*+* Anne Freytag: „Nicht weg und nicht da“ *+*

Ich habe keine Geschwister. Weiß also nicht, wie es mit einem Bruder ist und erst recht nicht wie ohne diesen Bruder. Ohne diesen einen Menschen, der mir so unendlich nahe war, mich verstanden hat – mit oder ohne Worte -, der mein Innerstes zielsicher erspürt und immer für mich da war. Anne Freytag schildert Luise so authentisch, so vollkommen, so dreidimensional, dass ich mich dennoch ohne Schwierigkeiten in ihre Situation hineinversetzen konnte, und das von der ersten Seite an.

Ich habe keine Geschwister, aber ich hatte mal eine Schulfreundin, die ich in Luises Bruder sofort unmissverständlich wiedererkannt habe. Nicht ihr Wesen, wohl aber die Lebenslage, in der sie sich befand – so wie der verstorbene Bruder in diesem Buch. Auch sie ging verloren, mir damals unverständlich, weil über die Sache, die ja eigentlich nicht so erwünscht war, immer ein Mäntelchen der unendlich vielen Erklärungen und Ausflüchte gelegt wurde. Als Kind und Jugendliche glaubt man viel, als Erwachsener denkt man reflektierter, sondiert die Informationen, fügt die Puzzleteilchen zusammen. Vielleicht hat mich deshalb dieser Roman so sehr erschüttert. Obwohl geschwisterlos, schweißte mich ihr Verlust dennoch mit Luise sehr zusammen. Ich fühlte mit ihr, fand ein Stück weit meine eigenen Empfindungen, Gedanken wieder und fand zudem großes Verständnis sowohl dem Bruder als auch meiner damaligen Schulfreundin gegenüber. In einem Lied heißt es: „Es passiert, weil es passieren muss.“ Gegen manche Dinge ist man machtlos, man muss sie akzeptieren, auch wenn sich jede einzelne Faser des Körpers dagegen wehrt.

Was aus diesem eigentlich traurigen Thema dennoch ein herzerwärmendes Buch macht, ist die Tatsache, wie Luises Bruder mit alldem umgeht. Der kluge Mensch baut vor, vor allem, wenn er seine Schwester über alles liebt, und es ihr nicht noch schwerer machen will. Das Unvermeidliche zu vermeiden war keine Option, aber dieses Unvermeidliche akzeptabel und verstehen zu machen, das konnte er für sie tun. So erhält Luise nach des Bruders Tod regelmäßig Emails. Emails, die genau den richtigen Ton treffen, um Luise nach und nach aus ihrer Lethargie zu holen, ihre Mauer zerbröckeln zu lassen, sich wieder frei und gut zu fühlen und ohne schlechtes Gewissen glücklich sein zu können. Denn dieses Glück wartet schon, macht kleine, zarte Stippvisiten bei der verwaisten Schwester, gibt nie auf, und darf sich schließlich entfalten. Dieses Glück, das sich als sanftes Ping-Pong zwischen Luise und Jacob, den sie einmal unverhofft trifft und sich ganz gemach mit ihm anfreundet, entwickelt, ist wohldosiert und fügt sich angenehm in die Geschichte ein.

„Nicht weg und nicht da“ ist ein wunderschönglücktrauriges Buch, das die ganze Bandbreite meiner Emotionen erreichte, mir ein Stück weit die Augen öffnete, und durch seine ungeschönten, aber liebevoll umgesetzten Wahrheiten und die Einfühlsamkeit auf vielen Ebenen ein Herzensbuch für mich geworden ist.

Inhalt
Nach dem Tod ihres Bruders macht Luise einen radikalen Schnitt: Sie trennt sich von ihrem mausgrauen Ich und ihren Haaren. Übrig bleiben drei Millimeter und eine Mauer, hinter die niemand zu blicken vermag. Als Jacob und sie sich begegnen, ist er sofort fasziniert von ihr. Doch Luise hält Abstand. Bis sie an ihrem sechzehnten Geburtstag aus heiterem Himmel eine E-Mail von ihrem toten Bruder bekommt – es ist die erste von vielen. Mit diesen Nachrichten aus der Zwischenwelt und dem verschlossenen Jacob an ihrer Seite gelingt es Luise, inmitten dieser so aufwühlenden wie traurigen Zeit das Glitzern ihres Lebens zu entdecken …

Autorin
Anne Freytag hat International Management studiert und als Grafikdesignerin und Desktop-Publisherin gearbeitet, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Erwachsenen- und All-Age-Romanen widmete. Für ihre ersten beiden Jugendbücher wurde die Autorin zwei Mal in Folge für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert – 2017 für „Mein bester letzter Sommer“, 2018 für „Den Mund voll ungesagter Dinge“. Mit „Nicht weg und nicht da“ stellte Anne Freytag auf der Leipziger Buchmesse 2018 ihren dritten All-Age-Roman vor.
Quelle: RandomHouse 

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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