*+* Jessica Fellowes: „Die Schwestern von Mitford Manor- Unter Verdacht“ (Print und Hörbuch) *+*

Aus dringenden persönlichen Gründen möchte Louisa ihren Wirkungskreis verändern. Das Glück ist mit ihr, denn sie erhält die begehrte Dienstmädchen-Stelle bei den glamourösen Mitfords und ist gemeinsam mit einer anderen Kinderfrau für die Belange der zu Beginn des Romans achtköpfigen Familie zuständig. Vater, Mutter und vor allem die sechs Töchter bringen ordentlich Leben in die Bude. Ihre jüngeren Schwestern bleiben in diesem Auftaktband der Reihe jedoch eher blass, haben mehr oder weniger nur Statistenrollen, denn die Älteste, Nancy, spielt hier neben Louisa eine der weiblichen Hauptrollen – und das tut sie grandios. Sie, an der Schwelle zum Erwachsensein, weiß sich in Szene zu setzen, ihre Meinung darzulegen und diese mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. Ich mochte diese kleine Kratzbürste sehr!

Als sie sich unerwartet verliebt und dieser Gentleman direkt oder indirekt – man weiß es lange Zeit nicht – mit dem Mordfall an Florence Nightingale Shore zu stehen scheint, hindert das Nancy nicht, voller unverbrüchlicher Treue weiter für ihn zu schwärmen. Louisa hat ihre liebe Not, der ältesten Tochter des Hauses die Flausen zu vertreiben und sie im Sinne der Eltern in der Spur zu halten. Auch Louisa mochte ich sehr, sehr gerne. Ihre Vergangenheit betrübte mich, vor allem, als diese die junge Frau einzuholen drohte. Dabei ist sie eine Seele von Mensch, hat das Herz auf dem rechten Fleck und für ihr Alter ein erfreuliches Maß an Vernunft. Dass sie trotzdem nicht perfekt ist, sollte man ihr nicht ankreiden, denn wer ist das schon?
Auch die anderen Charaktere sind überaus gelungen und entsprechend ihrer Wichtigkeit für die Geschichte mehr oder weniger intensiv, aber in jedem Fall überzeugend und nachvollziehbar, ausgearbeitet.

Jessica Fellowes verbindet zwei Handlungsstränge miteinander. Louisas bereits erwähntes Leben bei den Mitfords meets einen Mordfall, in dem ein unkonventioneller Sergeant ermittelt. Dass er kreative Ermittlungsansätze hat, ist gut, denn das Verbrechen droht über lange Zeit ungeklärt zu bleiben. Trotz aller Widrigkeiten hält er an seinen Nachforschungen fest. Dabei kreuzen seine Wege immer wieder die der Louisa, in der das kriminalistische Gespür erwacht. Es kommt, wie es kommen muss, die beiden sind sich sympathisch, sehr sogar. Wer nun eine billige Romanze erwartet, liegt aber falsch, denn die Autorin bewegt sich auf einem weit höheren Niveau als einer schnellen, oberflächlichen Liebesromanze.

So wie überhaupt alles sehr ausführlich und gemächlich erzählt, erklärt und hinterfragt wird, so entspannt entwickeln sich auch sämtliche Beziehungen, was mir sehr gut gefallen hat. Denn obwohl Emotion und viel Gefühl hier sicherlich eine nicht unerhebliche Rolle spielen, steht ganz klar der Mordfall im Fokus und zieht sich wie ein dicker roter Fäden durch diesen Kriminalroman der 1920er Jahre.

Neben überzeugenden, lebensnahen und authentischen Charakteren, die durch ihre Ecken und Kanten sehr menschlich wirken, hat die Autorin einen gut inszenierten Mordfall in Louisas Leben und das der Schwestern von Mitford Manor eingepasst. Auch die entsprechende Kulisse ist überzeugend gelungen. Das Flair der 1920er entfaltet sich lebendig, das luxuriöse Anwesen, der Glamour im Leben der Mitfords, denen ihr Reichtum jedoch nicht zu Kopf gestiegen zu sein scheint. Im Gegensatz dazu schreiten die lange Zeit deprimierend fruchtlosen Ermittlungen voran…bis sich plötzlich ein neuer Ansatz findet und die bisherigen Theorien auf den Kopf stellt.

Trotz des langsamen Erzähltempos und der teilweise stagnierend anmutenden Handlung habe ich mich nicht an einer einzigen Stelle gelangweilt, ganz im Gegenteil. Auch außerhalb des Hörbuchs – nach dem gelesenen Beginn bin ich aus Zeitgründen auf das ebenso wunderbare Audiobook umgestiegen – schweiften meine Gedanken immer wieder zurück nach Mitford Manor, dieser sympathischen Familie, und dem Mordfall, zu dem ich mir meine ureigenen Überlegungen gemacht habe.

„Unter Verdacht“ ist der erste Teil der Reihe „Die Schwestern von Mitford Manor“, der mich durchweg begeistern konnte. Tolle Charaktere, ein spannender, verzwickter Fall, und nicht zuletzt das lebendige, anschauliche Flair der 1920er bescherten mir viele Stunden gehobenen Hörgenusses. Nun freue ich mich sehr auf den zweiten Teil der Reihe, der im Herbst 2019 erscheint.

Juliane Köhler liest intensiv, erzeugt großartige Stimmungen. Während der Ermittlungen wird es spannend, im privaten Bereich eher emotional. Die Sprecherin versetzt sich gut in die verschiedenen Charaktere und transportiert ihre Rollen gelungen in die Hörbuch-Version.

Inhalt
London, 1920: Für die 19-jährige Louisa geht ein Traum in Erfüllung. Sie bekommt eine Anstellung bei den Mitfords, der glamourösen und skandalumwitterten Familie aus Oxfordshire. Endlich kann sie der Armut und dem Elend der Großstadt entfliehen und dafür auf ein herrschaftliches Anwesen ziehen. Louisa wird Anstandsdame und Vertraute der sechs Töchter des Hauses, allen voran der 17-jährigen Nancy, einer intelligenten jungen Frau, die nichts mehr liebt als Abenteuer und gute Geschichten. Als Florence Nightingale Shore, eine Krankenschwester und Freundin der Familie, am helllichten Tag ermordet wird, beginnen Nancy und Louisa eigene Ermittlungen anzustellen. Schnell erkennen sie, dass nach den Wirren des Krieges jeder etwas zu verbergen hat.

Autorin
Jessica Fellowes, bekannt durch ihre Begleitbücher zur weltberühmten Serie »Downton Abbey«, arbeitet als Journalistin und Referentin und war früher als stellvertretende Chefredakteurin von Country Life tätig. Sie ist die Nichte von Julian Fellowes, Schauspieler, Romanautor und Verfasser der »Downton Abbey«-Drehbücher. Jessica Fellowes lebt mit ihrer Familie, einem Labradoodle und zwei Hühnern in Oxfordshire.
Quelle: Piper Verlag

Sprecherin
Juliane Köhler erhielt ihre Schauspielausbildung am H.B. Studio in New York. Ihre Karriere begann mit einem Engagement am Niedersächsischen Staatstheater in Hannover. Seit 1993 ist sie mit Unterbrechungen Mitglied des Ensembles des Bayerischen Staatsschauspiels in München und ist regelmäßig in TV- und Kinoproduktionen zusehen. Internationale Bekanntheit erlangte Juliane Köhler durch ihre Rolle im Kinofilm Aimée und Jaguar, für den sie zusammen mit Maria Schrader den Silbernen Bären erhielt. In dem Film Nirgendwo in Afrika der Regisseurin Caroline Link, der 2003 mit dem Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film ausgezeichnet wurde, spielte sie die Hauptrolle.
Quelle: Randomhouse

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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