*+* Celeste Ng: „Kleine Feuer überall“ (Hörbuch)“

Die Richardsons leben in Shaker Heights, einem kleinen, auf den ersten Blick perfekt anmutenden Dorf. Als eines Tages ihr Haus brennt, sind die Familienmitglieder wohlauf – jedoch ist die jüngste Tochter verschwunden. Sie befindet sich glücklicherweise nicht im Haus, aber wo kann sie nur sein? Im Dorf ist jedenfalls ist sie nicht. Als die Eltern und anderen drei Kinder darüber nachdenken, kommen ihnen Erinnerungen über Erinnerungen in den Sinn, an denen der Hörer teilhaben darf. So erfährt man rückblickend – und alles andere als chronologisch erzählt – vieles aus dem Leben der Richardsons, aber auch ihrer Nachbarn, Freunde und vor allem ihrer Mieter, die kurz vor dem Brand ausgezogen sind.

„Für eine Mutter war ein Kind nicht nur eine Person, das Kind war ein Ort. Eine Art Narnia, ein weiter, ewiger Ort, an dem gelebte Gegenwart, erinnerte Vergangenheit und ersehnte Zukunft gleichzeitig existierten.“

Der verschachtelte Stil hat mich manchmal etwas verwirrt, zumal die Sprecherin keine Absatzpause bei Sinnabschnitten gemacht hat. Durch die Personen, von denen erzählt wird, war ich daher immer wieder schnell im Bilde. Von dieser kleinen Schwäche abgesehen hat mir „Kleine Feuer überall“ sehr gut gefallen. Die Geschichte ist vielschichtig angelegt, die Autorin gräbt tief bei einem jeden Charakter. Es sind nicht alle so, wie sie auf den ersten Blick scheinen. So offenbart sich manchmal eine gut verborgene schlechte Eigenschaft, die mich hin und wieder erschütterte. Andererseits zeigen spröde wirkende Protagonisten nach und nach auch warmherzigere Seiten. Die Entwicklung der Figuren, die Überraschungen, die sich durch ihre Charaktereigenschaften manchmal gab, das alles wirkte sehr glaubhaft, authentisch, nahe am Leben.

Der rote Faden, der sich durch alle Erinnerungen zieht, sind Kinder. Große, kleine, eigene, fremde, angenommene, gewollte, ungewollte, geliebte, abgelehnte, glückliche, unglückliche. Jeder aus dem Dorf hat da sein eigenes Päckchen zu tragen – ein kleineres oder größeres. Manche vollgepackt mit Liebe, manchmal gefüllt mit Schuld. Als eine von mir ungeliebte Figur ihre Nase mal wieder zu tief in fremde Angelegenheiten steckt, entfacht sie die Glut und ein im übertragenden Sinne unkontrollierter Brand scheint unausweichlich. Auch an vielen anderen Stellen schwelen Vergangenheit und Gegenwart und drohen sich zu entzünden. Der Buchtitel ist daher sehr passend gewählt! So beschaulich und unkompliziert geht es in Shaker Heights also doch nicht zu, nach und nach bröckelt die Fassade der vorgegaukelten Perfektion.

„Manchmal muss man alles abbrennen und von vorn anfangen. Nach dem Brand ist die Erde fruchtbarer und Neues kann wachsen. Genauso ist es bei den Menschen. Sie fangen von vorne an. Sie finden einen Weg.“

Ich mochte die Geschichte sehr. Erzählt in leisen Tönen entfaltet sie eine ungeahnte, gewaltige Sprengkraft und regt an vielen Stellen zum Nachdenken an. Die vielen kleinen Geschichten, die aus der Haupterzählung sprießen, finden nach und nach überzeugend zusammen und viele der begonnene Kreise schließen sich. Lediglich eine Sache bleibt für die Bewohner des Dorfes ungeklärt. Der Hörer hingegen ist voll im Bilde. Dadurch, dass die Autorin die Erinnerungen vieler Menschen zusammenträgt, erfährt der Hörer manches aus mehreren Perspektiven und kennt somit die ganze Wahrheit, während die Protagonisten oft nur von Bruchstücke wissen, die sich nicht immer richtig zusammensetzen lassen. Die Bilder, die Szenen, die die Autorin entwirft, entwickelten sich zu einem großartigen Kopfkino, das sich vor meinem inneren Auge abspielte.

Fazit:
Großes und Kleines, Dramatisches und Amüsantes – Die Bandbreite des Lebens, erzählt vor der Kulisse Shaker Heights, hat mir sehr gut gefallen!

Ein großes Lob gebührt neben der Autorin auch der grandiosen Sprecherin Britta Steffenhagen. Sie liest so einfühlsam, dass ich leicht den Eindruck bekam, sie erzähle mir ihre eigenen Erinnerungen. So, als lebte sie selbst in Shaker Heights. Ich kann die Aussage von Tino Dallmann (MDR Kultur) nur bestätigen: „Britta Steffenhagen… trifft den Ton des Romans, warmherziger Humor trifft auf analytische Schärfe.“

Inhalt
In Shaker Heights gibt es keine Unordnung. Der Ort im Norden von Ohio ist eine Planstadt und eine der reichsten Gegenden der Vereinigten Staaten. Perfekte Häuser reihen sich in perfekten Straßen, in denen die makellosen Bewohner ihre ebenso makellosen Autos fahren. Die Regeln in Shaker Heights sind da, um befolgt zu werden und wer in dem einwandfreien Stadtbild hervorsticht, wird schnell nicht nur zum Gesprächsthema, sondern auch zum Gespött der Gemeinde.
Die Familie der Richardsons lebt in dieser Perfektion ein sorgenfreies Leben – so scheint es zumindest, bis eines Tages ihr Haus in Flammen steht und sich nach und nach eine erschütternde Familientragödie offenbart… Dieses Hörbuch ist ein Muss für Fans zeitgenössischer amerikanischer Literatur!
»In seinem Leben gab es jetzt ein Davor und ein Danach, und er würde beide immer miteinander vergleichen.«
Die Richardsons leben einen mustergültigen Alltag. Sie haben angesehene Jobs, keine Geldsorgen und vier beliebte Kinder. Auch die Tatsache, dass die jüngste Tochter Izzy zunehmend zum Problemkind wird, wirft das tadellose Leben der Familie nur geringfügig aus der Bahn.
Doch die perfekte Fassade beginnt zu bröckeln, als die unkonventionelle Künstlerin Mia mit ihrer Tochter Pearl als Mieterin in das Zweithaus der wohlhabenden Familie einzieht. Die Richardson-Kinder freunden sich mit der schüchternen Pearl an und es entsteht ein Gewirr aus jugendlicher Freundschaft, heimlicher Liebe und familiären Abgründen, die schon bald ans Licht zu kommen drohen.
Mit »Kleine Feuer überall« inszeniert Celeste Ng ein komplexes Familiendrama, in dem zwei völlig unterschiedliche Welten aufeinanderprallen, die sich im Kern doch mehr ähneln, als es zunächst scheint.

Autorin
Celeste Ng (sprich: Ing), geboren Anfang der 80er-Jahre in Pittsburgh, Pennsylvania, wuchs als Kind chinesischer Einwanderer in Pennsylvania und Ohio auf. Beide Eltern waren Wissenschaftler. Nach ihrem Studium in Harvard und an der University of Michigan veröffentlichte sie zahlreiche Essays und Erzählungen. »Was ich euch nicht erzählte« ist ihr erster Roman.

Quelle: Der Audio Verlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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