*+* Cornelia Funke: „Das Labyrinth des Fauns“ *+*

„Bibliotheken bewahren keine Geheimnisse, sie verraten sie.“

Ofelia trauert immer noch um ihren verstorbenen Vater, als sie mit ihrer Mutter Carmen zu deren neuen Mann Vidal ziehen muss. Er ist die personifizierte Grausamkeit, das erkennt Ofelia auf den ersten Blick. Bis zum Ende des Buches habe ich nicht verstanden, warum sich die Mutter ausgerechnet diesen Mann ausgesucht hat. Carmen scheint blind zu sein, sie tut alles, um Vidal, dem Capitán, zu gefallen. Für ihn hingegen ist seine Frau nur Mittel zum Zweck, denn er braucht dringend einen Sohn, einen männlichen Erbe, dem er seine Schreckensherrschaft vermachen kann und durch den er gewissermaßen Unsterblichkeit erlangt.

So ist es leicht zu erraten, wie er Carmen und vor allem Ofelia und alle anderen, die mit ihm zu tun haben, behandelt. Das Mädchen nutzt jede Möglichkeit, vor der lieblosen Realität – ihre Mutter zieht ihren Mann leider im Zweifelsfall ihrer Tochter vor – zu entfliehen. Der Wald ist ein Ort, an dem das Mädchen zum Leben erwacht, wenngleich es dort ebenfalls mehr lieblos als warmherzig zugeht. Dort erlebt sie Magie und Abenteuer, jedoch ist ihr ganz persönliches Märchen ebenso wie die Realität in grausamen Farben koloriert. „Das Labyrinth des Fauns“ ist zwar für Leser ab 14 Jahren empfohlen, für mich aber wahrlich kein Jugendbuch.

Die Handlungsebene, die das damalige Franco-Regime abbildet, ist gelungen umgesetzt. Hier geht es natürlich hart, kaltherzig und schreckensherrschaftlich zu, aber wie sonst soll man die einstige Realität glaubwürdig und authentisch wiedergeben? Ich hadere eher mit der phantastischen Ebene, auf der Ofelia ihre Abenteuer erlebt, die Begegnungen, die sie mit fabelhaften Wesen hat, das alles war mir ganz eindeutig eine Spur zu grau, grausam und hoffnungslos. Natürlich waren die früheren Märchen auch nicht mit einer rosaroten Schleife versehen. Damals lebten Kinder und Jugendliche jedoch unter ganz anderen Umständen als die heutige Leserschaft und solch furchtbare Märcheninhalte spiegeln heutzutage ganz und gar nicht ihre aktuelle Lebenswirklichkeit wider. Das ist sicherlich Ansichtssache, aber für mich ist der Phantastik-Strang inhaltlich nicht wirklich überzeugend gelungen.

Auch die stilistische Umsetzung konnte mich nicht glücklich machen. Wer wie ich ein Freund ausführlicher Beschreibungen und lückenloser Aufklärung – so dass keine Frage mehr offen bleibt -, ist, könnte an mancherlei Stelle ins Stolpern kommen. Obwohl Cornelia Funke kleine Geschichten eingeflochten hat, die einige Zusammenhänge zeigten, blieb mir viel zu viel Hintergründiges verborgen. Oft waren die Hinweise vage, sodass sich der Leser vieles selbst zusammenreimen und Vermutungen anstellen muss. So kann man beispielsweise das Ende in zwei völlig verschiedene Richtungen deuten. Dem einen gefällt das, dem anderen nicht…

Das Buch hat so tolle Ansätze, die Geschichte um eine Prinzessin aus alten Zeiten, die sich mit dem gegenwärtigen Schicksal Ofelias verwebt, die Kriegsthematik Francos und immer wieder eingewoben die kreativen kleinen Geschichten, die wenigstens etwas Licht ins hintergründige Dunkel bringen. Da wäre ich gerne überall tiefer und intensiver eingetaucht, hätte mich dann auch besser identifizieren können, als so wie hier im erzähltechnischen Affenzahn durch die Kapitel zu jagen. An einigen Stellen blitzen immer wieder Bilder vor dem inneren Auge, aber für Kopfkino waren mir sowohl die Handlungen als auch die Charaktere zu oberflächlich beschrieben und ausgearbeitet. Das, obwohl die Autorin häufig bildgewaltig schreibt und viele großartige kleine Textpassagen erschafft, die des Zitierens würdig sind.

Die Grundidee der Geschichte gefällt mir gut, jedoch hat die Autorin meines Erachtens nach das Potential bei Weitem nicht ausgeschöpft. Aus diesen drei Zutaten – Franco-Regime, alles rund um den Faun und die ergänzend eingeflochtenen kleinen Geschichten -, hätte gut und gerne ein Werk des doppelten Umfangs erschaffen werden können. So vieles bleibt rätselhaft, weil es nicht erzählt wurde….aber wer weiß, vielleicht finden sich die Antworten später mal in einer Fortsetzung!?!

Inhalt
Spanien, 1944: Ofelia zieht mit ihrer Mutter in die Berge, wo ihr neuer Stiefvater mit seiner Truppe stationiert ist. Der dichte Wald, der ihr neues Zuhause umgibt, wird für Ofelia zur Zufluchtsstätte vor ihrem unbarmherzigen Stiefvater: ein Königreich voller verzauberter Orte und magischer Wesen.
Ein geheimnisvoller Faun stellt dem Mädchen drei Aufgaben. Besteht sie diese, ist sie die lang gesuchte Prinzessin des Reiches. Immer tiefer wird Ofelia in eine phantastische Welt hineingezogen, die wundervoll ist und grausam zugleich. Kann Unschuld über das Böse siegen?

Autorin
Cornelia Funke, geboren 1958, zählt zu den international erfolgreichsten und bekanntesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren. Das US-Magazin »Time« wählte sie zu einem der 100 einflussreichsten Menschen des Jahres 2005, das ZDF kürte sie 2007 zu einer der 50 »Besten Deutschen Frauen«. Für ihre Bücher wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Cornelia Funke lebt in Malibu, Kalifornien.
Quelle: Fischer Verlage

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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