*+* Frank Goldammer: „Großes Sommertheater“ *+*

Joseph, Oberhaupt einer Familie, die eher einem Sack Flöhen als geordneten Verhältnissen entspricht – denn er war der Damenwelt niemals abgeneigt -, ist uralt, krank und lädt seine Sprosse nebst Anhängen und Sprösslingen in seine Villa ein, um sie quasi als letzten Willen gemeinsam um sich zu scharen – am Ende des Romans muss ich sagen, es war nicht nur das letzte sondern vermutlich auch das erste Mal. Zu unterschiedlich sind die Kinder, Partner und Enkel in ihren Ansichten, Lebensstilen und -wegen, um sich freiwillig mehr als einmal mit ihnen allen versammeln zu wollen.

Joseph selbst hat schon einen einmaligen, kriminell-beeindruckenden Lebensweg – der sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht – hinter sich. Wer kann seinen Nachkommen da diese Armada an Eigentümlichkeiten verübeln? Sie sind allesamt sehr individuell, sich gegenseitig nicht grün und natürlich ist in überwiegendem Maße jeder sich selbst der nächste.

Gäbe es nicht die resolute Krankenschwester, die dem alten Joseph zur Seite steht und ganz nebenbei immer wieder für Abwechslung sorgt, und Rocco, den kleinen Satansbraten von Urenkel, der nichts für seine teuflischen Auftritte kann – denn er ist lediglich das Produkt seiner Erziehung -, ich glaube die unglückliche Anhäufung von Familienangehörigen wäre vor Langeweile umgekommen. Die erwähnten diversen Highlights reißen die Gäste jedoch immer wieder aus ihrer Lethargie. Aber ob das so gut ist? Keiner gönnt dem anderen das Schwarze unter dem Fingernagel und so geht es schnell los mit dem Rumgehacke auf höchstem Niveau….

Keine Angst, es wird weder nervig noch langweilig, und ich wollte auch nicht weg – so wie die meisten der Gäste -, ganz im Gegenteil. Ich amüsierte mich prächtig bei diesem Schaulaufen an Nichtigkeiten, gegenseitigen Schuldzuweisungen, aus der Luft gegriffenen neiderfüllten Streitereien und tat es zwischendurch den Kindern gleich, sprang mit ihnen zur Abkühlung meiner Nerven in die erfrischende Ostsee, anschließend bereit für die nächste Runde an Familienhassliebe.

Bisher kannte ich Frank Goldammer nur von seiner Nachkriegs-Krimireihe um Max Heller, die mir sehr gut gefällt. Dadurch hatte ich hohe und – ich gebe es zu – skeptische Erwartungen an diesen Roman, der ein ganz anderes Genre bedient. Die erfüllte der Autor jedoch mit links. Es ist eine Wonne, wie er mit spitzer Feder die Charaktere seiner Figuren zu Papier bringt, wie er diese ganz spezielle Stimmung erzeugt, alles getragen von einem heiteren, amüsanten Erzählton. Ich habe mich beim Lesen beömmelt vor Lachen und konnte das Buch unmöglich aus der Hand legen, so gut hat es mich unterhalten. Die Protagonisten sind zwar hyperextrem konstruiert, aber sehr stimmig und schlüssig, sie alle finden sich zudem perfekt in den Organismus der Geschichte ein, die immer mehr eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Wie es sich für einen Krimiautor gehört, ist auch der Tod Teil der Geschichte, aber ganz anders als erwartet….

Der Titel „Grosses Sommertheater“ ist ein Stück weit Programm, denn der Aufbau des Buches, die Entwicklung der Hergänge und Charaktere hat mich immer wieder an eine Inszenierung in mehreren Akten erinnert! Very well done, Frank Goldammer :-)

Übrigens….wann immer ich demnächst den Namen Rocco höre oder lese, werde ich wohl unweigerlich an diesen Roman denken müssen!

Inhalt
Der alte, kranke und steinreiche Patriarch Joseph lädt die gesamte Familie in seine Villa an der Ostsee ein. Die Sonne brennt – doch die dicke Luft ist nicht nur der Hitze geschuldet. Josephs Söhne sind seit Jahren zerstritten, die Aussicht auf das Erbe lässt sie aber mit Kind und Kegel anreisen. Da trifft der biedere CDU-Mann Erwin aus Berlin auf den halbseidenen Harald aus Dresden. Uwe, das schwarze Schaf der Familie, hat – unfassbar! – eine attraktive Frau dabei. Die Gästeliste birgt also reichlich Zündstoff, die Stimmung kocht, die Ereignisse spitzen sich zu. Bis es, im wahrsten Sinne des Wortes, knallt.

Autor
Frank Goldammer wurde 1975 in Dresden geboren und ist gelernter Maler- und Lackierermeister. Neben seinem Beruf begann er mit Anfang zwanzig zu schreiben, verlegte seine ersten Romane im Eigenverlag. Mit ›Der Angstmann‹, Band 1 der Krimiserie mit Max Heller, gelangte er sofort auf die Bestsellerlisten. Er ist alleinerziehender Vater von Zwillingen und lebt mit seiner Familie in seiner Heimatstadt.
Quelle: dtv

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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2 Antworten zu *+* Frank Goldammer: „Großes Sommertheater“ *+*

  1. nilibine70 schreibt:

    Das steht auch noch auf der Must read-Liste :) Zurecht, wie ich Deinen Worten entnehme :)

    Liebe Grüße
    Bine

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