*+* Esi Edugyan: „Washington Black“ *+*

Die Hauptfigur dieser im neunzehnten Jahrhundert spielenden Geschichte ist der Namensgeber für das Buch. In „Washington Black“ lernen wir den elfjährigen Wash kennen. Er lebt als Sklave auf der barbadischen Faith Plantage. Sein Leben hat bisher nur aus schlechten und noch schlechteren Tagen bestanden, denn sein Herr – in mir kriechen auch jetzt noch Wut und Hass hoch, wenn ich an dieses Monster denke – ist an Willkür und Grausamkeiten nicht zu überbieten. Als dessen Bruder Titch zu Besuch kommt, wendet sich das Blatt und Wash darf am zarten Duft des Glücks schnuppern. Titch ist Wissenschaftler durch und durch, besessen von seinem aktuellen Projekt, einem Luftschiff. Dafür braucht er dringend einen Assistenten und weil der Junge die richtige Größe und Statur hat, wählt der Forscher ihn aus.

„Die wahre Natur des Leidens eines anderen wirst du niemals nachvollziehen können.“
„Nein. Aber du kannst verflucht nochmal versuchen, sie nicht noch größer zu machen.“

An dieser Stelle musste ich arg darüber nachgrübeln, wieso Menschen so sind, wie sie sind. Die beiden Brüder, dem gleichen Genpool entstammt, könnten in ihren Ansichten unterschiedlicher nicht sein. Der eine hasst die schwarzen Menschen wegen der Hautfarbe, betrachtet sie als minderwertig und behandelt sie schlimmer als Vieh. Der andere Bruder sieht über dieses Äußerliche hinweg, urteilt nicht, sondern bewertet ausschließlich auf den Nutzen für seine Forschungsarbeiten, ist dabei stets freundlich und wertschätzend.

Für Wash freute ich mich sehr, war jedoch weiterhin sehr aufgewühlt bezüglich des Schicksals der anderen Sklaven, deren Leben sich rein gar nicht geändert hatte. Auch für den Jungen sollte es ursprünglich keine dauerhafte Veränderung sein und das grausame Leben hing wie ein Damoklesschwert über der glücklichen Wendung. Als sich jedoch ganz plötzlich die persönlichen Voraussetzungen für Titch und Wash ändern, wirft der Wissenschaftler all seinem Mut in den Ring, respektive in sein Forschungsprojekt. Er entkommt gemeinsam mit seinem Assistenten im Luftschiff. Als sich dieses in die vermeintliche Freiheit erhebt, bekommt auch Wash Flügel, denn er ist zum ersten Mal in seinem Leben wirklich frei!

Aber ist er das wirklich? Er ist seinem Herrn entkommen, aber in der Gesellschaft bedeuten die dunkle Hautfarbe und die Brandmarkung ebenfalls jede Menge Sperren, die Wash den Zugang zu einem normalen Leben verwehren. Gefangenschaft kann viele Gesichter haben und so manche Fessel ist nicht sichtbar, aber dadurch nicht minder mächtig.

Im Verlauf des Romans ist Wash – mal mit Titch, mal ohne ihn – stets auf der Suche nach seinem Platz in der Welt, einem sicheren, glücklichen Ort sowie Menschen, die bedingungslos zu ihm halten, die ihm zu der erhofften äußeren auch zu innerer Freiheit verhelfen. Wash wächst vom Kind zum jungen Mann heran, erreicht dabei die entlegensten Winkel der Erde, trifft auf einige sehr außergewöhnliche Menschen und tritt immer wieder in den Dunstkreis der Forschung und Wissenschaft ein. Der Autorin gelingt es, das besondere Flair der Reiseabschnitte einzufangen, die stets begleitet sind vom Freiheitswunsch, den immer präsenten Fesseln und großer Furcht.

Der Lebenslauf der Hauptfigur ist in ihrem Facettenreichtum sicher kein Maßstab für alle entkommenen Sklaven, zeigt aber auf, dass man vor seinem Schicksal nur schwer davon laufen kann, viele Abstriche machen, sich der kleinen Glücksinseln bewusst sein muss und sich stets arrangieren muss, um möglichst nahe an das Maximum der persönlichen Freiheit gelangen zu können.

„Es gibt verschiedene Arten des Glücks, Washington. Manchmal obliegt es nicht uns, zu entscheiden, oder gar zu verstehen, welches uns gewährt wird.“

Neben der schillernden Geschichte um Wash, in die sich ganz nebenbei immer wieder die Entwicklung der Sklaverei einfügt, haben mich die naturwissenschaftlichen Passagen begeistert, die lebhaft von den verschiedenen Forschungsgebieten erzählen. Die Begeisterung der Betroffenen ist dabei spürbar und ansteckend, dennoch sind diese Szenen im Umfang recht gering gehalten, sodass sich Leser, die sich für diese Themen nicht interessieren, sicher nicht langweilen werden. Das Hauptaugenmerk liegt ganz klar auf Wash, dem Ausschnitt seines Lebens, das wir lesend begleiten, und stets präsent sind in Taten, Worten und Gedanken stets Sklaverei und Rassismus. Themen, die man nicht einfach abschütteln kann und die leider noch immer präsent sind.

Mit „Washington Black“ ist Esi Edugyan ein starker Roman voller Gegensätze gelungen. Dem Schwarz von Gefangenschaft, Sklaverei, Rassismus und Unterdrückung steht schillernd der Wunsch nach Freiheit, Fortschritt und Freundschaft entgegen. Dieser Kontrast betrifft Schauplätze, Figuren- und Charakterauswahl, innere und äußere Konflikte sowie die Handlungsfäden, und der Roman ist meines Erachtens zurecht auf der Shortlist für den Man Booker Prize 2018.

Inhalt
Die Flucht ist nur der Anfang
Barbados, 1830: Der schwarze Sklavenjunge Washington Black schuftet auf einer Zuckerrohrplantage unter unmenschlichen Bedingungen. Bis er zum Leibdiener Christopher Wildes auserwählt wird, dem Bruder des brutalen Plantagenbesitzers. Christopher ist Erfinder, Entdecker, Naturwissenschaftler – und Gegner der Sklaverei. Das ungleiche Paar entkommt in einem selbst gebauten Luftschiff von der Plantage. Es beginnt eine abenteuerliche Flucht, die die beiden um die halbe Welt führen wird.
Eine Geschichte von Selbstfindung und Verrat, von Liebe und Erlösung. Und eine Geschichte über die Frage: Was bedeutet Freiheit?

Autorin
Esi Edugyan lebt in Victoria, der Hauptstadt der kanadischen Provinz British Columbia. Washington Black ist ihr dritter Roman und wurde von Publikum und Kritik gefeiert. Er stand auf der Shortlist für den Man Booker Prize 2018 und ist für den Giller Prize nominiert.
Quelle: Bastei Lübbe Verlag

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