*+* Kent Haruf: „Unsere Seelen bei Nacht“ *+*

Ab und zu mache ich mir Gedanken über das Leben an sich, das Älterwerden, den Tod. Eine Sache, die mich dann oft umtreibt ist die Frage danach, was ich tun werde, sollte ich „überbleiben“. Wie sähe mein verwaistes Leben aus? Ich denke, mit der Zeit würde es sicher gelingen, die Tage gut und ablenkend zu gestalten, aber was wäre mit den Abenden, mit den Nächten? Wie würde es sich anfühlen, alleine im gemeinsamen Bett zu liegen? Gerade dann würde sich das grausame Halbiertsein austoben wollen, von Leib und Seele Besitz ergreifen – Entrinnen unmöglich.

Während meine Gedanken gottlob rein theoretischer Natur sind, weiß die verwitwete Addie, weibliche Hauptfigur dieses Romans, leider genau, was ich meine. Eines Tages beschließt sie, diesen furchtbaren Nächten ein Ende zu bereiten. Sie macht ihrem Nachbarn Louis den Vorschlag, die Nächte miteinander zu verbringen – rein platonisch natürlich. Er lebt und fühlt sich ebenso allein wie sie, und willigt gerne ein. So liegen die beiden nachts immer häufiger beieinander und lernen sich besser kennen. Sie erzählen sich gegenseitig von ihren Leben, teilen tief vergrabene Erinnerungen miteinander.

Ihr seltsames Verhältnis bleibt nicht unbemerkt, jedoch geben die beiden nichts auf das Unverständnis der anderen Stadtbewohner. Ihre Beziehung wächst und gedeiht inzwischen mehrdimensional – bis Addies Sohn ein ganz subtiles Druckmittel gegen seine Mutter einsetzt, sollte sie die spezielle Freundschaft zu Louis weiterhin pflegen.

An dieser Stelle dreht sich für mich der Roman sehr zum Negativen. Hatte ich bis dahin interessiert und gelesen, wie sich das Verhältnis zwischen den beiden älteren Herrschaften entwickelt, und hatte ich mich bis dato sehr gefreut, dass sie sich von niemandem in ihre Privatangelegenheiten hineinreden ließen, so enttäuscht war ich letztendlich von Sturkopf Addie. Durch ihre nächtlichen Gespräche mit Louis hatte ich sie ein wenig kennengelernt und mich schon zuvor über einen bestimmten Charakterzug geärgert. Den Weg des kleinsten Widerstands zu wählen, mag zwar kurzfristig und vor allem für einen selbst sehr praktisch, unkompliziert und stressfrei sein, für die anderen Involvierten sind die Folgen nicht immer so leicht wegzustecken und zu verstehen. Man kann damit geliebten Menschen ganz schön vor den Kopf stoßen. So ist es früher geschehen und so passiert es auch jetzt wieder – zumindest habe ich so empfunden, denn für das eigentliche Problem, das es schlussendlich zu lösen galt, hätte es elegantere, freundlichere Lösungen geben können.
Aber wir sind alle unterschiedlich und gehen mit den Steinen, die im Weg liegen, ganz verschieden um.

Nach dem bezaubernden Beginn des Romans konnte ich mich jedoch leider so gut wie gar nicht mit Addie identifizieren. Bei Louis war es andersherum, er scheint aus den Fehlern in seinem Leben gelernt zu haben und hat sich durch seine Art, Probleme anzugehen, aber auch mit seiner Selbstkritik, Langmut und Geduld zu meiner heimlichen Hauptfigur entwickelt.

Inhalt
Holt, eine Kleinstadt in Colorado. Eines Tages klingelt Addie, eine Witwe von 70 Jahren, bei ihrem Nachbarn Louis. Sie macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: Ob er nicht ab und zu bei ihr übernachten möchte. Louis lässt sich darauf ein. Und so liegen sie Nacht für Nacht nebeneinander und erzählen sich ihre Leben. Doch ihre Beziehung sorgt für Aufsehen in dem Städtchen.

Autor
Kent Haruf, geboren 1943 in Colorado, war ein amerikanischer Schriftsteller. Alle seine sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado. Er wurde unter anderem mit dem Whiting Foundation Writers’ Award, dem Wallace Stegner Award und dem Mountains & Plains Booksellers Award ausgezeichnet. Sein letzter Roman, ›Unsere Seelen bei Nacht‹, wurde zum Bestseller und mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen verfilmt. Haruf starb 2014.
Quelle: Diogenes Verlag

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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4 Antworten zu *+* Kent Haruf: „Unsere Seelen bei Nacht“ *+*

  1. Oh ja, ich konnte es auch so überhaupt nicht verstehen, wie Addie sich verhalten hat. Allerdings hat mir das Handeln ihres Sohnes noch weniger gefallen.
    Ich liebe aber die Art, wie Haruf schreibt. Kennst du die anderen Bücher von ihm? Unbedingt lesen!

    • irveliest schreibt:

      Da hast du recht, er war auch nicht besonders nett. Allerdings hat sie sich sein Verhalten zum großen Teil selbst zuzuschreiben, finde ich….mal davon abgesehen, dass man ein solches Druckmittel niemals einsetzen sollte, egal, unter welchen Umständen.

  2. sirosesfb schreibt:

    Ich kenne kein Buch von Kent Haruf – liegt daran, dass mich die Storys bisher nicht so sehr gereizt haben. Vielleicht auch besser so, wie ich das hier gerade so lese… Finde es gut, dass auch negative Meinungen bei Dir auftreten. Man soll immer ehrlich sein.

    Liebe Grüße,
    Simone.

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