*+* Andre Agassi: „OPEN“ *+*

Tennisfans und vor allem ältere Semester erinnern sich sicher an ihn: Andre Agassi, das enfant terrible des Tennissports. Der Spieler, der zeitweise mehr wegen seines äußeren Erscheinungsbildes und auffälligen Verhaltens als wegen seiner Leistungen auf dem Tennisplatz in aller Munde war, ist nun als Autor zurückgekehrt. Oftmals tun es Sportler a.D., um wieder in den Fokus zu rücken und eine neue Geldeinnahmequelle zu akquirieren. Dieses Buch wirkt eher so, als ob es Agassi ein Bedürfnis war, in seinem Innersten klar Schiff zu machen und seine Erfahrungen und Erinnerungen mit anderen zu teilen.

In OPEN zeichnet er ein schockierendes Selbstporträt, das mich sehr berührt hat. Als Zuschauer sieht man nur, was auf dem Court geschieht. Man freut sich über gelungene Ballwechsel – die jedoch meist als selbstverständlich erachtet werden, denn wofür trainieren die Spieler schließlich? -, ärgert sich über vermeintlich unnötige Fehler und nimmt ansonsten sämtlichen Reize wahr, die auf Augen und Ohren treffen. Dinge, über die sich viele andere gerne das Maul zerreißen. Wie oberflächlich das alles ist, ist mir erst durch das Lesen dieses Buches klar geworden. Niemand bestreitet sein Spiel nur halbherzig. Jeder möchte gewinnen, sein Bestes geben. Ist ein Spieler oben auf dem Tennis-Olymp, ist er everybody´s darling, erfüllt er die Erwartungen des Publikum nicht, ist er unten durch, Kanonenfutter, Fußabtreter für oftmals den eigenen Frust der anderen. Wer damit gut umgehen kann, vor dem ziehe ich den Hut.

Noch schlimmer als dieses „kurzsichtige“ Verhalten der Zuschauer, Journalisten und anderer fremder Menschen ist jedoch das Verhältnis zu denen, die einem näher stehen. Andre Agassi erzählt von dem Drill, dem sein Vater ihn von frühester Kindheit an aussetzte. Für ihn zählte nur der Erfolg, jeden kleinsten Fehler prangerte er an und versuchte mit allen Mitteln, das große Talent seines Sohnes in Erfolg und bare Münze umzusetzen – warum nur war er derart getrieben und besessen? Dass Andre dadurch Tennis von Kleinauf hasste, interessierte den Vater nicht. Ich weiß nicht, ob er seinen Sohn überhaupt als Mensch wahrnahm. Es drängte sich mir immer wieder der Verdacht auf – und an den Stellen fiel mir das Lesen unendlich schwer -, dass er in ihm eine Maschine sah, die man nur an den richtigen Hebeln und Knöpfen bedienen musste, damit sie perfekt funktionierte.

Was aber tun, wenn man selbst diese Maschine ist? Sich gegen den Vater stellen und mit dem Spielen aufhören? Das ist schwer, wenn nicht unmöglich, wenn man ein Jugendlicher ist, und nicht selbst für sich sorgen kann. Der Junge brauchte ein Ventil – der Weg zum „Paradiesvogel Agassi“ war geebnet.

Andre Agassi mangelte es an vielen Dingen. Wenn man sich derart einer einzigen Sache verschreiben muss, bleiben andere Sachen auf der Strecke. Auch die Seele litt, und nicht zu knapp. Umso wunderbarer ist es, dass dieser begnadete Tennisspieler sich seinen Sinn für die feinen Schwingungen bewahrt hat. Er ist nicht auf sich selbst fokussiert. Neben seiner Familie, die ihm großen Halt gibt, liegen ihm auch fremde Kinder sehr am Herzen. Er möchte ihnen das, was ihm über weite Strecken fehlte, geben. Er hat ein College für bedürftige Kinder gegründet, dort bekommen sie Bildung und ein gestärktes Selbstbewusstsein. Die Sorgen anderer wahrzunehmen und darüber hinaus zu mindern, ist ganz groß, und für mich umso höher anzusiedeln, da durch dieses Selbstporträt offenbar wird, wie dunkel, verzweifelt und vermeintlich aussichtslos es in dem einstigen Top-Spieler oft ausgesehen hat. Trotzdem bleibt er an jedem Punkt fair und entwickelt sogar ein gewisses Verständnis für das Verhalten derer, die ihn prägten.

OPEN ist weder eine Aneinanderreihung von Fakten noch eine Selbstbeweihräucherung über die eigenen großen Leistungen. Ganz im Gegenteil. Andre Agassi reflektiert sein Leben und die Einflüsse der betroffenen freiwilligen und unfreiwilligen Wegbegleiter schonungslos und ehrlich. Er verlagert sich nicht aufs Lamentieren, bringt eher nüchtern auf den Punkt, wie er die Entwicklung seines Lebens empfunden hat. Er berichtet sehr umfassend und gibt den Lesern somit einen tiefen Einblick in sein Innerstes. Zukünftig werde ich Tennisspiele aus einem anderen Blickwinkel sehen…..
OPEN ist ein interessanter, sehr unterhaltsamer, kurzweiliger und vor allem informativer und für mich stellenweise auch schockierender Einblick in das Leben des einstigen Tennisstars. Ich gönne ihm von Herzen das Glück, das er in seiner Familie gefunden hat.

Inhalt
Andre Agassi ist einer der talentiertesten Tennisspieler der Welt, doch sein Erfolg war hart erkämpft. Bereits von frühester Kindheit an trieb ihn sein Vater zum Tennis bis das Wunderkind aus einer Einwanderer-Familie durch eiserne Disziplin und stundenlanges, gnadenloses Training zum rebellischen Superstar auf dem Centre Court wurde. »Ich hasse Tennis«, gestand Andre Agassi, als er auf der Weltrangliste ganz oben stand – und abstürzte. In seiner Autobiografie spricht er offen und ehrlich über schmerzhafte Niederlagen, Erfolgsdruck und ein Leben zwischen Perfektionsdrang und Rebellion. Sein spektakuläres Comeback entgegen aller Widerstände und seine Liebe zu Steffi Graf machten Andre Agassi schließlich zu der großen Persönlichkeit, die er heute ist. Er fördert die Schulbildung benachteiligter Kinder und kann ihnen das zurückgeben, was sein Triumph ihn selbst gekostet hat.
„Open“ ist das schonungslose und zutiefst emotionale Selbstporträt eine Ausnahme-Sportlers, das die innere Dynamik des Tennisspiels und die äußere Dramatik des Ruhms so eindringlich beschreibt wie nie zuvor.

Autor
Andre Agassi war von 1986 bis 2006 professioneller Tennisspieler. Er stand mehrmals an der Spitze der Weltrangliste und gewann acht Grand-Slam-Turniere. Als einziger Spieler hat er den Golden Slam gewonnen – alle Grand-Slam-Titel und die olympische Goldmedaille. Darüber hinaus war er einer der besten Davis-Cup-Spieler. Als Begründer der Andre Agassi Charitable Foundation hat er bislang Spenden in Höhe von mehr als 85 Millionen US-Dollar für die Andre Agassi College Preparatory Academy gesammelt, eine Privatschule für benachteiligte Kinder in seiner Heimatstadt Las Vegas. Mit seiner Frau Stefanie Graf und den beiden Kindern Jaden und Jaz lebt er in Las Vegas.
Quelle: Droemer Knaur

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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