*+* Frank Goldammer: „Vergessene Seelen“ (Hörbuch) *+*

Dresden im Sommer 1948. Der Zweite Weltkrieg ist seit mehr als drei Jahren vorbei, aber die Versorgungslage der Menschen der sowjetischen Besatzungszone hat sich noch immer nicht grundlegend geändert. Weiterhin mangelt es an allem, ständig muss improvisiert werden. Bescheidenheit, Liebe und der Glaube an eine bessere Zukunft sind der Kitt, der die Menschen zusammenhält und sie nicht verzweifeln lässt. Wem nicht ein so unerschütterlicher Charakter gegeben ist, der neigt eher zur Verbitterung und Hoffnungslosigkeit, die den Tod bisweilen attraktiver erscheinen lassen als das Leben.

Als ein Jugendlicher tot auf einer Baustelle aufgefunden wird, ermittelt Max Heller. Der Zustand des Toten macht ihn stutzig und er weiß nicht, wie er den Fall einschätzen soll. War es ein Unfall? Vielleicht eine Mutprobe? War es Mord? Oder war es sogar Selbstmord? Heller ermittelt und bei näherer Betrachtung des Umfeldes tun sich Abgründe auf. Plötzlich befindet er sich inmitten eines Dramas an Unmenschlichkeit. Traumatisierte frühere Kriegsteilnehmer – erkrankt an Körper, Geist und Seele – ertragen ihre Qualen nicht ohne Unterstützung. Manchmal brechen sich ihre schlimmen Erlebnisse im Nachhinein bahn. Darüber zu lesen, machte mich immer wieder schaudern. Die persönlichen Schicksal, die den eigentlichen Fall bisweilen in den Hintergrund treten lassen, sind erschütternd und teils sehr schwer zu ertragen. Vor allem, weil sie in dieser oder ähnlicher Form real waren.

Frank Goldammer versteht es wieder sehr gut, das Leid und seine Folgen sehr authentisch, eindringlich und nahe gehend zu schildern. Beim Hören lief mir immer wieder eine Gänsehaut über den Rücken. Diese furchtbaren Zeiten sind zwar vorbei, aber wie schnell können sie zurückkehren, wenn wir nicht alle gemeinsam Achtsamkeit walten lassen.

Der Autor hat nicht nur den Fall selbst nahe am Puls der damaligen Zeit angelehnt, auch die gesamte Kulisse ist sehr gut recherchiert und gut in den Krimi eingepasst. Egal, ob es sich um die lokalen Schilderungen Dresdens handelt, die historischen Hintergründe – in Westdeutschland wird gerade die D-Mark eingeführt -, oder die privaten Umstände Hellers mit ihrem Pflegemädchen und ihren beiden Söhnen, von denen der eine in den reichen, blühenden Westen übergesiedelt war und nun seine Familie mit Care-Paketen versorgt, während der andere Sohn nach der Kriegsheimkehr in Dresden lebt, und dort inzwischen der „Partei“ eingetreten ist, was zu weiterem Zündstoff führt, da Heller alles andere als ein Freund dieser Genossen ist.

In „Vergessene Seelen“ ist es dem Autor – so wie in den ersten beiden Teilen der Reihe „Der Angstmann“ und „Tausend Teufel“ – erneut gelungen, einen spannenden, tiefgründigen Kriminalfall historisch und gesellschaftlich grandios in die Kriegsnachzeit Ostdeutschlands einzupassen.

Das bedeutet einmal mehr beste, fesselnde, eindringliche und nachdenkliche Unterhaltung vor historischem Hintergrund. Auch dem Sprecher Heikko Deutschmann gebührt Lob und Dank für seine lebendige Umsetzung des Romans. Wie schon in den vorherigen Bänden geschehen, schafft er es erneut, ein großartiges Kopfkino zu erzeugen. Er hat ein gutes Gespür für die Stimmungen und verschiedenen Charaktere und macht aus diesem Krimi ein tolles, intensives Hörerlebnis.

Inhalt
Auch im dritten Teil der Krimi-Reihe um den Kriminalpolizisten Max Heller zeichnet Frank Goldammer ein eindrucksvolles und gleichermaßen bedrückendes Bild der deutschen Nachkriegszeit. Seine Charaktere, allen voran Max Heller, zeigen sich in dem Hörbuch ein weiteres Mal als vielschichtige und vor allem authentische Handlungsträger, die sich wie selbstverständlich in das historische Setting einfügen. Dabei tritt Goldammers nüchterne Sprache in Kontrast zum tragischen Fundament der Handlung und lässt dadurch eine einzigartige Spannung entstehen, die sich in der ungekürzten Lesung immer weiter steigert.

Autor
Frank Goldammer, 1975 in Dresden geboren, ist Maler- und Lackierermeister. Mit Anfang 20 begann er zu schreiben, verlegte seine ersten Romane im Eigenverlag und schrieb drei erfolgreiche Regionalkrimis über Dresden und Umgebung. Er ist alleinerziehender Vater von Zwillingen und lebt mit seiner Familie in Dresden.

Sprecher
Heikko Deutschmann wurde 1962 in Innsbruck/Österreich geboren. An der Berliner Hochschule der Künste absolvierte er von 1981 bis 1984 sein Schauspielstudium und studierte 1997/98 an der Drehbuchakademie der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB).Heikko Deutschmann ist unter anderem Sprecher in den DAV – Hörbüchern »Achilles Verse. Mein Leben als Läufer« und »Achilles’ Laufberater« von Achim Achilles, »Scriptum« von Raymond Khoury, »Der romantische Egoist« von Frédéric Beigbeder, »Weißer Schatten« von Deon Meyer und »Der Mackenzie Coup« von Ian Rankin.
Quelle: Der Audio Verlag 

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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