*+* Juli Zeh: „Neujahr“ (Hörbuch) *+*

Henning will endlich mal wieder er selbst sein, wenigstens für ein paar Stunden. Er ist Ehemann, zweifacher Vater, hat einen Job, der sich ganz gut mit der Familie vereinbaren lässt. Er ist sich allerdings auch ziemlich fremd geworden in den letzten Jahren, funktioniert nur noch, fühlt sich wie der Hamster in seinem Rad, der aus dem unglücklichen Käfig heraus auf seinen Traum vom Leben schaut. Sein Unbewusstsein hat das längst registriert und kapiert, dass es so nicht weitergeht. So fasst Henning den Entschluss, mit seiner Familie nach Lanzarote zu reisen – ohne signifikanten Grund für dieses Ziel.

Die Geschichte spielt sich fast ausschließlich am Neujahrstag ab. Die Familie ist noch müde vom Silvesterabend, als er beschließt, sein altes Hobby aufleben zu lassen, wenigstens heute – oder steht es sinnbildlich dafür, dass er an diesem ersten Januar wieder selbst sein Leben in die Hand nehmen will? Henning macht sich auf, mit einem geliehenen Rad, den Pass von Fermés zu bezwingen. Während der langen, anstrengenden Fahrt lässt er sein Leben, vor allem die letzten Jahre, Revue passieren. Leser und Hörer erfahren, was sich seit der Geburt der beiden Kinder für ihn geändert hat, wie er sich dabei fühlt, wie er sich selbst geändert hat, nein ändern musste, um das Familienkonstrukt am Laufen zu halten. Eins wird klar, der „Ursprungs-“Henning verschwand immer mehr, der funktionierende Henning übernahm zunehmend das Feld – mit fatalen Folgen. Körper und Seele leiden. Aber hat das wirklich ausschließlich mit seinem Wandeln auf dem Familienpfad zu tun? Oder schwelt da etwas in ihm, das tief in ihm verborgen liegt? Dieser Eindruck ereilte mich ziemlich schnell. Jeder Vater, jede Mutter kennt die Veränderungen, die Eingriffe in das eigenen Leben, wenn Kinder das Sein bereichern. Aber nimmt es einen wirklich zwangsläufig so intensiv mit, wie es bei Henning der Fall ist?

Gespannt verfolgte ich die Geschichte weiter. Und als der Mann in seiner gestohlenen Freiheit sein Ziel erreicht, den Pass bezwungen hat, steht er vor einem weitaus größeren Berg, seinem ganz persönlichen Berg, gefühlt ein 9000er plus X, den es zu bezwingen gilt. An dieser Stelle nimmt der Roman eine gehörige Wende, die von der Gegenwart zurück in Hennings Kindheit springt. So wie sein Sohn eine Schwester hat, so hat auch er selbst eine, und mit dieser hat er ein tief verwurzeltes Traumata entwickelt. Auch an diese bezeichnende Zeit erinnert er sich am Titel gebenden Neujahr und obwohl ich alles interessiert verfolgte, diesen Rückblick begierig einsog, fragte ich mich, welche Bedeutung die Autorin diese Erlebnisse der beiden Kinder beimessen würde, warum sie diese so intensiv erzählte. Später, als Henning und seine Familie zurück in Deutschland ist, gibt es eine erneute Wende in der Geschichte, die mich die Intention erahnen ließ. Allerdings ist das Ende im Vergleich zum restlichen Roman recht knapp gehalten, sodass ich mir sowohl für die Stiltreue als auch für die Beantwortung meiner entstandenen Fragen mehr Raum gewünscht hätte.

Neben einem sehr intensiv und facettenreich ausgearbeiteten Henning bleiben die anderen Charaktere für mich eher schwach, aber da sie Nebendarsteller und mehr Mittel zum Zweck sind, ist das schlüssig. Der Spot fällt fast durchweg auf Henning, sein Innerstes wird umfassend seziert, und dennoch kann ich seinen abschließenden Entschluss nicht nachvollziehen. Das offene Ende lässt eine Vielzahl an möglichen Entwicklungen zu….

„Neujahr“ ist eine – trotz ihrer relativen Kürze – intensive Geschichte über die Macht und Manipulation von Erinnerungen und deren Wirkung auf das Unterbewusstsein, das dann wiederum das bewusste Handeln beeinflusst und auf das Leben sowohl des Protagonisten wirkt und im näheren Umfeld seine Kreise zieht. Bis auf das etwas abrupte und offene Ende hat mir dieses (Hör-)Buch sehr gut gefallen.

Florian Lukas setzt die Hauptfigur gut um. Hennings Gedanken und sein breites Spektrum an Gefühlen sind gut nachvollziehbar. Auch die Erinnerungen werden intensiv und fesselnd umgesetzt, dabei unterstützt der Sprecher die subtile Spannung der Geschichte mit seiner Interpretation. Ich hörte Florian Lukas sehr gerne zu und ließ mich gerne von ihm und dem Roman fesseln.

Inhalt
Lanzarote am Neujahrsmorgen: Henning will mit dem Fahrrad den Steilaufstieg zum Pass von Fermés bezwingen. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, denkt er über sein Leben nach. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er liebt seine Frau, hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Aber Henning geht es schlecht. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder. Er leidet unter Angstzuständen und Panikattacken, die ihn regelmäßig heimsuchen. Als Henning schließlich den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal hier. Damals hat sich etwas Schreckliches zugetragen, das er bis heute verdrängt hat …

Autorin
Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, studierte Jura in Passau und Leipzig. Schon ihr Debütroman „Adler und Engel“ (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Ihr Gesellschaftsroman „Unterleuten“ (2016) stand über ein Jahr auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013), dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015) und dem Bruno-Kreisky-Preis (2017) sowie dem Bundesverdienstkreuz (2018).

Sprecher
Florian Lukas, geboren am 16. März 1973 in Berlin, fing mit 17 Jahren an Theater zu spielen und erhielt seine erste Filmrolle von Peter Welz für „Banale Tage“ (1990), eine der letzten DEFA-Produktionen. Erstmals einem breiteren Publikum bekannt wurde er mit Til Schweigers Thriller „Der Eisbär“ (1998). Für seine Rolle in Sönke Wortmanns „St. Pauli Nacht“ (1999) und die Darstellung des rappenden Rico in Sebastian Schippers „Absolute Giganten“ wurde Lukas mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Lukas erhielt für seine Rolle in „Good Bye, Lenin“ (2003) den Deutschen Filmpreis sowie einen Bambi und war im Kino in so hochgelobten Filmen wie „Kammerflimmern“ (2003), „One Day in Europe“ (2004), „Keine Lieder über Liebe“ (2004) „Stellungswechsel“ (2007) und „Nordwand“ (2008) zu erleben. Für den Hörverlag sprach Florian Lukas im Jules Verne-Hörspiel „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ mit sowie in „Herr Lehmann“ und „Der kleine Bruder.
Quelle: Randomhouse

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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