*+* Andreas Eschbach: „NSA“ (Hörbuch) *+*

Man stelle sich vor, dass im Dritten Reich unsere heutigen technischen Möglichkeiten bestanden hätten. Was wäre gewesen? Hätte es dann überhaupt so weit kommen können? Oder wäre alles noch viel schlimmer gewesen? Andreas Eschbach erschafft ein beklemmendes, weil hieb- und stichfestes, glaubhaftes Szenario, das ich mehr als gespannt verfolgte.

Hauptfigur ist Helene, eine begabte Programmiererin, die ihr Beruf mit Leidenschaft erfüllt. Als ihr bewusst wird, in welcher Form sie dadurch ihrem Land „dient“, steht sie ihrer Arbeit zunehmend skeptisch gegenüber. „Big Brother“ ist nichts gegen das „NSA“, mehr möchte ich dazu nicht sagen….

Nicht nur beruflich gerät Helene gefühlsmäßig zwischen die Fronten, auch in der Liebe steht sie unfreiwillig zwischen zwei Stühlen. Der, den sie will, den darf sie nicht haben, und den, der sie will, den mag sie nicht haben. Aber dieser Mann ist ein hohes Tier, dem sie nicht so einfach einen Korb geben kann. Was also tun?
Ich litt und fieberte mit Helene. Schüttelte immer wieder angewidert den Kopf ob der grausamen Methoden, die die Programmiererin anwenden musste, mochte mir die Folgen gar nicht ausmalen, tat es dann aber doch, meist den Tränen nah. War mit ihr in ihrem Gefühlskonflikt, überlegte hin und her, ob es überhaupt eine gute Lösung geben könne, und staunte über ihre zuletzt kaltschnäuzige Art, mit der sie das Schicksal in die Knie zwingen wollte. Aber wie heißt es so schön? „Man wächst mit seinen Aufgaben“ und „Not macht erfinderisch.“

„NSA“ konnte mich voll und ganz überzeugen. Vor allem gefällt mir, dass der Autor mich nicht vor gegebene Tatsachen stellt, sondern erklärt, warum genau diese technischen Möglichkeiten herrschen. Da ist alles schlüssig, nichts wirkt an den Haaren herbeigezogen, alles bildet einen logischen Hintergrund, vor dem sich der Zweite Weltkrieg nun noch grausamer und rücksichtsloser austoben kann.
Ebenfalls sehr gelungen sind die Protagonisten. Allen voran Helene, die sehr authentisch ist und sich bei den erlebten Entwicklungen glaubhaft weiterentwickelt. Auch ihre Familie ist gut skizziert, aber auch die Mitarbeiter des „NSA“ und die weiteren Figuren. Sie wirken rund, geschmeidig, haben zwar ihre Ecken und Kanten, agieren aber lebendig und glaubwürdig.
Die Stimmungen, die Andreas Eschbach erzeugt, sind greifbar, intensiv, und hatten etwas von diesem Gefühl, „da wäre ich gern Mäuschen“… Ich fühlte mich oft wie dieses Mäuschen, das still in einer Ecke kauerte und das Geschehen mitverfolgte, immer mit der Angst im Nacken, bloß nicht entdeckt zu werden – auch wenn ich eigentlich genau wusste, dass ich lediglich eine Geschichte höre.

Diese gefiel mir in ihrer gut durchdachten Ausarbeitung sehr gut, wurde durch die langsame, ausführliche, detaillierte Erzählweise in ihrer Intensität noch unterstützt. Auch wenn es an einigen Stellen scheinbare Längen gibt, habe ich sie nicht als solche empfunden. Mir waren sie eher sehr angenehm, hatte ich doch so Gelegenheit, all die schlimmen Passagen (Kopfkino!) sacken und zumindest etwas verarbeiten zu können.

Laura Maire ist einmal mehr zu Höchstform aufgelaufen. Wie sie Helenes Innerstes umsetzt, immer wieder die Stimmungen und die Atmosphäre einfängt, das ist einmal mehr ganz großes Kino für die Ohren und es fiel mir äußerst schwer, dieses Hörbuch unterbrechen zu müssen.

Inhalt
Was wäre, wenn es im Dritten Reich schon Computer gegeben hätte, das Internet, E-Mails, Mobiltelefone und soziale Medien – und deren totale Überwachung?
Weimar 1942: Die Programmiererin Helene arbeitet im NSA, dem Nationalen Sicherheits-Amt, und entwickelt dort Programme, mit deren Hilfe alle Bürger überwacht werden. Erst als die Liebe ihres Lebens Fahnenflucht begeht und untertauchen muss, widersetzt Helene sich. Dabei muss sie nicht nur gegen das Regime kämpfen, sondern auch gegen ihren Vorgesetzten.

Autor
Andreas Eschbach, geboren am 15.09.1959 in Ulm, ist verheiratet, hat einen Sohn und schreibt seit seinem 12. Lebensjahr.
Er studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik und arbeitete zunächst als Softwareentwickler. Von 1993 bis 1996 war er geschäftsführender Gesellschafter einer EDV-Beratungsfirma.
Als Stipendiat der Arno-Schmidt-Stiftung „für schriftstellerisch hoch begabten Nachwuchs“ schrieb er seinen ersten Roman „Die Haarteppichknüpfer“, der 1995 erschien und für den er 1996 den „Literaturpreis des Science-Fiction-Clubs Deutschland“ erhielt. Bekannt wurde er vor allem durch den Thriller „Das Jesus-Video“ (1998), der im Jahr 1999 drei literarische Preise gewann und zum Taschenbuchbestseller wurde. ProSieben verfilmte den Roman, der erstmals im Dezember 2002 ausgestrahlt wurde und Rekordeinschaltquoten bescherte. Mit „Eine Billion Dollar“, „Der Nobelpreis“ und zuletzt „Ausgebrannt“ stieg er endgültig in die Riege der deutschen Top-Thriller-Autoren auf.

Sprecherin
Laura Maire arbeitet als Schauspielerin, Hörbuch- und Synchronsprecherin. Sie hat u. a. die Rolle der Alice Cullen in Twilight synchronisiert und in dem prämierten Hörspiel Der Krieg der Knöpfe mitgewirkt. Bekannt wurde sie 2001 durch die ARD-Serie Verdammt verliebt. Seitdem stand sie für verschiedenste TV-Produktionen vor der Kamera. 2011 und 2014 gewann sie den Deutschen Hörbuchpreis in der Kategorie „Beste Interpretin“.
Quelle: Bastei Lübbe Verlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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7 Antworten zu *+* Andreas Eschbach: „NSA“ (Hörbuch) *+*

  1. fraggle schreibt:

    Ich fand das Buch super, wurde aber mit Helene so überhaupt nicht warm. Sie macht aus meiner Sicht eine Wandlung durch, von einer grauen Maus hin zu einer – ohne zu viel verraten zu wollen – sehr egoistischen Frau, die dem Ziel, den, den sie will, behalten zu dürfen, alles unterordnet. Die Wandlung ist nachvollziehbar und gut beschrieben, aber Helene als Person würde ich trotzdem nicht kennenlernen wollen. ;-)

    • irveliest schreibt:

      Ich fand Helene gut und mich hat sie auch überzeugt. Je mehr sie verstand, umso mehr änderte sie sich. Und am Schluss war sie schon egoistisch, aber nicht ausschließlich für sich und „du weißt schon wer“ hat es doch nicht anders verdient. Finde ich. :-)

      • fraggle schreibt:

        Ja, „ich weiß schon wer“ hat es nicht anders verdient. :-)

        Helene aber denkt zwischendurch darüber nach, wie man den Krieg verlängern könnte. Und im Krieg sterben Menschen. Das ist fernab jeglicher Verhältnismäßigkeit. Ab da war ich durch mit ihr. ;-)

      • irveliest schreibt:

        Oh diese Stelle ist scheinbar an mir vorbeigezogen. Das ist natürlich ein irrationaler Gedanke, furchtbar!

      • fraggle schreibt:

        Na, eben! :-)

  2. laberladen schreibt:

    Der Name Laura Maire hatte mir vor diesem Hörbuch nichts gesagt, muss ich ehrlicherweise zugeben. Aber genau wie Dich hat sie auch mich komplett überzeugt und die sowieso schon tolle Story durch ihre Sprecher-Leisung noch weiter unterstützt. Diese Kombination hat mir echt eines meiner Jahreshighlights beschert.
    LG Gabi

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