*+* Gin Phillips: „Nachtwild“ (Hörbuch) *+*

Joan und und ihr Sohn Lincoln sind im Zoo. Sie kosten die Öffnungszeiten bis zur letzten Minute aus. Als sie endlich kurz vor dem Ausgang sind, stellt die Mutter entsetzt fest, dass dort offenbar ein Amoklauf stattgefunden hat. Schnell kehrt sie dem Ursprungsplan den Rücken und überlegt fieberhaft, welche Stelle im Zoo am sichersten ist. Sie muss sich schützen und noch viel mehr ihren Sohn.

Ich habe selbst zwei Kinder, die zwar wesentlich älter als der vierjährige Lincoln sind, aber dennoch konnte ich mich sehr lebhaft in diese Situation hineinversetzen. Wenn es nur noch zählt, zu überleben, ein Versteck zu finden, dein Kind zu beruhigen, zufrieden zu stellen, sodass es ruhig ist und sich nicht auffällig verhält. Tausend Gedanken flitzten durch mein Hirn, Panik, Angst, aber auch Funktionalität. Was täte ich? Zunächst natürlich einen möglichst sicheren Platz finden, dann blitzschnell die Polizei informieren, mein Handy wie meinen Augapfel hüten, denn das ist die einzige Verbindung zur rettenden Außenwelt. Anschließend ab zum Absperrzaun, am besten immer daran entlang gehen, um einen zweiten oder dritten Ausgang zu finden…und vor allem, mein Kind beruhigen, NICHT panisch werden, um bloß nicht meine Angst zu übertragen. Augen und Ohren auf Habacht-Stellung vor den Tätern und auch den wilden Tieren des Schauplatzes – die Wildkatze auf dem Cover wird nicht ohne Grund dort abgebildet sein!

So wäre ich – rein theoretisch -, wie es im tatsächlichen Fall des Falles aussähe, steht selbstredend in den Sternen. Joan reagiert so ganz anders als ich. Sie beruhigt natürlich ihr Kind, sucht eine sichere Stelle zum Ausharren….und ab da klaffen wir beide in unseren Reaktionen auseinander wie eine offene Schere. Vielleicht war dies der Grund, warum ich weder mit der Geschichte noch mit Joan als Hauptfigur klarkam. Ihre Handlungen und Gedanken konnte ich oft nicht nachvollziehen. Auch Lincoln wirkte nicht glaubhaft auf mich. Wenn man viele Vierjährige kennt oder vor einigen Jahren kannte, wundert man sich vermutlich an vielen Stellen über Ausdrucksweise, geistige Reife, logisches Denkvermögen und Argumentationsweise des Knirpses. Aber vielleicht ist er nur extrem weit seinem Alter voraus, wer weiß?

Wer sehr gut skizziert ist, sind die Loser, die Verlierertypen, die doch einmal das Heft in der Hand behalten wollen, die auch mal Beachtung finden wollen, egal wie. Je mehr Tote es gibt, je spektakulärer ihre Aktion wird, umso besser…

Aber es gibt nicht nur die Täter und Joan mit ihrem Sohn im Zoo, auch wenige andere Besucher sind noch dort und haben den Amoklauf überlebt. Man trifft sich – natürlich rein zufällig -, kommt ins Gespräch. Dabei und auch bei den Schwenks zu den Gedanken der anderen tun sich weitere Zufälligkeiten auf, die das Beziehungsgeflecht der aktuell im Zoo befindlichen Menschen betrifft. Zufälle auch auf anderen Ebenen, die sehr gewollt wirken sowie Handlungen, die trotz aller Logik einfach ausbleiben, machen für meinen Geschmack unterm Strich ein überkonstruktierte, mehr als unglaubwürdige Geschichte aus der Grundsituation. Man kann sich schon recht schnell denken, wie der Handlungsverlauf sein wird, erwartet einige Spannungsspitzen, die wie die ebenfalls vermutete und sehr überflüssige Überdramatik zum Schluss auch eintreffen.

Der Thriller wurde als herausragend und wahnsinnig spannend angepriesen. Diesen Nervenkitzel habe ich leider an keiner einzigen Stelle verspürt, auch wenn die wirklich guten Sprecher ihr ganzes Können in die Waagschale geworfen haben, vermeintlich spannende Stellen entsprechend atemlos eingesprochen haben und sich auch bei den Gedankenausflügen der entsprechenden Figuren gut in diese eingefühlt haben.

Der Stil des Buches ist mir für eine solche Ausgangssituation, viel zu unemotional umgesetzt. Die Panik der Mutter, aber auch die der anderen verbleibenden Besucher, wird häufig durch nüchterne Beschreibungen oder langatmige Erinnerungen an die eigene Kindheit oder andere vergangene Situationen ersetzt. Erstaunlicherweise ist Joans Strang nicht in der Ich-Form geschildert, was bei dieser Situation ein Füllhorn an Emotionalität hätte sein können. So war die Besorgnis für mich leider nur ansatzweise spürbar. Aber die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden!
Die Beweggründe der Tat sind jedoch gut nachvollziehbar, bei der Umsetzung sieht es da schon anders aus. Ebenfalls bei dem Umgang mit der Situation seitens der Ordnungshüter hatte ich immer Fragezeichen auf der Stirn. Über lange Zeit dreht sich die Geschichte im Kreis. Es passiert nichts, respektive wiederholt sich dasselbe Schema…bis zum großen Knall am Schluss.

Mein Fall war „Nachtwild“ leider nicht wirklich. Wer es spannungsmäßig aber gerne „typisch amerikanisch“ mag – weniger Emotionen und Logik, dafür mehr Spektakel und ein paar Knalleffekte – der dürfte mit diesem Thriller sehr gut beraten sein!

Inhalt
Joan und ihr Sohn Lincoln verbringen viel Zeit im Zoo. Vor allem in der abgelegenen Dinosaurier-Entdeckungsgrube, wo Lincoln stundenlang mit seinen Actionfiguren spielen, und Joan ihre Gedanken schweifen lassen kann.
Als die beiden eines Tages den Zoo verlassen wollen, wundert sie sich zunächst nicht über die Stille – das Tor schließt in wenigen Minuten und sie sind spät dran. Doch kurz vor dem Ausgang macht Joan eine schreckliche Entdeckung…
»Sie braucht einen Kaninchenbau. Einen Bunker. Einen Geheimgang.«
Gin Phillips atemberaubender Thriller verwandelt den Zoo vom beschaulichen Kinderparadies in einen lebensgefährlichen Irrgarten: Als Joan begreift, dass am Zooeingang ein Amoklauf stattgefunden hat, rennt sie um ihr Leben und das ihres kleinen Sohnes. Die beiden verstecken sich in einem verlassenen Tiergehege und warten, bald in völliger Dunkelheit, auf Hilfe. Doch die Stille verheißt nichts Gutes, denn schnell wird klar: Die Täter sind noch immer im Zoo. Und unerbittlich auf der Suche nach neuen Opfern.
Als ungekürzte Lesung sorgt das Hörbuch vom ersten Kapitel an für Gänsehaut und ist für Thriller-Fans ein absolutes Muss.
Ein Hörbuch mit Spannung aus mehreren Blickwinkeln
Das Besondere an dem atemberaubenden Thriller: Der Hörer verfolgt die Handlung nicht nur aus der Sicht von Joan und Lincoln, sondern bekommt auch Einblicke in die Gedanken der Täter und anderer Beteiligter.
Brillant vertont von Andrea Sawatzki, Maren Kroymann, Barnaby Metschurat und Rike Schmid, beschwört »Nachtwild« immer wieder böse Vorahnungen herauf, die bis zur letzten Minute für Gänsehaut sorgen. Durch die Perspektivwechsel verharrt die Spannung auf dem Höhepunkt, während sich die finale Katastrophe unaufhaltsam nähert.

Sprecher
Andrea Sawatzki
geboren 1963, ist eine der vielseitigsten Schauspielerinnen ihrer Generation und eine beliebte Hörbuchsprecherin. Für ihre Rolle als Frankfurter »Tatort«-Kommissarin wurde sie u. a. mit dem Grimme-Preis und dem Hessischen Fernsehpreis ausgezeichnet. 2009 erhielt sie den Deutschen Vorlesepreis.

Maren Kroymann
geboren 1949, wurde als Schauspielerin vielfach ausgezeichnet und hatte als erste Frau ab 1993 mit »Nachtschwester Kroymann« eine eigene Satire-Show in den ersten Programmen. Mit ihrer markanten und warmen Stimme begeistert sie außerdem als Sängerin und Hörbuchsprecherin.

Rike Schmid
geboren 1979. Die Schauspielerin sammelte schon früh erste Bühnenerfahrungen und wirkte in zahlreichen TV-Filmen und -Serien mit (u.a. »Der Fürst und das Mädchen«, »Henker und Richter«, »Die Augenzeugin«, »George«). Im Kino spielte sie in der Bollywoodproduktion „Don – The King is Back“ mit Sharukh Khan und war in der Komödie »Schwere Jungs« zu sehen. Als Hörbuchsprecherin las sie (gemeinsam mit Simon Jäger und Maria Koschny) für DAV »Sie weiß von dir« von Sarah Pinborough ein.

Barnaby Metschurat
(geboren 1974) ist ein beliebter deutscher Schauspieler („Solino“, „L‘auberge espagnole“, „KDD-Kriminaldauerdienst“). Für DAV hat er im Hörspiel „Königsallee“ von Hans Pleschinski mitgewirkt und „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ von Matt Haig sowie „Und was hat das mit mir zu tun? Ein Verbrechen im März 1945. Die Geschichte meiner Familie“ von Sacha Batthyany eingelesen.
Quelle: Der Audio Verlag

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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