*+* Delia Owens: „Der Gesang der Flusskrebse“ *+*

Um es vorwegzunehmen, dieser Roman ist zu groß für meine Worte. Nichts kann auch nur annähernd beschreiben, wie sehr mich „Der Gesang der Flusskrebse“ erreicht, berührt und begeistert hat. Ich versuche dennoch, meine Gedanken über diese Geschichte niederzuschreiben.

Kya ist das jüngste Kind der Familie. Sie leben in der Marsch, einem unwirtlichen Gebiet, in dem das Überleben manchmal ein Kampf ist. Von Kleinauf an diese harten Zustände gewohnt, kann Kya mit Kargheit umgehen und muss es etwas später auch auf menschlicher Ebene lernen. Denn ihre Familie verlässt sie, einer nach dem anderen. Am schlimmsten trifft sie der Weggang der Mutter. Nun ist sie mit Bruder und Vater die einzige Frau im Haus. Ein Kind noch, aber gezwungen, die schäbige Behausung und den Rest der Familie zu versorgen, bis zunächst der Bruder weggeht und später der Vater eines Tages nicht mehr wiederkommt. Zu diesem Zeitpunkt ist Kya zehn Jahre alt. Und ich hatte nicht einen Moment lang Zweifel, dass sie mit dieser neuen Situation nicht klarkommen könnte.

„Kya legte ihre Hand auf die atmende nasse Erde, und die Marsch wurde ihr zur Mutter.“

Sie zieht sich noch mehr zurück als sie es ohnehin schon immer gerne getan hat. Von allen verlassen, hält sie sich erst recht von anderen Menschen fern, wann immer das möglich ist. Stattdessen wird sie immer mehr eins mit der Marsch, diesem grandiosen, kleinodartigen Gebiet. Ich konnte Kya so gut verstehen, als sie mit den Tieren Freundschaft schloss, manchmal wirkte es gar, sie würde sie zähmen und ihre menschlichen Konturen verschwimmen lassen. Sie lernte von den Tieren, manchmal gelang es ihr, deren Verhalten auf das der Menschen zu übertragen.

Kya besucht nur an einem einzigen Tag die Schule und durch eine glückliche Fügung lernt sie später die Fähigkeiten des Lesens und Schreibens. Mehr Bildung wurde ihr von außen nicht zuteil. Und dennoch erschien sie mir zunehmend lebensweiser und klüger als viele von denen, die es eigentlich hätten sein sollen. Dieses autodidaktische Talent stärkt das Marschmädchen, als das Kya von vielen Bewohnern der nahen Stadt bezeichnet wird, ein ums andere Mal. Ihre innere Kraft und Zähigkeit sind überproportional und ein unabdingbarer, idealer Schutz für die Lebensweise, die sie gewählt hat.

„Sie stand auf und spazierte in die Nacht, in das sahnige Licht des Dreiviertelmondes. Die weiche Luft der Marsch senkte sich seidig um ihre Schultern. Das Mondlicht wählte einen unerwarteten Pfad durch die Kiefern, warf rhythmische Schatten. Kya ging wie eine Schlafwandlerin, während sich der Mond nackt aus dem Wasser hob und Ast für Ast die Eichen hinaufkletterte. Der glatte Schlamm am Ufer glänzte in dem intensiven Licht, und Hunderte Leuchtkäfer sprenkelten den Wald.“

Trotz allem ist auch Kya keine Insel. Trotz ihrer zunehmenden Verschmelzung mit der Marsch und ihrer großen Abschottung vor anderen Menschen, brechen irgendwann rudimentäre Gefühle aus ihr heraus. Sie sehnt sich nach körperlicher Nähe, nach Zweisamkeit, nach Liebe, nach Nahrung für ihr Herz. Und damit beginnt das eigentliche Drama, denn mit menschlichen Verhaltensmustern kennt sich Kya nicht aus, sie folgt im Zweifelsfall den Instinkten der Natur und verschließt ihr Herz ein Stück mehr, anstatt ihre inneren Konflikte zu lösen. Denn dazu hätte sie sich aus der Isolation lösen müssen und auf die Menschen zugehen.

Das Marschmädchen ist mir von der ersten Seite an ans Herz gewachsen. Ihre Situation im Kindesalter bedrückte mich sehr und ich war fast schon stolz auf sie, wie sie ihr Schicksal meisterte, wie sie aus eigener Kraft nicht nur überlebte, sondern ein mehr oder weniger glückliches Leben führte – bis die ersten Wolken am Horizont den klaren Blick trübten.

Als ein angesehener Bürger der Stadt tot aufgefunden wird, und hinter vorgehaltener Hand fast jeder Kya daran die Schuld gibt, konnte ich es kaum fassen. Immerhin bekam sie einen Prozess, aber wie fair konnte der sein? Die Gerichtsverhandlungen habe ich während des Lesens als nervenzerfetzend empfunden, es ging auf und ab für die Angeklagte, und spätestens jetzt konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

„Der Gesang der Flusskrebse“ ist ein Meisterwerk, mein bisheriges buchiges Jahreshighlight, und ich hoffe sehr, dass die Autorin nach diesem Roman-Debut weitere Bücher im gehobenen Unterhaltungsbereich schreiben wird.
Gelungene, mehrdimensionale, authentische Charaktere, die durch eine intensive, hochkarätige Geschichte miteinander verbunden sind, haben mich durchweg begeistert. Der Erzählstil, der mal ruhig wie ein sanfter Bach, mal mitreißend wie ein wilder Fluss anmutet, und die lebendige Sprache auf hohem Niveau mit Platz für Poesie und Lyrik, faszinierten mich zudem ebenso wie die großartigen, fast anerkennenden Schilderungen der atmosphärischen Marsch – ein überragendes Setting, das in seiner Intensität, Eindringlichkeit und Wirkung für mich zu einem nichtmenschlichen Protagonisten wurde!

Fazit
Leseschatz entdeckt!!
Auch im Nachhinein bin ich noch völlig hin und weg von diesem berührenden, zarten und zugleich kraftvollen Buch. Die Charaktere sind ebenso allererste Sahne wie die grandiosen Landschaftsszenen. Der eingeflochtene Kriminalfall fesselte mich ebenso, wenngleich auf ganz andere Weise, und ich versuchte natürlich wieder alle möglichen und unmöglichen Zusammenhänge zu suchen und zu finden. Das Ganze dazu auf für mich sprachlich hohem Niveau und bedeutsamem Inhalt auch zwischen den Zeilen.

Eine wirklich gelungene Hommage an das Leben und seine Kraft, die Natur und die Liebe!

Inhalt
Chase Andrews stirbt, und die Bewohner der ruhigen Küstenstadt Barkley Cove sind sich einig: Schuld ist das Marschmädchen. Kya Clark lebt isoliert im Marschland mit seinen Salzwiesen und Sandbänken. Sie kennt jeden Stein und Seevogel, jede Muschel und Pflanze. Als zwei junge Männer auf die wilde Schöne aufmerksam werden, öffnet Kya sich einem neuen Leben – mit dramatischen Folgen. Delia Owens erzählt intensiv und atmosphärisch davon, dass wir für immer die Kinder bleiben, die wir einmal waren. Und den Geheimnissen und der Gewalt der Natur nichts entgegensetzen können.

Autorin
Delia Owens, geboren in Georgia, lebt auf einer Ranch in Idaho. Über zwanzig Jahre erforschte die Zoologin in verschiedenen afrikanischen Ländern Elefanten, Löwen und Hyänen. Als Kind verlebte Owens die Sommerurlaube mit ihren Eltern in North Carolina, wo auch ihr Romandebüt spielt.
Quelle: Hanser Literaturverlage

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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6 Antworten zu *+* Delia Owens: „Der Gesang der Flusskrebse“ *+*

  1. Was für eine Rezension – komplett überzeugt. Das Buch wandert sofort auf meine Liste.

  2. monerls schreibt:

    Ach wie toll, dass man nun doch wieder kommentieren kann! Deine Begeisterung in der Rezension ist greifbar und macht jedem Lust das Buch zu lesen! Ich habe es gehört, von der wunderbaren Luise Helm gesprochen, und bin ebenso begeistert wie du! Habe deine Rezi bei mir verlinkt! :-)
    GlG, monerl

  3. Liebe Heike,
    das klingt wirklich nach einem sehr lesenswerten Buch! Deine Rezension hat mich ziemlich neugierig gemacht – das Buch steht auch meiner Wunschliste. :)
    Liebe Grüße
    Nicole

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