*+* Gabriel Katz: „Der Klavierspieler vom Gare du Nord“ (Hörbuch) *+*

Manchmal geht das Leben seltene Wege. Und manchmal legt es einem nicht nur Steine in den Weg, sondern etwas anderes – wie in diesem Fall ein Klavier. Für Mathieu ist das Klavierspielen ein Lichtblick in seinem tristen, kargen Leben, das zunehmend in Schieflage gerät. Er wohnt in heruntergekommenen Verhältnissen gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder bei der Mutter, die es mehr schlecht als recht schafft, ihre Familie durchzubringen. Ein Ausweg scheint unmöglich und so ist es kein Wunder, dass Mathieu der Verlockung des schnellen Geldes nachgibt – mit Folgen.

Pierre hingegen scheint auf den ersten Blick begünstigt vom Leben zu sein. Er hat einen angenehmen Job als Direktor des Konservatoriums, dem er mit Herzblut nachgeht – vor allem, seit dem Tod seines Sohnes. Denn dieser Verlust hat weite Kreise gezogen und wirklich lebenswert erscheint ihm sein Leben nur noch im Bereich der Musik.

Als ob das Schicksal es so gewollt hätte, lauscht Pierre einmal Mathieu, als er selbstvergessen am Klavier des Gare du Nord spielt. Er ist begeistert von der Interpretation des jungen Mannes und kann kaum glauben, dass dieses Können rein auf Talent und Gehör als auf langfristigem Unterricht beruht. Pierre ist wild entschlossen, diesen Edelstein zu schleifen und zu formen. Die fehlenden Noten- und andere Grundlagenkenntnisse und Mathieus miserables, unhöfliches Verhalten stören ihn nicht, im Gegenteil. Ich hatte das Gefühl, dass dieses „Jetzt erst recht!“-Gefühl durch Pierre ruckte, dass er Mathieu, den Wilden, den Gesetzlosen zähmen musste, um…. ja, um was eigentlich?

Das erfährt der Hörer im Laufe des Hörbuches auf berührende Weise und ich konnte den Konservatoriums-Direktor sehr gut verstehen. Hoffte mit ihm, dass Mathieu sein Angebot, am renommierten Klavierwettbewerb teilzunehmen und sich folglich allen entsprechenden Verpflichtungen zu stellen, annahm. Nicht nur für ihn, den Entdecker des Talents, sondern auch für den jungen Mann selbst. Das wäre doch die Chance, ein anderes Leben kennenzulernen, mal über den Tellerrand zu schauen, einer anderen Art des Seins „Hallo“ zu sagen und möglicherweise die Weichen des späteren Lebens neu zu stellen. Aber so einfach ist das nicht.

Jeder ist in und mit seinem Umfeld verwoben. Mathieu liebt das neue Leben, den Chic, die Weltoffenheit, den ungewohnten Menschenschlag – vor allem einen dieser Menschen -, die Chancen, die sich ihm offenbaren. Jedoch kann er seine Flügel letztendlich nicht so problemlos öffnen, denn seine Wurzeln in Form von Mutter und Bruder, dessen einzige wirkliche Bezugsperson er ist, sowie seiner schrägen Kumpanen sind stark.

Ein Teil von Pierres Wurzeln wurden durch den Tod seines Sohnes gekappt, er selbst geriet dadurch ins Wanken und möchte eine neue Stütze finden, ein neues „Standbein“, um die Lücke in seinem Herzen und Leben zumindest etwas zu füllen. Ist es der richtige Weg, sich derart um Mathieu zu kümmern?

Während des Hörens wurde ich so manches Mal zum Nachdenken angeregt, es ergaben sich viele Fragen in der Geschichte, sie bot jedoch nicht auf alles eine Antwort. Passend dazu ist das Ende auf gewisse Art und Weise offen geblieben, was mich ausnahmsweise nicht stört, weil es zum Stil des Inhalts und der Erzählweise des Romans passt. Unwillkürlich machte ich mir immer wieder Gedanken über mein Leben und das meiner Vertrauten, unsere Steine im Weg, unsere Chancen und möglichen Entwicklungswege.

In einem Spruch heißt es: „Wenn Gott dir die Tür zuschlägt, öffnet er dir ein Fenster.“ Ich denke, man kann es im Leben so halten wie hier Pierre und vor allem Mathieu es tun. Man sollte sich ausgiebig umsehen, die Aussicht auf sich wirken lassen und dann entscheiden, ob der weitere Weg durch dieses Fenster seinen Beginn nehmen soll, oder ob man lieber auf das nächste Fenster warten sollte, das einen anderen Ausblick bieten wird. Und manchmal öffnet sich vielleicht auch wieder die Tür einen Spalt breit….

Nachdem ich nur sehr schleppend in die Geschichte gekommen bin
– die beiden Perspektiven von Mathieu und Pierre verwirrten mich, weil ich zunächst die Sprecher nicht gut auseinanderhalten konnte – fasste ich zunehmend Fuß in dem Erzählten und ich konnte gut eine Verbindung zu den beiden Hauptakteuren, aber auch den meisten anderen Protagonisten, finden. Der Inhalt packte mich zunehmend, ab ungefähr der Hälfte wollte ich das Hörbuch am liebsten nicht mehr ausschalten. Die Handlung schraubt sich spannungsmäßig in mehreren Punkten permanent nach oben und sowohl der langsame Aufbau und Entwicklung der Personen und ihrer Beziehungen untereinander als auch das stringente Ende haben mir sehr gut gefallen.

Die Sprecher fühlen sich gut in die Figuren ein und transportieren deren Sicht auf die Dinge, ihre Gefühlslage, Zweifel, Hoffnungen, und was sie sonst umtreibt, überzeugend.

Inhalt
Eine ungewöhnliche Freundschaft – zwei gegensätzliche Welten – ein Pakt
Der Junge aus der Pariser Vorstadt und der Direktor des Konservatoriums wären sich nie begegnet, stünde da nicht ein Klavier am Gare du Nord. Der 20-jährige Mathieu ist auf der schiefen Bahn und hat nichts außer einem großen musikalischen Talent. Pierre dagegen hat alles, verwindet aber den Verlust seines Sohnes nicht. Das ungleiche Paar schließt einen Pakt: Pierre ermöglicht Mathieu die Teilnahme am renommiertesten Klavierwettbewerb des Landes. Wird Mathieu die Chance seines Lebens ergreifen? Und warum tut Pierre all das für ihn?

Sprecher
Elmar Börger ist neben seiner Arbeit am Theater ein mitreißender Vorleser: Seine junge, tiefe Stimme macht das Gehörte unmittelbar erlebbar.
Oliver Siebeck ist ein bekannter Synchronsprecher für Fernsehen und Film. So leiht er seine Stimme u. a. Schauspielern wie Daniel Craig, Greg Grunberg oder Scott Patterson. Zudem ist Siebeck ein beliebter Hörbuchsprecher, dessen dunkle, raue Stimme große Spannung erzeugt. Oliver Siebeck lebt in Berlin.
Quelle: Argon Verlag

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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