*+* Katrine Engberg: „Krokodilwächter“*+*

Ein Mord, dem das Manuskript einer Hobby-Autorin zugrunde liegt, klang genau nach meinem buchigen Beuteschema. Thrill meets Literatur, da konnte ich nicht nein sagen!
Meine Erwartungen waren recht hoch, zumal dieser Auftaktband der neuen dänischen Spannungsreihe stark beworben wurde. Folglich war ich sehr gespannt auf das Buch.

Zu Beginn fängt es mich gleich mit seiner starken, düsteren Atmosphäre ein. Eine Leiche wird gefunden und schon bin ich als Leser ohne großes Vorgeplänkel mittendrin. Der Sog des Verbrechens erfasst auch meine Begeisterung und ich kann nicht anders als lesen, lesen, lesen.
Zunächst trifft die Autorin mit ihrer undurchsichtigen Schilderung und den nebulösen Charakteren, der Verwebung von Fiktion (Manuskript) und Realität (Verbrechen) voll ins Schwarze, kann dieses hohe Niveau für meinen Geschmack aber nicht dauerhaft halten. Natürlich ist ein Buch immer konstruiert und der Plot – vor allem bei einem Thriller – selten realistisch. Diese Handlung entfernt sich jedoch kontinuierlich von nachvollziehbar bis hin zu überkonstruiert und zu viel des Guten. Da lassen sich die Theaterbegeisterung der Autorin und ihre Erfahrungen als Regisseurin und Choreographin wohl nicht verleugnen. Sowohl beim Geschehen als auch bei der Ausarbeitung einiger Charaktere wäre für mich schlussendlich weniger viel mehr gewesen.

So wie bei skandinavischen Krimis und Thrillern häufig der Fall, ist auch „Krokodilwächter“ von einer dunklen, tristen, stellenweise hoffnungslosen Stimmung durchtränkt, was der ganzen Inszenierung weitere Tragik und Dramatik verschafft und eine skurill-düstere Stimmung in mir zaubert, die durchaus stimmig mit Handlungsverlauf und den langsamen Ermittlungsfortschritten ist. Auch die Zeichnung der Protagonisten passt gut ins Bild. Sie sind durchaus schräge Vögel, denn die Charaktere im Dunstkreis der Verbrechen lassen sich nur schwer greifen, bergen allesamt ihre Geheimnisse, sodass die im Verborgen liegenden Verbindungen und Hintergründe nur sehr behäbig vom Ermittler-Team aufgedröselt werden können, wobei für eine Vielzahl an falschen Fährten, Überraschungen und Wenden gesorgt ist. Langweilig wird es rund um den Fall definitiv nicht. Der Thriller-Teil ist sehr kurzweilig und ansprechend geschildert, leider kann das Ende nicht komplett überzeugen. Der Fall wird zwar prinzipiell aufgeklärt, aber es bleiben doch einige Kleinigkeiten offen, was mir nicht so gut gefällt.

Da „Krokodilwächter“ der Auftaktband einer neuen Reihe ist, müssen natürlich die Protagonisten umfangreich eingeführt werden, aber das hätte gerne mit weniger, dafür aber sympathischeren Schilderungen der Team-Mitglieder getan werden können. Die Autorin hat hier so wie bei der (Über-)Konstruktion recht dick aufgetragen. Durch die immer wieder – teils intensiven – aufgegriffenen gesundheitlichen, psychischen und Libido-Probleme des Ermittlers brach meine jeweils aufgebaute Spannung bezüglich des Falls in sich zusammen, was nicht im Sinne des Erfinders sein kann.

Wer stark konstruierte Thriller mit intensiven Privat-Einschüben der Ermittler mag, sollte hier zugreifen! Die Grundidee ist toll, und man hätte daraus weit mehr herausholen können, aber das ist sicher Geschmackssache.

Inhalt
Gerade erst war Julie nach Kopenhagen gezogen, um Literatur zu studieren. Warum musste sie so jung sterben? Erstochen und von Schnitten gezeichnet?
Es ist ein schockierender Fall, in dem Jeppe Kørner und Anette Werner ermitteln. Als bei Julies Vermieterin ein Manuskript auftaucht, in dem ein ähnlicher Mord geschildert wird, glauben die beiden, der Aufklärung nahe zu sein. Aber der Täter spielt weiter.
Die emeritierte Professorin Esther de Laurenti ist froh, dem Universitätsbetrieb entkommen zu sein und endlich nach ihrem eigenen Rhythmus leben zu können. Sie lässt sich vom jungen Theatergarderobier Kristoffer bekochen, schläft nach lebhaften Abenden unter Freunden bis mittags – und schreibt an einem Kriminalroman. Zur Aufbesserung der Rente vermietet sie die Wohnungen in ihrem Haus in der Kopenhagener Innenstadt.
Als die junge Julie vom ersten Stock erstochen aufgefunden wird, verliert Esther den Boden unter den Füßen. Ein Zweifel treibt sie um: Kann es sein, dass jemand die grausamste Szene aus ihrem Romanmanuskript in die Realität umsetzen wollte? Und Jeppe Kørner und Anette Werner von der Kopenhagener Mordkommission fragen sich: Wer, wenn nicht sie?
Übersetzt von Ulrich Sonnenberg

Autorin
Katrine Engberg, geboren 1975 in Kopenhagen, arbeitet für Fernsehen und Theater und ist als Tänzerin, Choreographin und Regisseurin landesweit bekannt. Mit ›Krokodilwächter‹ hat sie in der Welt des skandinavischen Thrillers debütiert und stand damit wochenlang auf den ersten Rängen der dänischen Bestsellerliste. Sie lebt mit ihrer Familie in Kopenhagen.
Quelle: Diogenes Verlag

 

Werbeanzeigen

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
Dieser Beitrag wurde unter Diogenes Verlag, Thriller abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu *+* Katrine Engberg: „Krokodilwächter“*+*

  1. christahartwig schreibt:

    Mich zieht es zwar krimitechnisch eher nicht in den düsteren Norden, aber das Cover ist ein Hingucker.

  2. monerl schreibt:

    Liebe Heike,
    auf diese Rezi war ich schon sehr gespannt! Schade, da der Beginn des Buches dich noch ganz überzeugen konnte. Dann kann man sich gar nicht vorstellen, dass die Geschichte noch dermaßen kippen wird.
    Mal sehen, ob ich es jetzt noch lesen werde. ;-)
    GlG vom monerl

  3. Janna | KeJas-BlogBuch schreibt:

    Das Buch steht schon weit oben auf meiner Wunschliste, auch wenn ich mehrere Meinungen und Eindrücke bereits gelesen habe – von begeistert bis vor allem zu nicht erfüllten Erwartungen bleibe ich einfach zu neugierig darauf! Auch deine Kritikpunkte lassen mich leicht zweifeln, mehr aber nicht ;)

    Hab einen feinen Abend!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.