*+* Linus Geschke: „TANNENSTEIN“ *+*

Um es vorweg zu nehmen: Dieser Thriller ist brillant. Er überzeugte mich von der ersten bis zur letzten Seite. Ich kann mich Verena Thies vom Bayrischen Rundfunk in ihrem Statement nur anschließen: »Mehr als nur ein blutiger und sprachgewaltiger Thriller. Fast schon eine Sensation!«

Sehr gelungen finde ich die intensiv ausgearbeiteten, die sehr menschlichen Charaktere mit Ecken und Kanten auf der Seite der Ermittler als auch die teuflischen Figuren seitens der Verbrecher. Vor allem, weil man so manchen Protagonisten gar nicht eindeutig als gut oder böse einordnen kann. Erschreckenderweise hat Linus Geschke alle so mehrschichtig, lebendig und glaubwürdig dargestellt, dass ich mich in einen jeden von ihnen hineinversetzen konnte, sogar in die Verbrecher, denen das Blut ihrer Niederträchtigkeiten an den Händen klebt. Glücklicherweise konnte nicht nur ich das, sondern auch ein gewisser Kreis an Protagonisten. Denn man kann man viel besser bekämpfen, was man durchschaut, als beständig im Trüben zu fischen.

„Er war kein Mensch, der in Metaphern dachte. Niemand, der philosophisch veranlagt war oder Zufälligkeiten als göttlichen Fingerzeig deutete. Er war, wie die meisten Menschen, ein Produkt seiner Vergangenheit.“

Besonders faszinierend fand ich den Wanderer, der zu Beginn völlig skrupellos eine fröhliche Runde von elf Menschen niederschießt. Man spürt jedoch gleich, dass keine Willkür dahintersteckt. Dafür eine brillante Vorbereitung und ich konnte einfach nicht glauben, dass diese Menschen ihr Schicksal nicht verdient haben sollten. Falls ihr an dieser Stelle den Geruch von schwelender Selbstjustiz vernehmt, so liegt ihr richtig. Denn das ist neben der grausamen Hauptthematik ein wichtiger Aspekt, den der Autor in seinem Thriller verarbeitet.
Nach seinem fulminanten Auftritt zu Beginn taucht der Wanderer später immer wieder auf, er zieht wie ein roter Faden durch das Geschehen. Warum er tut, was er tut, wird plausibel aufgeklärt.

Ein weiterer roter Faden ist Born, Ex-Polizist, der nach einem krummen Ding und nachfolgender Haftzeit nun als einsamer Wolf Jagd auf den Wanderer macht, denn er möchte noch ein grausames Hühnchen mit ihm rupfen.

Während seiner Jagd nach dem Unbekannten helfen ihm seine alten Kontakte zur Russenmafia und Born wird immer mehr klar, dass die Dinge komplizierter liegen und dass nicht der Wanderer sein eigentliches Zielobjekt sein sollte, sondern viel mehr ein gemeinsamer übermächtig scheinender Feind.

Die Schlinge zieht sich nach und nach zu – für alle. Wer wird schlussendlich eine Nasenlänge voraus sein, wer hat die besseren Instinkte, wer die besseren Reaktionen? Es kämpfen Rache und Moral gegen das verabscheuungswürdige organisierte Verbrechen. Am Schluss werden die Karten neu gemischt und trotzdem bleibt alles irgendwie so, wie es ist.

Herzlichen Dank an den Autor für diesen überragenden Thriller, der sehr in die Tiefe geht. Linus Geschke setzt nicht auf Sensationslust. Weder bei der Schilderung der Morde, noch wenn er die organisierte Kriminalität beleuchtet. Er beschreibt einfach nur, wie sich die Dinge zutragen. Das gefällt mir sehr. Ebenso wie dieser Schreibstil, überzeugt mich die gute Recherche. Die Ereignisse haben sich nicht wirklich so zugetragen, könnten es aber theoretisch tun. Alles verläuft in einem sehr realistisch anmutenden Rahmen, wodurch mir die beschrieben Handlungen und Schicksale viel näher gingen als sie es bei einem überspitzt erzählten Buch tun würden. Sprachlich ist der Thriller ebenso seriös angesiedelt, spielt auch da auf einem höheren Niveau, und liest sich flüssig-fesselnd.

Ganz wunderbar – ich hatte es bereits angedeutet – sind die Charaktere gelungen. Hier – wie übrigens auch in allen anderen Punkten – werden keine Klischees bedient. Wir finden also erfreulicherweise keinen kaputten Alkoholiker, der sich irgendwie durch sein Leben quält. Born ist anders, ganz anders. Auch in seinem Leben gab es diverse Tiefpunkte, aber er wächst daran. Und auch der Wanderer wird von seiner Vergangenheit geformt. Ob in gutem oder schlechtem Maße muss jeder für sich selbst entscheiden.

Getragen wird das alles von einer sich beängstigend intensiv entwickelnden Atmosphäre, die einen atemlos von Kapitel zu Kapitel schnellen und manchmal am liebsten vor dem verspürten Entsetzen davonlaufen lässt. Aber manche Dinge sind leider, wie sie sind. Der Autor hat sie nicht erfunden, nur verarbeitet.

Von mir gibt es eine ganz klare Lese- und Schenkempfehlung für TANNENSTEIN!


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Inhalt
»Der Wanderer dachte nicht mehr an das, was hinter ihm lag. Warum auch? Es war getan.«
Ein abgeschiedener Ort nahe der tschechischen Grenze.
Elf Tote an einem kalten Novemberabend.
Ein Killer der, der keine Spuren hinterlässt, und ein kriminell gewordener Ex-Polizist, der Rache will.
Der Beginn einer gnadenlosen Hetzjagd, die dort endet, wo alles begann: Tannenstein.

Autor
Linus Geschke wurde 1970 in Köln geboren und arbeitet als freier Journalist für führende deutsche Magazine und Tageszeitungen, darunter Spiegel Online und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Als begeisterter Taucher verfasst er zudem Tauch- und Reisereportagen, für die er bereits mehrere Journalistenpreise gewonnen hat, unter anderem den „Oman Media Award“.
Schon auf der Journalistenschule entwickelte er ein Faible für mysteriöse Verbrechen – seine Abschlussarbeit befasste sich mit der 3. Generation der Roten Armee Fraktion, deren meisten Morde bis heute keinem konkreten Täter zuzuordnen sind. Diesen Reiz verarbeitet er als Schriftsteller jetzt in seinen Krimis und Thrillern: Unaufgeklärte Verbrechen aus der Vergangenheit, die Auswirkungen auf die Gegenwart haben, sind sein Markenzeichen.
„Tannenstein“ ist Linus Geschkes Thrillerdebüt – das Buch, von dem er sagt, dass er es „dringender schreiben wollte als jedes andere“. Linus Geschke wohnt in seiner Geburtsstadt Köln, deren Fußballverein er in einer intensiven Hassliebe verbunden ist. Er mag Hunde und tritt Katzen nur mit äußerstem Misstrauen entgegen.
Quelle: dtv

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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4 Antworten zu *+* Linus Geschke: „TANNENSTEIN“ *+*

  1. Mikka Liest schreibt:

    Hallo,

    vor kurzem war ich auf einer Lesung des Autors zu diesem Buch! Da ich von Linus Geschke schon viel Gutes gehört hatte, war ich neugierig auf sein neustes Werk und direkt sehr angetan vom Schreibstil.

    Ich hatte nur ein bisschen die Befürchtung, dass die Gewalt für meinen Geschmack vielleicht zu reißerisch geschrieben sein könnte, aber nach dem, was du hier schreibst, klingt es ja so, als wäre das nicht so. :-)

    LG,
    Mikka

    • irveliest schreibt:

      Liebe Mikka,

      naja, es ist schon teils recht heftig, aber diese Szenen kann man nicht anders beschreiben, wenn es authentisch sein soll. Es dient aber definitiv nicht dazu, Gewalt zu verherrlichen oder Sensationslust zu befeuern.
      Viele Grüße, Heike

  2. Anja Schubert schreibt:

    Mensch Heike,
    ich darf Deine Rezensionen einfach nicht mehr lesen.
    Das klingt wirklich super und macht Lust auf Tannenstein.
    Danke für die großartige Rezension.

    LG
    Anja

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