*+* Julia Walton: „Wörter an den Wänden“ (Hörbuch) *+*

Jesus liebt dich“ und „Sei kein Homo“, so lauten zwei Sprüche in der Jungentoilette der katholischen Schule, die der Hauptcharakter besucht. Zwei Aussagen, die man schon oft gehört oder gelesen und ganz schnell wieder vergessen hat. Für uns meist nicht von allzu großer Bedeutung, sind sie für Adam eine kurze und knappe Zusammenfassung seiner Situation, seiner Krankheit, seiner never ending story, wie er in einer ganz schlimmen, glücklicherweise kurzen Phase feststellt.
Der Jugendliche leidet an Schizophrenie und schildert ebenso sympathisch wie unter die Haut gehend, wie er sich damit fühlt und wie seine Umwelt darauf reagiert.

Zu Beginn des Hörbuchs nimmt Adam an der Studie eines neuen Medikaments teil. Bei den wöchentlichen Sitzungen mit den behandelnden und forschenden Ärzten ist er zwar präsent, schweigt jedoch. Als Kommunikationsweg dient ein ausführliches Tagebuch, das der Junge schreibt. Es scheint zwar etwas einseitig, da es einem immerwährenden Monolog gleicht, aber die erwartete Langeweile, blieb bei mir dennoch aus. Auch habe ich an keiner Stelle Längen empfunden. Einerseits schildert Adam so umfassend, intensiv, ungeschönt, treffend und unglaublich sympathisch – was nicht zuletzt an einer gehörigen Portion Selbstironie und Sarkasmus liegt -, andererseits liest der Sprecher Jonas Minthe dieses Tagebuch so lebendig, feinfühlig und emotional – ich hatte eigentlich durchweg das Gefühl, als säße ich mit Adam bei einem gemütlichen Plausch beisammen -, sodass ich der Autorin ohne Zweifel abgenommen hätte, sie habe die autobiografische Geschichte des Patienten aufgeschrieben. Adam ist jedoch fiktiv, die geschilderte gesundheitliche Grundlage aber realistisch. Die Autorin hat daraus eine Meisterleistung vollbracht.

Danke an Julia Walton, dass sie mit ihrem Buch das Stigma dieser Randgruppe thematisiert. Ja, schizophrene Menschen verhalten sich sicherlich hin und wieder sonderbar. Aber nicht, weil sie gaga sind oder Böses im Sinn führen, sondern weil es für sie verflixt schwer ist, die Realität in ihrem Kopf mit der unsrigen, normalen abzugleichen. Da bleiben Fehlreaktionen nicht aus. Natürlich ist Adam bestrebt, diese zu minimieren, im Idealfall gar auszumerzen, weshalb er sich Therapie für Therapie unterwirft, um Linderung zu erfahren. Aber alles hat seinen Preis. Denn keine Wirkung ohne Nebenwirkung – er beschreibt beides unglaublich gelungen in seinem Tagebuch. An vielen Stellen habe ich innerlich geweint, an manchen auch äußerlich. Warum muss es solche bewusstseinsverändernden Erkrankungen geben? Und warum müssen so viele Menschen ihre Stacheln aufstellen, sobald jemand anders ist? Warum werden Menschen, nur weil man in ihnen nicht lesen kann wie in einem Buch, so schnell in Schubladen gepackt und weggeschoben, manchmal gar verhöhnt oder der Lächerlichkeit preisgegeben?

Gottlob hat erfährt Adam auch das Gegenteil. Denn es gibt auch Menschen, die ihn bedingungslos lieben, verständnisvoll für ihn da sind, gemeinsam mit ihm kämpfen. Er hat das so sehr verdient. Denn er ist nicht nur schizophren, er ist auch an vielen Stellen ein ganz normaler Heranwachsender, mit ganz normalen Empfindungen und Gefühlen. Er werkelt gerne in der Küche, erlebt die erste Liebe, und ich habe ihm so oft meine Gedanken zugeflüstert, er solle bitte durchhalten, irgendwann würde sicher alles gut oder zumindest besser werden. Er arrangiert sich bewundernswert mit seinem Schicksal und gibt nie auf – und ich finde trotzdem, er habe es besser verdient…. Und das nicht zuletzt, weil er so ein toller und charakterstarker Typ mit dem Herz am rechten Fleck ist!

Ich wünsche allen Adams auf dieser Welt eine verständnisvolle Umwelt und Menschen, die bereit dafür sind, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, die nicht im Schubladen-System denken, denen die Begriffe Toleranz und Akzeptanz keine Fremdwörter sind – und die lediglich „Jesus liebt dich“ an eine Wand schreiben und auf das „Sei kein Homo“ verzichten.

Inhalt
Mit treffender Ironie erzählt der sechzehnjährige Adam seine Geschichte über das Anderssein. Adam kann Einbildung und Wirklichkeit nicht trennen. Er leidet unter Schizophrenie und sieht Menschen, die nicht existieren. Die intelligente Maya hingegen ist real, und Adam hat sich sofort in sie verliebt. Ein neues Medikament gibt ihm die Hoffnung, der Mensch zu werden, den sie in ihm sieht. Bis die Wunderpillen ihre Wirkung plötzlich wieder verlieren …

Autorin
Julia Walton lebt in Kalifornien. Wenn sie nicht liest, schreibt oder Kekse backt, frönt sie ihren anderen großen Leidenschaften – Süßigkeiten, Druckbleistiften und Frühstück in Hobbit-Ausmaßen.

Sprecher
Jonas Minthe studierte in Hannover und spielte Theater in Bremen, Bonn, und Hamburg, z.B. am Thalia Theater und im Ernst-Deutsch-Theater. Als Hörbuchsprecher ist er u.a. bei Der Club und Rendezvous mit einer Leiche zu hören.
Quelle: Hörcompany

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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2 Antworten zu *+* Julia Walton: „Wörter an den Wänden“ (Hörbuch) *+*

  1. Hören mag ich nicht, aber lesen auf jeden Fall. Absolut überzeugende Rezension.

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