*+* Irve fragt… Linus Geschke (LBM19) *+*

Auf der Leipziger Buchmesse 2019 hatte ich die Gelegenheit, Linus Geschke für ein Interview zu treffen. Herzlichen Dank an den dtv für diese Möglichkeit und danke an den Autor für die geduldige Beantwortung all meiner Fragen. Wir haben ein interessantes und ziemlich langes Gespräch – überwiegend über die Bücher des Autors – geführt, das ihr nun sinnvoll zusammengefasst lesen könnt.


Lieber Linus,
ich finde es immer sehr spannend, Autoren interviewen zu dürfen. Vor allem, wenn mich die Bücher so richtig begeistern konnten, was bei „Tannenstein“ der Fall war.
Wenn ich richtig informiert bin, ist dies zwar dein erster Thriller, aber insgesamt dein sechstes Buch. Zunächst hast du zwei Sachbücher veröffentlicht (Jesbin Verlag) – „Mitten im Blau“ und „24 Tauchplätze, die jeder Taucher gesehen haben muss“ -, dann die drei Krimis der Reihe um Jan Römer (Ullstein Verlag) „Die Lichtung“, „Und am Morgen waren sie tot“ und „Das Lied der toten Mädchen“, bevor dann im Januar „Tannenstein“ das Licht der Buchwelt erblickt hat.

Warum war dir dieser Thriller so wichtig?
Tannenstein war mir deshalb wichtig, weil es ein Buch ist, in dem jede der Hauptpersonen auch eine Vorgeschichte hat und weil diese den Leserinnen und Lesern erst die Möglichkeit gibt, die einzelnen Handlungsweisen nachvollziehen zu können. Ebenso wichtig war mir aber auch die Frage, was die Guten alles tun können, bevor sie selber zu den Bösen werden. Das waren die beiden Hauptmotive, die ich über Tannenstein gelegt habe, und das bleibt später auch für die gesamte Trilogie so.

Es handelt sich im Prinzip um einen abgeschlossenen Band, aber das Ende ist ja schon so, dass man denken könnte, das Rad dreht sich weiter. Ich habe darüber spekuliert, ob es eine Fortsetzung geben könnte, aber du hast es gerade selbst angesprochen…
Ja es geht ganz sicher weiter. Die Fortsetzung kommt im März 2020 heraus. Tannenstein war von vornherein als erster Band einer Trilogie geplant. Wie du richtig sagst, das Buch ist in sich abgeschlossen, bei den anderen wird es auch so sein, aber es wird einen übergreifenden Handlungsfaden geben, der sich vom Anfang bis zum Ende durchzieht. Diejenigen, die den ersten Band überlebt haben, werden im zweiten Band vorkommen und die, die den zweiten Band überstehen, werden dann auch im dritten Teil dabei sein.

In „Tannenstein“ verarbeitest du die Geschichte, die du dringender schreiben wolltest als andere. Warum ist das so? Wolltest du die thematisierten gravierenden Missstände – um es einmal so zu umschreiben – beleuchten, oder die moralischen Themen, die in deinem Thriller anklingen, ansprechen?
Eigentlich geht es mir mehr um die moralische Seite. Das Ganze wurde durch die Netflix-Serie Narcos inspiriert, in deren ersten beiden Staffeln die Jagd auf Pablo Escobar beschrieben wird. Im Laufe dieser Jagd auf den Drogenbaron, der tausende Menschen getötet hat, wurden die ermittelnden Beamten immer mehr selbst zum Täter, indem sie beispielsweise andere Drogenhändler folterten, um in die Organisation eindringen zu können. Ich fand es unglaublich spannend, mit anzusehen, wie sie später kaum noch von den Bösen zu unterscheiden waren.

Der Zweck heiligt also nicht immer die Mittel?
Eine gute Frage, über deren Antwort ich mir bis heute nicht klar bin; gerade wenn man die Taten der entsprechenden Personen in „Tannenstein“ sieht. Rein gesetzlich betrachtet ist es ganz sicher nicht richtig, was sie tun, aber moralisch habe ich, muss ich sagen, ein gewisses Verständnis.

„Tannenstein“ ist so ein Buch, das man nach dem Lesen nicht einfach zuklappt. Ein paar Aspekte graben sich möglicherweise beim Leser ein und beschäftigen ihn weiter. Zumindest war es bei mir so. Ist das, was du dir idealerweise für deine Bücher wünschst? Dass der Leser nicht nur für ein paar Stunden aus dem Alltag gezogen und gut unterhalten wird, sondern dass er ein paar Denkanstöße mit auf den Weg bekommt?
Ach, jetzt kommt eine ganz langweilige Antwort: Beides. Natürlich ist es in allererster Linie Unterhaltungsliteratur, und deren Hauptzweck ist, dass man die Leute aus dem Alltag abholt und eine Zeitlang an einen anderen Ort entführt. Wenn das klappt, ist es schon ein gutes Buch. Darüber hinaus gibt es noch eine – es klingt ein bisschen hochtrabend – Meta-Ebene. Wenn das Buch auf dieser auch noch funktioniert, wenn man sich zusätzlich über ein paar Dinge Gedanken macht, dann ist es perfekt.

Ich habe gelesen, dass du schon auf der Journalistenschule ein Faible für mysteriöse Verbrechen entwickelt hast. Deine Facharbeit hatte die dritte Generation der RAF (Rote Armee Fraktion) zum Thema. Was genau hat dich so daran fasziniert?
Mir ist zwar der Begriff „RFA“ ein Begriff, aber „die dritte Generation“ sagt mir nichts.

Die erste Generation, die kennt man eigentlich, vor allem die zentralen Figuren Baader, Ensslin, Meinhof. Die Zeit der ersten Generation hat nach der Zeitsprechung der RAF geendet, als diese drei verhaftet worden sind. Die zweite Generation waren dann Leute wie Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar. Bei ihnen lag der Fokus darauf, die Verhafteten der ersten Generation aus dem Gefängnis herauszuholen. Da gab es zum Beispiel die Entführung der Lufthansa-Maschine nach Mogadischu, die Entführung von Hans Martin Schleyer.
Als auch die zweite Generation größtenteils im Gefängnis gelandet war, geschah lange Zeit erstmal nichts mehr. Die dritte Generation ist dann eine, über die man bis heute fast nichts weiß. Von ihr wurde beispielsweise das Attentat auf Treuhand-Chef Detlev Rohwedder begangen (Zu diesem Thema empfiehlt der Autor das Buch „Die blaue Liste“ von Wolfgang Schorlau), der Mord an dem Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen. Bis heute jedoch konnte kein einziges ihrer Verbrechen einem konkreten Täter zugeordnet werden. Man hat keinen einzelnen ermittelt, kennt auch achtzig Prozent der Menschen nicht, die in der dritten Generation aktiv waren. Und immer dort, wo die Fakten fehlen, wird der Fiktion Raum gelassen.

Dass du während deines Studiums gelernt hast, wie man gut recherchiert und vor allem auch, wie man dieses Wissen verständlich und angemessen an den Leser bringt, beweist du in „Tannenstein“ eindrucksvoll. An einigen Stellen musste ich arg schlucken, denn für zarte Seelchen ist dein Thriller nicht unbedingt die richtige Lektüre. Wie ist es dir denn beim Recherchieren ergangen? Bist du der Typ, der diese Dinge, die an Nerven und Seele zerren könnten, mit Abstand verarbeitest, oder verfolgt sich schon mal die eine oder andere Sache in einem Albtraum?
Ja, ich kann diesen Abstand ziemlich gut einhalten. Ich habe einen Freund, der bei der Sitte arbeitet und zuvor bei einer Mordkommission tätig war. Der hat mich gut beraten. Der Fairness halber muss man aber sagen, dass solche Fälle wie in Tannenstein beschrieben in der Realität die Ausnahme sind.

Wie viel Realität steckt in deinen Büchern?
So ganz werde ich den Journalisten wohl nie leugnen können. Klar, die Geschichten sind fiktiv, aber wenn ich über dieses Milieu schreibe, möchte ich schon gerne dicht an den tatsächlichen Umständen bleiben. Alles, was man dazu recherchieren kann, mache ich, und dann verbinde ich die Realität mit einer fiktiven Geschichte.

„Unaufgeklärte Verbrechen aus der Vergangenheit, die Auswirkungen auf die Gegenwart haben, sind sein Markenzeichen.“, habe ich neulich über dich gelesen, ich weiß nur nicht mehr wo.
Welche alten Leichen hast du noch in deiner Schreibwerkstatt ausgegraben? Gibt es bestimmte „alte Verbrechen“, die du für deine nächsten Bücher ins Auge gefasst hast?
Mit Sicherheit finde ich immer noch die dritte Generation der RAF sehr interessant. Das ist ja so ein Nachteil von Autoren und Journalisten: Wenn wir etwas wissen, wollen wir es der Welt auch mitteilen! Vor einiger Zeit habe ich mal ein Ebook geschrieben über „Die Akte Zodiac“, über den Zodiac-Killer. Das war zum Beispiel eine Geschichte, die mich sehr interessiert hat. Was ich sonst gerne in einem Roman verarbeiten möchte, sind die Vorkommnisse rund um Amanda Knox – der Engel mit den eiskalten Augen. Das ist auch so etwas, von dem ich glaube, dass es einen guten Rahmen für einen Thriller abgeben könnte..

Was machst du, wenn du gerade mal nicht an einem Buch schreibst?
Wie füllst du deine Akkus auf? Welche Hobbies hast du?
Ich gehe gerne Tauchen und reise viel, vor allem nach Mittel- und Südamerika. Honduras, Mexiko, Nicaragua und Kolumbien sind tolle Länder mit fantastischen Menschen und wenn man sich nicht von den Kriminalitätsraten abschrecken lässt, bekommt man zur Belohnung viel intensivere Eindrücke und Begegnungen, als dies auf Touri-Inseln wie Mallorca möglich wäre. Das gibt mir sehr viel; auch für die Schreiberei. Und ansonsten? Lese ich gerne zur Entspannung oder gucke Netflix.

Nun mal etwas ganz anderes. Du lebst in Köln, bist auch dort geboren. Mit dem 1. FC Köln verbindet dich eine Art „Hassliebe“. Wie ist das zu verstehen?
Ich glaube, dass man sich drei Sachen im Leben nicht aussuchen kann: Die eigenen Eltern, die Frau, in die man sich verliebt und den Fußballverein, für den das Herz schlägt. Bei mir ist Köln eine „Hassliebe“, weil es so viel Auf und Ab, Rauf und Runter gibt. Diesen Teil musst du hassen, das macht keinen Spaß, gleichzeitig musst du es aber auch lieben, um dabei zu bleiben. Ich glaube, Bayern-Fan zu sein, ist dagegen relativ einfach. Einfach und langweilig. Man hat immer was zu feiern und tritt gegen die großen Clubs an, während wir in Köln schon froh sind, wenn wir gegen Aue gewinnen und am Ende der Saison mal wieder aufsteigen, für zwei Jahre… Das ist mit Hassliebe gemeint. Ich würde mich freuen, wenn die Glückszeiten irgendwann mal größer und die Leidenszeiten kleiner würden: Das würde mir schon genügen.


Vielen Dank für das Interview. Es hat mir großen Spaß gemacht, dich auf der #LBM19 so sehr löchern zu dürfen. Nun freue ich mich auf den zweiten Teil von Tannenstein! Und die Reihe um Jan Römer ist sicher auch mehr als einen Blick wert, schließlich erscheint bald der nächste Teil! :-)

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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