

Liebe Romy,

auf der LBM 19 habe ich dich kennengelernt und fand dich in deiner quirligen, lebhaften Art sehr sympathisch! Daher ist es mir nun eine Freude, dich interviewen zu dürfen! Möchtest du dich zuvor selbst für diejenigen vorstellen, die dich noch nicht (so gut) kennen?
Danke, liebe Heike. Oh ja, das war toll auf der LBM19, die ja vor allem auch meine erste Buchmesse als Autorin war. Ich habe ungefähr zehn Jahre lang am laufenden Band Manuskripte geschrieben (zwei davon wurden auch veröffentlicht, sind aber mordsmäßig gefloppt), bis ich 2019 mit meinem Thriller „Liebes Kind“ einen großen Erfolg landen konnte – das war wirklich überraschend, am meisten wahrscheinlich für mich selbst.

Viele verbinden dich lediglich mit deinen beiden Thrillern „Liebes Kind“ und „Marta schläft“, die neben einer fesselnden Lektüre auch den Blick tief in die menschliche Psyche gewähren. Aber das bildet nur deine aktuelle Entwicklung ab, denn du hast zuvor auch in anderen Genres geschrieben, und bist nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Medienberaterin, Fernsehjournalistin und bist eine der Redakteure von mymonk.de. Bist du auch jetzt in allen Bereichen aktiv, oder konzentrierst du dich im Moment mehr auf dein Dasein als Thriller-Autorin?
Für die Medien arbeite ich derzeit nicht, weil ich als Autorin jetzt einfach zu viele andere Verpflichtungen habe. Bei mymonk bin ich weiterhin aktiv, auch weil es mein absolutes Herzensprojekt ist. Ich habe oft darüber geschrieben, wie es sich anfühlt zu versagen, wenn ich eine weitere von unzähligen Absagen für eins meiner Manuskripte bekam. Einerseits ist dieser Blog ein gutes Instrument zur Selbstreflexion, vor allem aber habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, auch negative Erfahrungen weiterzugeben. Die heutige Zeit ist durch Instagram und Co. so darauf gepolt, nur die schöne Fassade zu teilen, dass viele Menschen sich fühlen, als machten sie etwas falsch in ihrem Leben, wenn sie den ganzen Stereotypen nicht entsprechen. Ich teile gerne mein Scheitern oder andere Momente, in denen ich derbe ins Klo gegriffen habe, um zu zeigen, dass das eigentlich gar nicht so schlimm ist. Es geht immer weiter und Versagen ist letztlich auch nur eine Streckenmarke auf einem langen Weg zu sich selbst.

Du bist in der DDR geboren und hast dort viele Grenzen am eigenen Leib und an der eigenen Seele erlebt. Als Kind versteht man noch nicht alles, aber dass es sich um „seltsame“ Regeln handelte, unter denen ihr gelebt habt, hast damals auch du schon verstanden. In einem Interview sagst du, dass du mit sechs Jahren nicht wusstest, was Cornflakes sind, während du die Bedeutung der Stasi kanntest. Das sind für jemanden wie mich, die nie solchen Grenzen ausgesetzt war, gruselige Gedanken, und ich habe mich schon oft gefragt, wie prägend solche Lebensumstände sind. 
Das sind sie, auf jeden Fall. Wahrscheinlich wirst du für den Rest deines Lebens sehr affin sein für das Thema „Freiheit“, wenn der Großteil deiner Kindheit daraus bestand, zu erleben, wie es ist, in einem Land eingesperrt zu sein und von fremden Leuten Grenzen gesetzt zu bekommen. Das fing damit an, dass man nicht alles kaufen konnte im Supermarkt, ging damit weiter, dass die Reisefreiheit sehr beschränkt war, und zum Teil sogar bestimmt wurde, ob man studieren durfte oder nicht. Was mich umtreibt, ist die Feststellung, dass wir uns heutzutage – wo wir in einem freien Land mit fast unbegrenzten Möglichkeiten leben – trotzdem oft innerhalb sehr eng gesteckter Grenzen bewegen. Grenzen allerdings, die wir uns selber setzen, weil wir Angst vor dem Scheitern oder zu wenig Selbstvertrauen haben, oder uns von anderen unsere Träume ausreden lassen. Manchmal ist es auch einfach die eigene pure Bequemlichkeit, die uns hemmt. Es gibt viele Menschen, die gar nicht anders können: Wäre ich zum Beispiel eine Krankenschwester im Schichtdienst und alleinerziehend mit drei Kindern, hätte ich sehr wahrscheinlich kein Buch schreiben können. Wann auch? Was ich aber nicht verstehe, sind die Leute, die ihrem Traum folgen könnten und es einfach nicht tun.

Als die Mauer fiel und West- und Ostdeutschland wieder vereinigt wurden, warst du ein Kind. Weißt du noch, wie du dich während dieser geschichtlichen Entwicklungen gefühlt hast?
Für mich war das Ganze schlichtweg ein großes Abenteuer, die wahren Ausmaße sind mir erst später als Erwachsene bewusst geworden.
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Als ich „Liebes Kind“ gelesen habe, wusste ich nichts von diesen deiner früheren Lebensumstände. Ich fand den Thriller genial, spannend, phänomenal (beliebig erweiterbar), aber nun, mit diesem Vorwissen, bekommen viele Details, manche Situationen und ebenfalls die Kulisse an sich rückblickend eine ganz andere Bedeutung und reißen eine weitere Dimension auf. Ist dein Thriller-Debut eine Art Vergangenheitsbewältigung für dich?
Nein, das ist es nicht. Letztlich schreibe ich aber gerne über Dinge, zu denen ich annähernd einen persönlichen Bezug habe. Mal ist das ein Gefühl, das ich selbst kenne, mal ein ganzes Thema wie eben zum Beispiel „Freiheit“. An anderer Stelle arbeite ich mit dem, was ich in meiner aktiven Zeit als Fernsehredakteurin bei Dreharbeiten und Interviews aufgesogen habe. Mir ist es wichtig, meine Figuren möglichst authentisch anzulegen, da hilft mir mein privater und beruflicher Background enorm.

Wie kamst du überhaupt auf die Idee zu dieser Geschichte mitten im Wald?
Als junge Fernsehredakteurin hat mich der Fall Natascha Kampusch seinerzeit sehr beschäftigt und irgendwie bin ich den geistig auch nie wieder so richtig losgeworden. Der Gedanke, dass es über Jahre hinweg – mitten unter uns, in einem normalen Wohnhaus – möglich gewesen war, einen Menschen wegzusperren und eine Art paralleles Leben mit ihm zu führen, hat mich tief und nachhaltig erschüttert. Die weitere Szenerie, eine ähnliche Geschichte in einer abgeschiedenen Hütte spielen zu lassen, rührt daher, dass ich selbst am Waldrand wohne und bei meinen Spaziergängen oft an diesen Hütten vorbeikomme. Ich habe mich oft gefragt, was da drinnen wohl vor sich geht (im Normalfall dienen diese Hütten den Waldbauern ja einfach dazu, ihre Geräte unterzubringen, aber theoretisch, ganz, ganz, ganz theoretisch könnte man auch gut jemanden darin gefangen halten).

Du lebst im wirklichen Leben selbst in einer einsamen Hütte am Wald, hat dich das zum Setting animiert? Auch „Marta schläft“ spielt ja teilweise abgeschottet an einem solchen Ort.
Um Missverständnissen direkt mal vorzubeugen: Es ist ein Haus, in dem wir leben! Es ist sehr, sehr klein, aber es ist ein Haus! Wir haben Strom und brauchen auch keinen Zirkulationsapparat, der für frische Luft sorgt. Aber ja, mein persönliches Lebensumfeld macht mich natürlich sehr empfänglich für solche Szenerien, wie sie in „Liebes Kind“ und „Marta schläft“ vorkommen. Allerdings müssen die Wälder ja im Thriller-Genre oft als entlegener, geheimnisvoller Ort herhalten – das ist ja nichts, was ich erfunden hätte. Es ist nun mal weitaus atmosphärischer, eine Geschichte dort spielen zu lassen als in einer Gartenlaubenkolonie am Rande einer beliebigen Großstadt.

Wie hast du die überbordenden, begeisternden Reaktionen auf „Liebes Kind“ empfunden? Ein solches Echo ist sicher der Traum jedes Autors, aber setzt einen das nicht auch unter Druck für die nächsten Bücher?
Das ist tatsächlich ein Thema, mit dem ich mich lange beschäftigt habe und ganz ehrlich: natürlich habe ich mir Druck gemacht. Aber ich habe eben auch gemerkt, dass mir das nicht guttut und mich beim Schreiben verkrampft. Inzwischen habe ich eine andere Einstellung dazu entwickelt. Du darfst ja auch nicht vergessen, dass es nicht ausschließlich Begeisterung gab. Ich habe oft gelesen: „Dieser Hype um Romy Hausmann geht mir auf die Nerven“, und es gab durchaus auch Meinungen, die schon schwer in Richtung Verriss gingen. Mittlerweile habe ich a) akzeptiert, dass ich einfach eine Autorin bin, deren Geschichten die Gemüter spaltet (was mir, ehrlich gesagt, aber auch sehr gefällt) und b) mich darauf zurückbesonnen, wofür ich hier eigentlich angetreten bin. Ich schreibe meine Geschichten so wie ich sie fühle und vor allem selber mag – das muss ich einfach tun, schließlich verbringe ich jedes Mal ein ganzes Jahr meines Lebens damit. Und ich akzeptiere, dass ich das, was später nach der Veröffentlichung daraus wird, einfach nicht mehr in der Hand habe. Ich kann nur weiterhin mein Ding machen und mich nicht verbiegen lassen. Sonst hätte ich doch auch gar keine Daseinsberechtigung – zumal es ja genau das ist, was zum Glück auch oft sehr begeistert erwähnt wird: Romy Hausmann ist speziell. Ja, Mann, und das ist gut so. Kurz: Ich bin im Frieden mit mir und meinem Tun.

Woher nimmt man dann die Ideen für den nächsten Thriller? Was hat dich zu „Marta schläft“ inspiriert?
In „Marta schläft“ kommt ganz klar meine Liebe zu alten Filmen zum Tragen, besonders das „Marnie“-Thema von Hitchcock, obwohl dieser Film im Gegensatz zu vielen anderen nicht explizit erwähnt wird. Ich wollte eine Geschichte im Stil der Films Noirs machen, eine undurchdringliche und doch klassisch angelegte Intrige, die man sich erst zusammenpuzzeln muss, bis sie am Ende ein ganzes Bild ergibt.

Bei „Marta schläft“ brauchte ich eine Weile, um in die Geschichte zu finden. Es erschien mir zunächst alles wirr – was sich später alles ganz klar aufgelöst hat – , wobei ich eigentlich einen guten Zugang zu den Charakteren hatte. Eigentlich, weil du immer ganz geschickt Wesentliches hinter dem Berg gehalten hast, und ich gar nicht anders konnte als immer weiter zu lesen, weil ich dringend wissen musste, was denn nun tatsächlich passiert ist, wie die Figuren tatsächlich – nach all den geschickten Täuschungen und Wenden – zusammenhängen und wie sie ganz auf ihr Innerstes reduziert ticken. Du erzählst nicht nur spannende Geschichten, du sezierst auch in gewisser Weise deine Charaktere und lässt den Leser teilweise in psychische Abgründe blicken. Warum ist dir das neben guter und fesselnder Unterhaltung wichtig?
Was anderes als die Psyche interessiert mich beim Thriller-Schreiben, ehrlich gesagt, auch gar nicht. Ich will nicht über Blut und Gedärme schreiben oder auf Seite 3 den Axtmörder hinter der Tür hervorspringen lassen. Das ist einfach nicht mein Ding. Viel spannender finde ich Beziehungsgeflechte und wie normale Menschen wie du und ich in Richtung Abgrund gedrängt werden – mal fallen sie, mal können sie sich halten. Für mich geht Authentizität über Effekthascherei.

Ganz besonders spannend für Leser und Blogger ist es, wie ihr Autoren eure Werke plant. Das eine Extrem ist die akribische Planung im Vorfeld und ein so detaillierter Plot, dass diese Vorarbeit schon ein dickes Bündel ergibt, das andere Extrem bilden die, die da so eine Idee im Kopf haben und dann mal gucken, was daraus wird. Gehörst du zu einer dieser Gruppen oder liegst du irgendwo dazwischen?
Ich plotte nur, wenn ich wirklich muss, ansonsten gehöre ich den Amok-SchreiberInnen.

Du hast einen Sohn, wie funktioniert das Schreiben von Thrillern als Mutter? Vor allem unter Corona-Bedingungen stelle ich es mir sehr schwer vor, raffitückische Verzwickungen im Griff zu behalten, wenn man ständig auf „Stand-by“ gestellt ist.
Na ja, mein Sohn ist inzwischen elf, da geht das natürlich sehr viel besser als noch vor ein paar Jahren. Ich habe ganz klare Arbeitszeiten wie jeder andere auch. Corona hat uns durch das Homeschooling zwar etwas andere Abläufe beschert, aber so war das halt, da muss man eben flexibel sein. Und ich hatte eh noch nie Probleme damit, morgens zwei Stunden früher aufzustehen oder abends, statt auf der Couch zu sitzen, noch mal an den Laptop zu gehen. Zumal Schreiben für mich ja keine Strafe ist – es gibt kaum etwas, das ich lieber tue.

Nach dem Buch ist bei Autoren meist vor dem Buch. Gibt es bei dir neue Thriller- oder andere Pläne? Darf sich deine Leserschaft konkret auf etwas freuen, oder brütest du noch?
Was ich schon sagen kann, ist, dass es dieses Jahr noch zwei Kurz-Thriller von mir geben wird. Einer erscheint in der Anthologie „Identität 1142“, die zur Hochphase von Corona auf Initiative von Sebastian Fitzek hin zustande gekommen ist, um den durch das Virus besonders im Frühjahr sehr gebeutelten Buchhandel zu unterstützen. Der zweite wird in einer Weihnachtsanthologie von Jan-Costin Wagner zu lesen sein. Was meine weiteren Pläne angeht, bin ich jetzt einfach mal schlau und halte mich bedeckt. Nur so viel: Die einen werden’s mögen, die anderen nicht. Wie immer halt bei mir.


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Liebe Romy,
vielen Dank für die Zeit, die du dir für die Beantwortung meiner Fragen genommen hast!

Und auch vorab liebsten Dank…..denn du stellst mir ein signiertes Hörbuch deines Thrillers „Liebes Kind“ zur Verfügung, das ich für Spendeneule LIA, sprich: zugunsten des Dattelner Kinderpalliativzentrums, versteigern darf – Hier kommt ihr zum entsprechenden Blogbeitrag -, ich freue mich sehr darüber, und unsere Leser sicher auch….

Bleib so ein lieber, quirliger und lebendiger Mensch, wie du es bist!

Alles Liebe,
Heike

Die Copyrights liegen bei
mir (1.Foto)
dtv (2. Foto/ Banner)
Astrid Eckert (3. Foto)
Hörbuch Hamburg (Cover des Hörbuchs)

 

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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