*+* Kai Meyer: „Der Pakt der Bücher“ *+*

Kennt ihr das? Ihr schlagt ein Buch auf und schon nach wenigen Sätzen verschwindet die Realität um euch herum und ihr steckt felsenfest in der Geschichte. Nehmt mit allen Sinnen die Szenerie wahr, betrachtet die Umgebung, seht die Protagonisten, lasst euch von der Stimmung einfangen und erschnuppert selbst den Geruch – hier ist es der wunderbare Duft der Bücher, denn wir befinden uns am Cecil Court in der Straße der Buchhandlungen.

Schon im Anfangskapitel steckt mehr Leben als in so manch ganzem Buch. Die Atmosphäre ummantelt mich und ich nutze „Der Pakt der Bücher“ als Sprungbuch mitten hinein ins Geschehen, um Mercy, Tempest und Philander so wie bereits in „Die Spur der Bücher“ geschehen, bei ihren Abenteuern zu begleiten. Unterstützung können sie gut gebrauchen, denn in diesem vorläufig letzten Roman aus der bibliomantischen Welt hat der Autor alle Register gezogen. Die Handlung setzt nahtlos am ersten Teils des Prequels zu „Die Seiten der Welt“ an. Mercys Aufgabe lautet nach wie vor, Sedgwick das letzte Kapitel des Flaschenpostbuchs auszuhändigen. Sie zögert, wird jedoch mit zwingenden Argumenten dazu gebracht, ihren Auftrag zu erfüllen. Leider muss sie erfahren, dass dieser damit noch nicht ganz erledigt ist. Ich war ebenso entsetzt wie sie, welch weiten Kreise die Macht des vollständigen Flaschenpostbuchs nach sich ziehen sollte und hoffte sehr auf einen Ausweg für Mercy, der aber wie die Quadratur des Kreises anmutete.

Dies ist jedoch nicht das einzige Problem, mit dem Mercy und ihre Freunde zu kämpfen haben. Kai Meyer versteht es mal wieder, seine Protagonisten, Schauplätze und überbordende Phantasie zu einem Meisterwerk zu verwirbeln, das mit Überraschungen gespickt ist. Er verliert nie den Überblick –  ich konnte ebenfalls jederzeit gut folgen -, auch wenn er an manchen Stellen dem Leser einiges abverlangt, um den Kern der Sache, die dem Flaschenpostbuch zugrunde liegt, zu erfassen und die sich daraus ergebende Handlung mit all ihren Folgen zu begreifen. Mit dieser Idee dürfte er bei Fantasy-Fans offene Türen einrennen, denn davon, was Sedgwick möglich macht, träumt so mancher Leser insgeheim – ich tue es auf jeden Fall!
Zudem überrascht Kai Meyer mit einigen philosophisch angehauchten Passagen, die diesem klug konstruierten und umgesetzten Roman beste Unterhaltung mit Tiefgang bescheren. Auch das gefällt mir gut, denn der Autor pickt sich genau das Thema heraus, das mir selbst schon seit längerer Zeit zunehmend im Kopf herumtanzt. Welches das genau ist, auch das verrate ich hier und jetzt natürlich nicht!

Die Protagonisten treten lebendig und intensiv auf, manchmal glaubte ich, sie neben mir zu haben. Ebenso vermeintlich greifbar sind die Kulissen erschaffen. Ich hatte während vieler Szenen ganz konkrete Bilder im Kopf, die mir zeigten, wie beispielsweise die Gebäude oder auch das magische Luftschiff, das mitsamt seiner Fahrerin eine nicht unerhebliche Rolle im Roman spielt, aussehen. Die detaillierten Beschreibungen schaffen zudem eine unglaublich intensive Atmosphäre, was möglicherweise auch daraus resultiert, dass Kai Meyer aus einem sehr großen Wortschatz schöpft, was die Varietät seiner Ideen gut unterstreicht.

„Der Pakt der Bücher“ ist großartige Fantasy, die sehr zu meiner Freude – ich bin ein begeisterter Krimileser – mit vielen Spannungssequenzen gespickt ist. Zusätzlich zu Mercys peinvoller Aufgabe, die mit ihren vielfältigen Verknüpfungen allein schon spannend genug wäre, baut Kai Meyer mit einem geschickten Schachzug eine Brücke zur großen Weltliteratur und holt sie somit hinein in das Geschehen dieses Romans, woraus sich ein weiterer Spannungskern ergibt.

Nicht zuletzt gefällt mir sehr gut, dass der Autor die Inhalte seiner früheren Bücher aus der Welt der Bibliomantik immer wieder gekonnt einfließen lässt und auch liebgewonnenen „alten Bekannten“ Auftritte gewährt. Man versteht „Der Pakt der Bücher“ – eben durch diese vielen Erwähnungen und kurzen Rückblicke – sicher auch ohne Vorkenntnisse der anderen vier Bücher, aber richtig darin eintauchen kann man vermutlich nur, wenn man sie gelesen hat. Und es lohnt sich, denn jedes einzelne Buch ist ein Highlight, zumindest trifft die gesamte Reihe meinen Lesegeschmack perfekt!

Eine weitere begeisterte Rezension findet ihr bei Nicoles Bücherwelt!

Wer nun neugierig geworden ist, findet hier die Links zu meinen Rezensionen der bisherigen bibliomantischen Bücher:
Die Seiten der Welt
Die Seiten der Welt – Nachtland
Die Seiten der Welt – Blutbuch
Die Spur der Bücher

Inhalt
Londons Straße der Buchhändler – Labyrinthe aus Regalen, Läden voller Geschichten auf vergilbtem Papier. Mercy Amberdale führt hier das Antiquariat ihres Stiefvaters und praktiziert die Magie der Bücher.
Als man sie zwingt, das letzte Kapitel des verschollenen Flaschenpostbuchs an den undurchsichtigen Mister Sedgwick zu übermitteln, gerät das Reich der Bibliomantik aus den Fugen. Vergiftete Bücher und nächtliche Rituale, ein magisches Luftschiff und ein mysteriöser Marquis reißen Mercy in einen Strudel tödlicher Intrigen. Denn wer alle Kapitel des Flaschenpostbuchs vereint, kann die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion niederreißen. Wenn Mercy ihre Gegner nicht aufhält, droht ihrer Welt der Untergang – und die Invasion der Antagonisten.
Am Morgen des 3. Dezember 1880 wurden gegen halb sieben die Lampen in den ersten Buchläden entzündet. Eine Gestalt in einem langen Mantel wanderte an den Fenstern vorüber, vom Licht in den Schatten, vom Schatten ins Licht. Weil niemand sonst so früh die Gasse durchquerte, sah keiner das Gesicht unter dem Hut, der tief in die Stirn gezogen war. Vor einem der Läden hielt der Fremde inne. Liber Mundi stand in goldenen Buchstaben an der Fassade, ein großer, polierter Schriftzug, der sich über das Schaufenster und den Eingang spannte. Die Bücher in der Auslage ruhten dicht gedrängt im Dunkeln, auch im ersten Stock war es ruhig. Alle drei Bewohner des Liber Mundi schliefen noch: Mercy Amberdale in ihrem Zimmer über dem Laden, Tempest und Philander unter dem Dach. Und so bemerkte keiner von ihnen, wie sich die Gestalt auf dem verharschten Schnee dem Eingang näherte und auf halbem Weg unter ihren Mantel griff.

Autor
Kai Meyer, geboren 1969, ist einer der wichtigsten deutschen Phantastik-Autoren. Er hat über fünfzig Romane veröffentlicht, Übersetzungen erscheinen in dreißig Sprachen. Seine Geschichten wurden als Film, Hörspiel und Graphic Novel adaptiert und mit Preisen im In- und Ausland ausgezeichnet.
Quelle: Fischer Verlage

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
Dieser Beitrag wurde unter Fantasy, Fischer Verlage, kai meyer abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu *+* Kai Meyer: „Der Pakt der Bücher“ *+*

  1. Liebe Heike,
    eine schöne Rezension! Ich habe das Buch am Wochenende gelesen und bin genau so begeistert wie du! Ich bin ja auch begeisterte Leserin der Bibliomatik-Romane. Gerade die buchige Atmosphäre ist hier wieder sehr gut gelungen. :)

    Liebe Grüße
    Nicole

    P.S. Vielen lieben Dank fürs verlinken! Ich habe dich ebenfalls gerne verlinkt.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.