*+* Oliver Pötzsch: „Der Spielmann“ *+*

Als Gaukler nach Knittlingen kommen, ist Johann Georg Faustus ganz fasziniert. Vor allem der Spielmann Tonio del Moravio hat es ihm angetan. Er fasziniert den Jungen, denn neben seinen gauklerischen Darbietungen scheint er auch Fähigkeiten zu haben, die mit der Magie im Bunde stehen. Die Anziehung besteht beiderseits, auch Tonio scheint ein gewisses Interesse an Faustus zu haben. So kommt es, dass er nach dem Tod seiner Mutter dem Gelehrten aus der Stadt folgt, und alles nur mögliche Wissen aufsaugt. Allerdings scheint Tonio mit vielem hinter dem Berg zu halten, was den Wissensdurst des Lehrlings nur weiter anfacht. Zudem möchte er verstehen und ergründen, warum er für Tonio so besonders ist und auch, warum er laut seiner Mutter unter einem glücklichen Stern geboren wurde. Dieser Lerndrang führt den Jungen durch viele Abenteuer und öffnet ihm zunehmend die Augen.

Schon allein das Geschehen an sich vor der großartig geschilderten historischen Kulisse ist interessant und sehr lesenswert. Als aber immer mehr geheimnisvolle Andeutungen in die Erzählung hineingestreut werden, wurde ich gleichermaßen noch stärker an das Buch gefesselt. Die stechend schwarzen Augen des Magiers, seine weissagenden, kryptischen Äußerungen gegenüber seinem Lehrjungen ließen mich durch dieses fast 800 Seiten starke Werk fliegen. Warum ist Faustus etwas Besonderes? Warum hält er so mit seinen Vermutungen vor dem Jungen zurück? Ja, wer ist Tonio eigentlich? Er schien mir zunehmend suspekt und machte mir Angst, ebenso sehr faszinierte er mich aber auch. Er betörte mich mit seinem zielstrebigen und -sichern Handeln, seinem Wissen, und dennoch…. da gab es gewisse Dinge, die mich schaudern machten.

„Ein jedes hat seine Zeit, hörte er die Stimme des Meisters. Geboren werden hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit, Heilen hat seine Zeit, Töten hat seine Zeit….“

An dieser Stelle muss ich eine riesige Wissenslücke zugeben, denn bisher hatte ich nichts über Faust gelesen. Weder den Klassiker Goethes noch irgendeine andere Geschichte über diese historische Person. So habe ich „Der Spielmann“ vorbehaltlos, ohne Vorkenntnisse oder Erwartungen in bestimmte Richtungen, gelesen und war schlichtweg und durchweg begeistert von der Erzählweise Oliver Pötzschs. Wie er die Kulissen schildert, um die geheimnisvolle Handlung möglichst atmosphärisch einzuflechten, wie er seine Charaktere formt und zum Leben erweckt, ist einfach nur fantastisch!

An einigen Stellen hatte ich das Gefühl, Tonio mustere nicht seine Begleitung, sondern schaue mir stechend und intensiv mit seinen schwarzen Augen ins Gesicht, und jagte mir damit mehr als einen unwohligen Schauer über den Rücken. Ganz oft spielten sich die gelesenen Szenen anschließend vor meinem inneren Auge ab, was nicht weniger gruselig war. Nein, nein, wir sind hier nicht in einem Horrorschocker, aber der Autor versteht es so gut, seine Geschichte lebendig, leb- und glaubhaft zu erzählen, dass das Lesen und Miterleben für mich sehr intensiv war.

Die Geschehnisse um Georg Johann Faustus werden ausführlich, detailreich und chronologisch erzählt, ein Stil, bei dem es schnell langweilig werden könnte, was bei diesem Buch aber nie der Fall ist. Handlung und Charaktere sind facettenreich, intensiv und überzeugend ausgearbeitet. Zudem überzeugen die gut recherchierten, an vielen Stellen stimmig eingebauten Hintergründe. Es gibt Wenden und Überraschungen sowie viele Szenen, bei denen man das Buch einfach nicht aus der Hand legen kann, sowie einen Schluss, der neugierig und vorfreudig auf die Fortsetzung macht!

Inhalt
1486: Knittlingen ist ein ruhiger Ort im Kraichgau. Bis zu dem Tag, als die Gaukler in die Stadt kommen – und plötzlich Kinder verschwinden. Johann Georg, genannt „Faustus“, der Glückliche, kümmert das nicht. Ihn interessiert nur der Spielmann und Magier Tonio del Moravia: Von dem blassen Mann mit den stechend schwarzen Augen, der Johann eine große Zukunft als Gelehrter voraussagt, geht eine seltsame Faszination aus. Johann schließt sich ihm an, gemeinsam ziehen sie durch die deutschen Lande. Der junge Mann saugt alles auf, was Tonio ihm beibringt. Doch von Tonios Lehren geht eine ungeahnte Gefahr aus, und schon bald beschleicht Johann das Gefühl, dass sein Meister mit dunklen Mächten im Bunde steht. Mächte, die Johanns ganzes weiteres Leben bestimmen werden …

Autor
Oliver Pötzsch, Jahrgang 1970, arbeitete nach dem Studium zunächst als Journalist und Filmautor beim Bayerischen Rundfunk. Heute lebt er als Autor mit seiner Familie in München. Seine historischen Romane haben ihn weit über die Grenzen Deutschlands bekannt gemacht: Die Bände der „Henkerstochter“-Serie sind internationale Bestseller und wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt.
Quelle: Ullstein Verlag

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
Dieser Beitrag wurde unter Geschichte, Romane, Ullstein Buchverlage abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu *+* Oliver Pötzsch: „Der Spielmann“ *+*

  1. moserschreibt schreibt:

    Hab es gelesen und fand es toll! 👍👏📖

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.