*+* Miku Sophie Kühmel: „KINTSUGI“ *+*

„Kintsugi ist das japanische Kunsthandwerk, zerbrochenes Porzellan mit Gold zu kitten. Diese Tradition lehrt, dass Schönheit nicht in der Perfektion zu finden ist, sondern im guten Umgang mit den Brüchen und Versehrtheiten.“

Durch diese Definition war ich sehr gespannt darauf, was mich in diesem Roman erwarten würde. Meine Erwartungen waren zugegebenermaßen sehr hoch. Denn zusätzlich zu diesen Worten des Buchrückens hatte ich noch die gesprochenen Worte der Autorin im Ohr, denn ich habe sie bei einem Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse erleben können. Auch dort erklärte sie mitreißend die tiefere Bedeutung des Titels, faszinierte und begeisterte mich damit.

In allen zwischenmenschlichen Beziehungen gibt es Unstimmigkeiten, Risse, gelegentlich Brüche, die gekittet werden müssen. Daher war ich ebenso neugierig darauf, welches Personenkonstrukt Miku Sophie Kümel für den Leser ersonnen hatte, wie auf die allgemeine Übertragbarkeit auf andere Menschen und Situationen. Natürlich ist „Kintsugi“ kein Ratgeber, der dem Leser mundgerecht Probleme mit den passenden Lösungen auf dem Silbertablett serviert. Aber wenn ein Roman dem Leser etwas mitgibt, etwa neue Erkenntnisse oder neue Blickwinkel, mit denen man das eigene Leben und sich selbst konfrontieren kann, schätze ich das sehr.

Dieses Buch hat für meinen Geschmack seine guten und seine schlechten Seiten. Gut gefällt mir wie erwähnt die Grundidee, ebenfalls fand ich die räumliche, zeitliche und stilistische Umsetzung der Geschichte prinzipell gut durchdacht. Das Ganze hatte für mich etwas von einer Theateraufführung in vier Akten. Denn vier Personen verbringen – wie schon so oft zuvor – ein gemeinsames Wochenende am See, der Aktionsradius ist also begrenzt. Jede der Figuren bekommt ein eigenes großes Kapitel für sich, in dem er, überwiegend einem langen – mich hin und wieder ermüdenden – Monolog gleich, seine Sicht der Dinge beschreibt. Dabei blickt diese Person in sich selbst und gibt dem Leser sein Innerstes preis, betrachtet aber auch von außen die anderen drei Protagonisten. Dabei kommt es zu einer extremen Schieflage, denn nur der Leser weiß, was in jedem von ihnen vorgeht, gegenseitig lassen sich diese Menschen nämlich nicht in die Karten schauen. Durch dieses mehr Schein als Sein kommt es unausweichlich zu Spannungen, die zunächst zu inneren Rissen führen, ohne dass die Außenwelt etwas davon spürt. Als der Druck jedoch zu groß wird, kommt es zum Sprung – und vielen Scherben.

Betrachtet in dieser Abstraktion gefällt mir die Umsetzung gut, die tatsächlich gewählte Geschichte, die dieses Gerüst eigentlich mit Leben und Vielfalt füllen sollte, tut es leider nicht. Zu extrem und leider auch unlebendig, fast schon hölzern, sind mir die Figuren und ihr schwelendes Beziehungsgeflecht ausgearbeitet. Ein schwules Paar, das seinen zwanzigsten Ehrentag feiern möchte, der gemeinsame Bekannte, mit dem der eine mal was hatte, und die Tochter dieses Freundes – das alles ist mir zu gewollt, zu sehr konstruiert und auch häufig klischeehaft umgesetzt. Ebenso irritierte mich der Umgang dieser vier Personen miteinander, die seit Jahrzehnten Umgang miteinander pflegen. Vielleicht ist es der Tatsache geschuldet, dass die Autorin bei Weitem nicht über die Lebenserfahrung ihrer älteren Protagonisten und vieler ihrer Leser verfügt, aber mir erscheint es recht unglaubwürdig, dass jeder im Buch den anderen sein Innerstes verweigert und ganz platt gesagt eine Show abzieht. Den Grund für diese Oberflächlichkeit untereinander habe ich bis zum Schluss nicht verstehen können. Dass es dann zu so großen Spannungen kommen muss, die etwas zerbrechen lassen, ist nur eine Frage der Zeit. Zumal die vielen früheren Risse nicht wirklich gekittet wurden. Vielleicht lag das an der nicht gegebenen Vielfalt an Mitteln des „Vergoldens“. Denn bis auf (Versöhnungs-) Sex hatte die Autorin diesbezüglich keine für mich erkennbaren Ideen zur Auswahl, was ich sehr schade fand. Denn das Zwischenmenschliche hat doch noch viel mehr zu bieten.

„Kintsugi“ ist ein Roman mit Stärken und Schwächen. Sowohl die Wahl und Ausarbeitung der Charaktere und ihrer Beziehungen zueinander, als auch die räumliche und stilistische Umsetzung sind für mein Empfinden recht extrem gewählt und sicherlich Geschmackssache.

Inhalt
Es ist Wochenende. Wir sind in einem Haus an einem spätwinterlichen See, das Licht ist hart, die Luft ist schneidend kalt, der gefrorene Boden knirscht unter unseren Füßen. Gerade sind Reik und Max angekommen, sie feiern ihre Liebe, die nun zwanzig ist. Eingeladen sind nur ihr ältester Freund Tonio und seine Tochter Pega, so alt wie die Beziehung von Max und Reik. Sie planen ein ruhiges Wochenende. Doch ruhig bleibt nur der See.
»Kintsugi« ist ein flimmernder Roman über die Liebe in all ihren Facetten. Über den Trost, den wir im Unvollkommenen finden. Und darüber, dass es weitergeht. Wie immer geht es weiter.

Autorin
Miku Sophie Kühmel wurde 1992 in Gotha geboren. Sie hat an der Humboldt-Universität zu Berlin und der New York University studiert, unter anderem bei Roger Willemsen und Daniel Kehlmann. Seit 2013 erscheint ihre Kurzprosa regelmäßig in Zeitschriften und Anthologien. Seit kurz davor erzählt sie Geschichten auch in Radiostücken und Podcasts, die sie produziert. »Kintsugi« ist ihr erster Roman, für den sie mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2019 und dem »aspekte«-Literaturpreis 2019 ausgezeichnet wurde.
Quelle: Fischer Verlage

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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6 Antworten zu *+* Miku Sophie Kühmel: „KINTSUGI“ *+*

  1. juergenalbers schreibt:

    Hallo Heike,
    danke für die interessante Rezension. Es scheint sich wieder einmal zu beweisen, dass Lob und Preise noch kein gutes Buch machen. Wenn ich deine Besprechung so lese, bekomme ich die beklemmende Vorstellung einer sehr ambitionierten Autorin, der es aber an Antworten zu ihren Fragen fehlt.
    Liebe Grüße, Jürgen

  2. sirosesfb schreibt:

    Liebe Heike,

    vielen Dank für die schöne Rezi :). Dieser Roman steht schon so lange auf meinem Wunschzettel, und da es Weihnachten auch einen Büchergutschein gab, werde ich ihn mir bestimmt bald schnappen :).

    Schon mal ein schönes Wochenende gewünscht,
    Simone.

  3. monerls schreibt:

    Liebe Heike,
    total schade! Ich hatte dieses Buch auf meiner Merkliste. Buchpreisbücher und ich stehen oft auf dem Kriegsfuß, doch ich probiere immer wieder das eine oder andere aus. Das hier werde ich wohl überspringen. Danke für deine Meinung!
    GlG, monerl

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