*+* Anne Griffin: „Ein Leben und eine Nacht“ (Hörbuch) *+*

Maurice hat in seinem Leben viele Höhen und Tiefen durchlebt und durchlitten, aber nach dem Tod seiner Frau Sadie vor wenigen Jahren fühlt er sich zunehmend als Statist, überflüssig. Sein Lebenselixier ist nicht mehr da, sein Sohn wohnt weit weg und der alte Mann ist verflixt einsam. So kommt es, dass er ab und zu seine Abende an einer Hotelbar verbringt – wie auch an diesem Abend. Und dieser Abend ist ein ganz besonderer, denn Maurice zieht die Bilanz seines 84-jährigen Lebens. Er erhebt fünf Mal sein Glas auf Menschen, die eine besondere Bedeutung für ihn hatten und immer noch haben, die ihn geprägt haben, die er fest in seiner Erinnerung geschützt hält. Dabei hält er in Gedanken einen Monolog, er richtet seine Gedanken an seinen Sohn, erzählt ihm und den Hörern sein Leben. Maurice geht nicht chronologisch vor, die Gedanken kommen und gehen, es gibt Themen- und Zeitsprünge, die schließlich den bunten Flickenteppich seines inzwischen verzweifelten Seins flechten.

Der Erzählton ist mal heiter, aber überwiegend melancholisch, bedrückt und verzweifelt, gelegentlich vor Freude überbordend – so wie sein Leben mit den vielen Facetten eben war. Brillant eingefangen hat diese Stimmungen der Sprecher Reinhard Kuhnert. Bei geschlossenen Augen hatte ich oft das Gefühl, keinem Hörbuch zu lauschen, sondern mit Maurice höchstpersönlich an der Bar zu sitzen, seinen Erzählungen zu lauschen und im an diesem verzweifelten Abend Gesellschaft zu leisten.

Obwohl die Lebenserinnerungen authentisch und greifbar geschildert werden, ich auch in gewisser Weise mit dem einsamen Mann mitfühlte, blieb dennoch eine merkwürdige Distanz zu ihm. Vielleicht hat die Autorin gelegentlich zu sehr auf die Tränendrüse gedrückt, vielleicht hat die Romanvorlage für meinen Geschmack auch einige Längen und Leerläufe zu viel, so richtig ist der Funke der Begeisterung jedenfalls nicht auf mich übergesprungen.

Dennoch, ganz kalt hat mich die Geschichte nicht gelassen. Sie stimmt an manchen Stellen wirklich sehr nachdenklich. Man erlebt jede Situation nur einmal und hat nicht immer die Gelegenheit, Geschehenes zu korrigieren. Was auch immer man tut, man hinterlässt damit Spuren, mit deren Folgen man zu leben hat. Ich stellte mir vor, wie ich später mal Bilanz über mein Leben ziehen würde. Werde ich so deprimiert und verlassen wie Maurice sein? Werde ich auch nur in Gedanken zu meinen Söhnen sprechen können, weil niemand bei mir ist? Welche Erinnerungen werden zum Schluss maßgeblich sein? Auf welche Menschen werde ich dann einen Toast aussprechen wollen, und warum?
Bin ich jemand anders irgendwann einmal eine solche Würdigung wert?

Auch wenn die Geschichte an sich mich nicht wirklich mitgerissen hat, so intensiver wirkt die Botschaft zwischen den Zeilen. Daher möchte ich eine Hörempfehlung für „Ein Leben und eine Nacht“ aussprechen, zumal der Sprecher Maurices Abend sehr gelungen in die Audioversion übertragen hat.

Inhalt
In einer irischen Kleinstadt sitzt Maurice Hannigan, 84 Jahre alt, an einer Hotelbar und blickt auf sein Leben zurück. Fünf Mal wird er im Lauf des Abends sein Glas erheben, um auf die wichtigsten Menschen in seinem Leben anzustoßen und seine Geschichte zu erzählen. Maurice stammte aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater war Bauer, die Mutter arbeitete als Küchenmagd. Sein großer Bruder, den er über alles liebte, starb noch in der Kindheit. Wir erfahren, wie Maurice seine große Liebe Sadie kennenlernte, wie beide ihr erstes Kind verloren und er zu einem wohlhabenden Mann wurde. Der Mann, der seinen Gefühlen kaum Ausdruck verleihen konnte, erzählt in dieser Nacht von Momenten der Freude und des Zweifels, von verpassten Chancen und der Tragödie seines Lebens, die er vor allen versteckt hielt.

Sprecher
Reinhard Kuhnert ist Dramatiker, Regisseur, Schauspieler und mit eigenen Liedern und Texten auf der Bühne zu sehen. Als Synchronsprecher leiht er u.a. Peter Coyote, Martin Sheen und André Dussolier seine Stimme. Sein warmes, dunkles Timbre zieht den Hörer unwiderstehlich in den Bann.
Quelle: Argon Verlag

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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