*+* René Anour: „Im Schatten des Turms“ *+*

Alfred studiert Medizin und ist mit viel Leidenschaft dabei. Jedoch interessiert er sich nicht nur für die fachliche Seite, auch die Schicksale der Menschen liegen ihm sehr am Herzen. Das wird deutlich, als er im Rahmen einer Exkursion Insassen des Narrenturms untersucht. Aber sein Mitgefühl ist hier nicht gefragt, was im Lauf des Romans offenbar wird. Das macht Alfred ebenso zu schaffen wie mir.
Medizinisch geht der Autor leider nicht allzu sehr in die Tiefe, er beschränkt sich vielmehr überwiegend auf die Beschreibung der Zustände – und ist dabei nicht zimperlich, bildet dadurch jedoch die Gegebenheiten recht authentisch ab, was einen bleibenden Eindruck bei mir hinterließ.

Die zweite Hauptfigur neben Alfred ist Helene, eine junge Adelige, deren Leben nach dem Tod des Vaters komplett umgekrempelt wird. Durfte sie zuvor ihrer damals für Damen verpönten Leidenschaft, der Bildung, frönen, legt ihre neue Vormundschaft darauf keinen Wert mehr. Stil und Eleganz stehen nun auf dem Stundenplan. Dennoch darf sie vorerst Alfred als Hauslehrer für die anderen Disziplinen behalten, bis…. ja, bis der Lehrer und die motivierte Schülerin durch eine unglückliche Fügung auseinandergetrieben werden.

Nun verfolgen wir Alfred, wie er in den Krieg ziehen muss, aber auch, wie Helene unter der Knute der Tante leidet. Aber die junge Frau ist – wie wir wissen – nicht dumm, und beweist Geduld bei ihrem Plan, ihren grausamen Vormund mit den eigenen Waffen zu schlagen. Denn die Tante verfolgte vom ersten Tag in der Residenz Helenes einen perfiden Plan, der mir manchmal bei der Ausführung das Blut in den Adern gefrieren ließ und mich fragen, wer im Roman die wahren Irrsinnigen sind.

Ein bisschen Liebe, ein bisschen Spannung, ein bisschen Zeitgeschehen, ein bisschen historische Kulisse und ein sich großartig entwickelndes kriminalistisches Flair, das alles ist „Im Schatten des Turms“. Die Geschichte hat zudem einige unerwartete Wenden zu bieten, die häufig durch die sich entwickelnden Charaktere zum Tragen kommen. Für mich hätte der Liebesfaden gerne etwas gekappt werden können und dafür medizinisch mehr in die Tiefe gehen, aber das ist ja Geschmackssache. Ansonsten hat mich dieser historische Spannungsroman ziemlich gefesselt.

Der flüssige Schreibstil, die klug aufgebauten Protagonisten, die lebendige Atmosphäre, die tollen Schauplätze, die wissenschaftlichen Einschübe und die wendungs- und überraschungsreiche Geschichte ließen die Buchseiten nur so fliegen, gut eingepasst ist auch der historische Background Wiens und Österreichs im 18. Jahrhundert.

Inhalt
Hinter den Mauern des Narrenturms, der ersten psychiatrischen Heilanstalt der Welt … Ein hervorragend recherchierter und extrem spannender Roman, der ein außergewöhnliches Stück Medizinhistorie vor der Kulisse weltgeschichtlicher Ereignisse erzählt.
Wien, 1787. Der Medizinstudent Alfred ist fasziniert vom sogenannten Narrenturm. Hier werden erstmals die Irrsinnigen behandelt, ein ganz neuer Zweig der Medizin. Doch die Zustände sind erbarmungswürdig. Und der Anblick einer jungen Frau mit seltsamen Malen auf den Armen lässt ihn nicht los.
Die junge Adlige Helene war noch nie am Wiener Hof. Ihr Vater hält Schönbrunn für eine Schlangengrube und will seine Tochter möglichst lange von dort fernhalten. Doch er kann sie nicht beschützen.
Der Student, der zu viel sieht. Und die Adlige, die frei sein will. Zwei Menschen, ein Schicksal – das sich im Schatten des Turms entscheiden wird …
Ein großes historisches Panorama: vom Narrenturm bis nach Schönbrunn, vom idyllischen Jagdschloss bis in die Türkenkriege.

Autor
René Anour lebt in Wien. Dort studierte er auch Veterinärmedizin, wobei ihn ein Forschungsaufenthalt bis an die Harvard Medical School führte. Er arbeitet inzwischen bei der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit und ist als Experte für neu entwickelte Medikamente für die European Medicines Agency tätig. Sein historischer Roman «Im Schatten des Turms» beleuchtet einen faszinierenden Aspekt der Medizingeschichte: den Narrenturm, die erste psychiatrische Heilanstalt der Welt.
Quelle: Rowohlt Verlag

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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2 Antworten zu *+* René Anour: „Im Schatten des Turms“ *+*

  1. monerls schreibt:

    Ich habe es immer noch nicht geschafft, das Buch zu lesen! Nach Monas Rezi hab ich es mir sofort gekauft und nun subbt es. Ich hoffe, dass ich es dennoch dieses Jahr von dort erlösen kann, denn auch deine Rezi macht mir große Lust das Buch zu lesen. :-)
    GlG, monerl

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