*+* Vea Kaiser: „Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger“ (Hörbuch) *+*

Vor einiger Zeit konnte mich Vea Kaiser sehr mit ihrem Roman „Makarionissi“ begeistern, dementsprechend hoch lag die Messlatte für ihr neues Werk. Um es vorweg zu nehmen – diese wurde nicht gerissen, nein, sie hätte sogar noch einige Einheiten höher liegen können, so gut ist der Autorin ihre umfassende Geschichte über die Familie Prischinger gelungen.

Treffend wird der Roman mit seinem Titel zusammengefasst. Denn die Autorin erzählt überwiegend rückblickend. Nachdem sie einen Einblick in die Strukturen der Familie gegeben hat, setzt sie deren Mitglieder in einen Fiat Panda, und macht aus der anrührenden, faszinierenden, manchmal amüsanten, manchmal traurigen, aber stets unterhaltsamen Geschichte einen Roadtrip, der in seinem Verlauf für weitere erzählende Glanzpunkte sorgt. Vea Kaisers Geschichte verläuft also mehr oder weniger rückwärts, die erste Hälfte des Titels ist also gut gewählt. Aber auch der „Walzer“ im Titel passt wie die Faust aufs Auge, denn die Art, wie die Autorin ihren Lesern und Hörern die Familie Prischinger näherbringt, gleicht einem ruhigen, perfekten Tanz auf dem Parkett der Worte!

Sollten die Prischingers ein schwarzes Schaf in der Familie haben, so dürfte das Lorenz sein, Fahrer des Panda, weil nicht wirklich überzeugender Schauspieler stets klammer Neffe des Verstorbenen, bei dem es zudem auch im Privaten so gar nicht mehr laufen will.
Oder sind es doch eher die Tanten, die allesamt ebenfalls mit gigantischen Höhen und Tiefen in ihren Lebensläufen aufwarten können? Aber auch der Verstorbene hat eine interessante Vergangenheit….

Im Verlauf des Romans lernt man die Familienmitglieder durch viele kleine Anekdoten und Begebenheiten, die von der großen, alles umfassenden Hauptgeschichte abzweigen, intensiv kennen, mögen und zwischendurch möglicherweise hasslieben. Einem jeden von ihnen allen wohnt jedoch ein unverblümter, individueller Charme inne, sodass man gar nicht umhin kommt, als sie ins Herz zu schließen und all ihre Erlebnisse leidenschaftlich mitzuerleben, ihre Verfehlungen zu bedauern und ihre Leistungen begeistert anzuerkennen.
Je besser ich sie kennenlernte, umso mehr fühlte ich mich ihnen verbunden, vor allem Wetti mochte ich ganz besonders wegen ihrer Naturverbundenheit, ihrem Umgang mit und ihrer Sichtweise auf Mensch und Tier, um es einmal so auszudrücken.

„Rückwärtswalzer“ ist eine starke Geschichte, die die Familie Prischinger gekonnt und intensiv beleuchtet. Der Spot fällt mal auf den einen, mal auf den anderen. Es wird zwar nicht chronologisch, aber dennoch umfassend erzählt, sodass sich die einzelnen Charaktere, ihre Schicksale und die Beziehungen untereinander zu einem vollständigen Ganzen zusammensetzen. Auch der Kreis der umarmenden Geschichte schließt sich schlussendlich auf wundersame, positive Weise, sodass mich der Roman tatsächlich ohne Einschränkungen von der ersten bis zur letzten Seite mehr als begeistert hat.

Vom ersten bis zum letzten Ton konnte mich ebenfalls der Sprecher Cornelius Obonya überzeugen. In einer zur Erzählweise des Romans sehr stringenten gewissen Unaufgeregtheit liest er, wobei es sich eher anfühlt, als lausche man der gesamten Familie Prischinger, wie sie aus ihren Leben plauderten. Denn der Sprecher schafft es ganz großartig jedem einzelnen eine unverwechselbare, eingängige, emotionale Vertonung zukommen zu lassen!

„Rückwärtswalzer“ ist ein toller, empfehlenswerter Roman, und dennoch erfährt er durch die gelungene Umsetzung zum Hörbuch durch die Glanzleistung des Sprechers einen Mehrwert.

Inhalt
Im Fiat Panda Richtung Balkan
Als Onkel Willi stirbt, stehen der Drittel-Life-Crisis geplagte Lorenz und seine drei Tanten vor einer Herausforderung. Willi wollte immer in seinem Geburtsland Montenegro begraben werden. Doch da für eine regelkonforme Überführung der Leiche das Geld fehlt, begibt man sich kurzerhand auf eine illegale Fahrt im Fiat Panda von Wien bis auf den Balkan. Auf der Reise finden die abenteuerlichen Geschichten der Familie Prischinger auf kunstvolle Weise zueinander. Mirl, die älteste Schwester, musste nach dem Krieg früh Verantwortung übernehmen und wollte nur weg vom Land. Wetti interessierte sich bereits als Kind mehr für Tiere als für Menschen. Und Hedi zerbrach fast an einem Schicksalsschlag, kurz bevor sie Willi traf. Doch stets waren die drei Schwestern füreinander da.

Autorin
Vea Kaiser, geboren 1988, studiert Altgriechisch in Wien. Ihr Debütroman Blasmusikpop wurde 2013 als bestes deutschsprachiges Debüt auf dem internationalen Festival du Premier Roman in Chambéry vorgestellt und für den aspekte-Preis nominiert. Neben Romanen schreibt sie Theaterstücke, Reportagen und eine wöchentliche Kolumne in der KURIER freizeit. 2014 wurde sie zur österreichischen Autorin des Jahres gewählt.

Sprecher
Nach Theaterjahren am Volkstheater Wien und der Schaubühne in Berlin ist Cornelius Obonya seit 2000 Ensemblemitglied des Burgtheaters in Wien. Zudem ist er ein beliebter Film- und Fernsehschauspieler, der seine volle Stimme auch in einigen Hörbüchern eingesetzt hat.
Quelle: Argon Verlag

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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