*+* Laetitia Colombani: „Der Zopf“ *+*

Smita, Giulia und Sarah sind Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Und dennoch gibt es Parallelen in ihren Leben. Denn sie sind alle starke Persönlichkeiten und nehmen ihre Zukunft in die Hand. Die Autorin gewährt intensive, umfangreiche Einblicke nicht nur in drei persönliche Schicksale sondern auch in drei verschiedene Kulturen, deren Traditionen man geneigt ist, sich zu beugen, und in drei Gesellschaften, in denen man oft seinen fremdbestimmten Platz klaglos und unreflektiert einnimmt. Dass es auch anders sein kann, zeigt dieser Roman.

„Nicht sie, sondern die Gesellschaft ist krank.
Den Schwachen, den Schutzbedürftigen
kehrt man den Rücken wie alten Elefanten,
die von ihrem Rudel verlassen
und einem einsamen Tod überantwortet werden.“

Smita lebt mit ihrer Familie in Indien. Ihre Lebensumstände sind alles andere als leicht. Sie beschließt schon früh, dass ihre Tochter es einmal besser haben soll als sie selbst. Da die gesellschaftlichen Zwänge dies nicht ermöglichen, pilgert sie mit der Tochter zur Opferstätte des Gottes Vishnu.
Giulia steht vor einer schweren Entscheidung. Soll sie die italienische Perückenfabrik des Vaters schließen, weil der Betrieb unter den bisher gegebenen Voraussetzungen nicht mehr funktioniert, oder stellt sie sich gegen den Widerstand der Familie und geht neue Wege, um die Tradition fortführen zu können?
Auch Sarah aus Kanada spielt das Schicksal übel mit. Neben der Erziehung ihrer Kinder und ihrem aufreibenden Job muss sie sich nun auch mit einer schweren Krankheit auseinandersetzen.

Aufmerksam geworden bin ich auf diesen Roman durch sein traumhaftes Cover. Es ist durch seine Türkis- und Naturtöne eher ungewöhnlich gestaltet und wirkt in seiner gesamten Optik in sich sehr stimmig. Auch der Rückentext klang sehr vielversprechend – „Eine Hymne auf das Leben und den Mut aller Frauen dieser Welt.“

Meine Wahl viel letztlich auf den Roman und das Hörbuch, was ich nicht eine Minute lang bereut habe. Die Erzählstränge der drei Protagonistinnen werden von Andrea Sawatzki, Valery Tscheplanowa und Eva Gosciejewicz unglaublich authentisch vertont. Die indische Smita, die zwar bestimmt, aber dennoch zart, bedacht und sorgsam handelt, klingt so sanft und geduldig wie ich sie mir vorstelle. Giulia, der ich unwillkürlich italienisches Temperament unterstellt habe, wird dieses ebenso zugesprochen wie die Spontanität und Impulsivität ihrer Jugend. Und Sarahs Härte sich selbst und ihrer anfänglichen Unbeugsamkeit dem Schicksal gegenüber wird ebenfalls überzeugend Rechnung getragen.

In alle drei Leben konnte ich mich sehr leicht hineindenken. Selbst, wenn ich manchmal an gleicher Stelle anders agiert hätte und wenn ich das Handeln nicht immer guthieß, konnte ich die Entscheidungen von Smita, Giulia und Sarah gut nachvollziehen. Alle drei wirkten – obwohl fiktiv – authentisch und lebensnah mit ihren Päckchen, die sie zu tragen haben. Ihnen allen gehörten meine Sympathien und meine Anerkennung für die Eigenschaften, die sie einen: Ihr Kampf gegen die Widrigkeiten des Lebens, ihre Ausdauer, ihr Mut, ihr nicht Aufstecken, ihr stetes Bemühen um Selbstbestimmung, ihr Glaube an sich selbst und ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Da die Autorin in der Vergangenheit mit Indien, Italien und Kanada die Schauplätze ihrer Geschichte bereist hat, fällt es ihr nicht schwer, entsprechende Impressionen, gesellschaftliche Hintergründe und Traditionen wohl platziert und dosiert in ihren Roman einzuarbeiten. Ebenso feinfühlig und überzeugend tut sie dies, wenn sie aus den persönlichen Welten ihrer Protagonistinnen erzählt. Mir hat besonders gut gefallen, wie geschickt sie die Sprache einsetzt. Obwohl „Der Zopf“ eher niveauvoll verfasst ist, schreckt Laetitia Colombani an entsprechenden Stellen nicht davor zurück, sich auch mal etwas derber auszudrücken, was mein Empfinden noch ein wenig realistischer macht und der Geschichte einen lebendigeren und stimmigeren Anstrich gibt.

Am Wendepunkt des Lebens, den Smita, Giulia und Sarah in die jeweils gewünschte Richtung lenken wollen, endet diese wunderbare Geschichte. Ob es gelingt, der Zukunft den eigenen Stempel aufzudrücken, bleibt offen und ist der Fantasie der Hörer und Leser überlassen.
Kennt man den Rückentext des Buches nicht, ahnt man übrigens lange nicht, warum der Roman seinen Titel trägt und wie die Leben dieser Frauen auf drei verschiedenen Kontinenten miteinander verbandelt sind. Die Geschichten verflechten sich letztlich wie die Stränge eines Zopfes zu einem gelungenen Gesamtwerk.

„Der Zopf“ ist ein Roman, den ich sowohl als Buch sowie als Audiobook sehr empfehlen kann!

Inhalt
Drei Frauen, drei Leben, drei Kontinente – dieselbe Sehnsucht nach Freiheit
Die Lebenswege von Smita, Giulia und Sarah könnten unterschiedlicher nicht sein. In Indien setzt Smita alles daran, damit ihre Tochter lesen und schreiben lernt. In Sizilien entdeckt Giulia nach dem Unfall ihres Vaters, dass das Familienunternehmen, die letzte Perückenfabrik Palermos, ruiniert ist. Und in Montreal soll die erfolgreiche Anwältin Sarah Partnerin der Kanzlei werden, da erfährt sie von ihrer schweren Erkrankung.
Ergreifend und kunstvoll flicht Laetitia Colombani aus den drei außergewöhnlichen Geschichten einen prachtvollen Zopf.
Übersetzt von Claudia Marquardt

Autorin
Laetitia Colombani wurde 1975 in Bordeaux geboren, sie ist Filmschauspielerin und Regisseurin. »Der Zopf« ist ihr erster Roman und sorgte gleich nach Erscheinen für internationales Aufsehen. Der Roman steht seit Erscheinen weit oben auf der amazon-Bestsellerliste und erscheint in 27 Ländern. Die Filmrechte sind bereits vergeben. Laetitia Colombani lebt in Paris.
Quelle: Fischerverlage

Sprecherinnen
Andrea Sawatzki gehört zu den beliebtesten deutschen Film- und Fernsehschauspielerinnen. Gleich ihr erster Spannungsroman Ein allzu braves Mädchen begeisterte Kritiker wie Leser. Auch ihre folgenden Romane, die Familienkomödien Tief durchatmen, die Familie kommt und Von Erholung war nie die Rede eroberten die Bestsellerlisten.
Valery Tscheplanowa studierte Tanz und Puppenspiel, bevor sie zur Schauspielerei fand. Als Theaterdarstellerin kennt sie die Bühnen vom Deutschen Theater Berlin, Residenztheater München, Schauspiel Frankfurt und von der Volksbühne Berlin. Die Schauspielerin des Jahres 2017 wurde auch mit dem Alfred-Kerr-Darstellerpreis, dem Bayerischen Kunstförderpreis sowie dem Kunstpreis Berlin ausgezeichnet. Im Film arbeitete sie bereits mit Regisseuren wie Dominik Graf, Andreas Dresen und Christian Schwochow zusammen.
Quelle: Argon Verlag

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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2 Antworten zu *+* Laetitia Colombani: „Der Zopf“ *+*

  1. monerl schreibt:

    Liebe Heike,
    es freut mich, dass dich dieser Roman so überzeugen konnte. Hier sind wir mal nicht einer Meinung. ;-) Ich hatte deutlich mehr erwartet, zumindest weniger oberflächlich. Interessant, dass du das nicht so empfunden hast. So sieht man mal wieder, wie unterschiedlich das Lesen ist!
    Glg, monerl

  2. Um dieses Buch schleiche ich ja noch herum. Danke für deine ausführliche Rezension – ich behalte das Buch auf jedenfall im Auge. :)

    Liebe Grüße
    Nicole

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