*+* Robert M. Sonntag: „Die Gescannten“ *+*

Jaro lebt mit seinen Eltern im Wald. Den gibt es laut Ultranetz jedoch nicht. Wenn die Bewohner der nahen Stadt in Richtung ihrer Grenzen schauen, sehen sie nur Ödland, verseuchtes Gebiet. Wer will da schon hin? Eben! Niemand. So manipuliert das System seine Bewohner ganz geschickt, aber nicht nur in diesem Punkt. Denn jeder trägt einen Port am Hinterkopf, der ihn direkt mit dem Netz verbindet. Denken wird überflüssig, Fühlen auch, denn Ultranetz nimmt seinen Nutzern alles ab. Weiß, was der Betreffende jetzt gerade am liebsten machen möchte oder sollte, weiß, welches der ideale Partner ist und vieles mehr. Daten sind dazu da, manipuliert zu werden, nur weiß das außerhalb der Drahtzieher niemand. Ultranetz beherrscht die Menschen durch Gedankenkontrolle. Das Leben scheint nur noch aus Konsum und Fremdbestimmung zu bestehen.

Diese Oberflächlichkeit wird geschickt durch den knappen Erzählstil gestützt. Nicht, dass der Roman selbst ein niedriges Niveau hätte – das hat er durch seine inhaltliche Dichte beileibe nicht -, dadurch, dass man sich mit nichts mehr wirklich auseinandersetzen muss, ist es nicht notwendig, die Dinge, Menschen, Situationen näher zu betrachten, Details wahrzunehmen. Man rauscht wahrlich durch das Leben, und weil alles irgendwie beliebig erscheint, braucht es weiterer Reize – natürlich bereitwillig zur Verfügung gestellt durch Ultranetz.

Beim Lesen schauderte es mich immer wieder. Noch befinden wir uns am Anfang der medialen und digitalen Kontrolle, aber wenn wir nicht aufpassen, könnten wir uns schmerzhaft abhängig von diesen virtuellen Kraken machen. Sicher nicht so krass wie im Roman, aber wer weiß, worauf das alles hinauslaufen wird, wenn wir nicht kritisch bleiben und die Dinge hinterfragen – auch die, die uns auf den ersten Blick vernünftig und sinnvoll erscheinen.

Nun bin ich eine Mutter zweier Jugendlicher, die viel eher zur eigentlichen Zielgruppe dieses dystopischen Romans gehören, sehe die Dinge sicherlich mehr old-school und hinterfrage mehr als die zukünftigen Erwachsenen es zurzeit vermutlich tun. So ist es gut nachvollziehbar, dass Jaro, der bisher nur das einfache Leben im Wald kennengelernt hat, voller Vorfreude ist, als er in die Stadt beordert wird. Er stellt sich mutig allen Anforderungen, und als ich ihn bei seinem Ausflug begleitet habe, wurde mir stellenweise ganz mulmig. Utranetz steckt voller Verlockungen, aber auch voller Gefahren – aber was man nicht sehen will, sieht man nicht. Bis, tja, bis Jaro auf Nana trifft, mit der er eine Aufgabe zu erfüllen hat. Plötzlich durchschauen sie beide, dass das in der Stadt herrschende System doch nicht so perfekt ist und die virtuelle Weste gar nicht so weiß, wie sie scheint.

Glaubte Jaro, der Ausflug in die Stadt sei das aufregendste ever, muss er erkennen, dass er erst jetzt vor dem richtigen Abenteuer steht, denn es geht um nicht weniger als Leben und Tod. Auch Nana, die endlich aus ihrer Gehirnwäsche- Lethargie gerissen wird, begreift, dass so gut wie alles, das Ultranetz ihr vorgegaukelt hat, Mittel zum Zweck war, und beginnt selbstständig zu denken. Das hat große Folgen, denn sie wollen Ultranetz in die Knie zwingen. Der Roman hat ein offenes Ende, was ich normalerweise nicht so mag. Für diese Thematik ist diese Variante jedoch gut gewählt, da man unweigerlich selbst überlegt, wie es enden oder weitergehen könnte. Denn die Inhalte, die die Geschichte tragen, gehen uns alle an.

Inhalt
2048. Die Menschen leben in einer hochdigitalisierten und vernetzten Stadt. Als der 15-jährige Jaro dort ankommt, ist er völlig fasziniert. Doch das alles hat seinen Preis: Der Konzern Ultranetz kontrolliert jeden bis in seine geheimsten Gedanken hinein. Nur Jaro kann sich gegen den Konzern auflehnen. Zusammen mit der gleichaltrigen Nana soll er geheime Informationen beschaffen. Doch Ultranetz ist ihnen auf der Spur, und sie sind in allerhöchster Gefahr …

Autor
Robert M. Sonntag heißt eigentlich Martin Schäuble. Er arbeitete als Journalist, bevor er in Berlin, Israel und in den Palästinensergebieten Politikwissenschaften studierte und in Politik promovierte. Als Sachbuchautor beschäftigt er sich vor allem mit dem Spannungsfeld Politik, Kultur und Religion. Die auf seinen Recherchen in Krisengebieten gemachten Erfahrungen verarbeitet er auch als Romanautor.
Quelle: Fischer Verlage

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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3 Antworten zu *+* Robert M. Sonntag: „Die Gescannten“ *+*

  1. Kessy schreibt:

    Das hört sich nach einem spannenden Buch an. Jetzt bin ich neugierig und lege es mir mal auf den Merkzettel.

  2. Mikka Liest schreibt:

    Hallo,

    das klingt wirklich sehr interessant! Und ich stimme dir zu, wir müssen kritisch bleiben und die Dinge hinterfragen, sonst sind auch auf dem besten Weg, uns viel zu sehr abhängig zu machen. In gewissem Sinne sind wir das schon – ich meine, viele Menschen kleben ja ständig am Smartphone und teilen alles mit der Welt.

    LG,
    Mikka

    • irveliest schreibt:

      Hallo Mikka,
      das Problem ist ja nicht unbedingt, dass man viel teilt, sondern das, was manchmal geteilt wird. Und offline ist freundesmäßig immer besser als online, auf jeden Fall!
      LG Heike

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