*+* Imogen Hermes Gowar: „Die letzte Reise der Meerjungfrau“ *+*

Dies ist die Geschichte zweier tragischer Figuren, die das Schicksal zusammenführt. Jonah Hancock ist Witwer und lebt ganz in seiner Welt. Er ist Kaufmann durch und durch und als unerwartet eine Meerjungfrau in seinen Besitz gerät, ist dies sein Durchbruch. Gewieft setzt er diese merkwürdige Kostbarkeit zu seinem Nutzen ein und wird mit Reichtum belohnt. Aber materielles Glück allein macht nicht glücklich. Als er dies irgendwann begreift, entsinnt er sich seiner Begegnung mit Angelica, einer Edelkurtisane. Sie – in Gedanken und Taten ein wenig naiv für ihr Alter – träumt von einem sorglosen Leben. Dass sie und der Kaufmann tatsächlich zusammenfinden, liegt, wer hätte es geahnt, an der Meerjungfrau.

Sie ist alles andere als das, was ich mir unter diesem Begriff vorstelle. Dieser Kontrast, diese Gegensätzlichkeit zieht sich durch den ganzen Roman, denn auch im Verlauf der Handlung habe ich gelegentlich mit anderen Wenden gerechnet und hatte zudem andere Erwartungen an die Entwicklung der Charaktere und vor allem das Ende der Geschichte. Aber auch inhaltlich spielt der Autor mit den Extremen. So nimmt er den Leser mit in das London des 18. Jahrhunderts. Dabei bildet er recht intensiv die beiden Pole der Gesellschaft ab. Hancock und seine erfolgreichen Geschäfte stehen für die Oberschicht, die Edelkurtisane Angelica, die täglich mit ungewissem Ausgang für eine bessere Zukunft kämpft, verkörpert das untere Gesellschaftsende. Die weiteren Charaktere stützen gut platziert dieses Gerüst und durch die teils ausführlichen Schilderungen verschiedener Situationen und Entwicklungen kann man sich ein gutes Bild des damaligen Lebens machen, zumal der Autorin es gut gelungen ist, eine einnehmende Atmosphäre zu schaffen. Die verwendete Sprache, die stellenweise Detailverliebtheit untermalten die in mir entstandene Stimmung zusätzlich.

Dennoch konnte mich der Roman, der eine Vermengung von Realität, Fantasie und Fiktion verkörpert, nicht wirklich überzeugen. Man bekommt zwar ein gutes Gefühl für die Geschichte, jedoch entbehren sowohl die Handlung als auch die Zeichnung der Charaktere einer gewissen Tiefe. Einer Tiefe, die ich gebraucht hätte, um ganz in den Roman eintauchen zu können und mich völlig von der Atmosphäre und den Figuren einnehmen zu lassen. Phasenweise ist dies zwar gelungen, an anderen Stellen, vor allem im Mittelteil hat die Geschichte aber einige Längen. Auch sind kleine Handlungsfäden eingewoben, die ein wenig die Harmonie der Gesamterzählung trüben. Die größte Enttäuschung war für mich jedoch das Thema Meerjungfrau. Nicht, weil sie nicht meinen Erwartungen entsprach, sondern weil sie eine schlussendlich sonderbar anmutende Rolle zugewiesen bekam. Sie blieb durchweg nicht greifbar für mich, was vor allem am Schluss des Romans lag. Die Geschichte ist zwar eigentlich abgeschlossen, aber es bleibt sehr vieles offen. So hat die Geschichte zahlreiche mögliche Enden, was die Zukunft der Meerjungfrau, aber auch der menschlichen Figuren betrifft. Da ist des Lesers Fantasie gefragt.

Inhalt
„Wenn die feine Gesellschaft davon bezaubert ist und London davon bezaubert ist, wird es auch die ganze Welt sein. Es steht bereits fest: Die Meerjungfrau ist eine Sensation.“
Ein Wunder, raunen die einen. Betrug, rufen die anderen. Für den Kaufmann Jonah Hancock zählt nur eines: Die Meerjungfrau, die sein Kapitän aus Übersee mitgebracht hat, versetzt ganz London in Staunen. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Kunde in den Kaffeehäusern, Salons und Bordellen der Stadt. Jonah steigt in die obersten Kreise der Gesellschaft auf und verkauft seine Meerjungfrau schließlich für eine schwindelerregende Summe. Nur die Gunst der Edelkurtisane Angelica Neal bleibt unerschwinglich für ihn, denn als Beweis seiner Liebe fordert Angelica eine eigene Meerjungfrau. Jonah setzt alles daran, ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Doch Wunder haben einen hohen Preis.
Ein preisgekröntes Romandebüt über Menschen, Meerjungfrauen und das ewige Streben nach mehr. Imogen Hermes Gowar erweckt das London des 18. Jahrhunderts zum Leben – schillernd, faszinierend und facettenreich.

Autorin
Imogen Hermes Gowar hat Archäologie, Anthropologie und Kunstgeschichte studiert und anschließend in verschiedenen Museen gearbeitet. Inspiriert von den Ausstellungsstücken hat sie erste fiktionale Texte geschrieben und 2013 ein Stipendium bekommen, um an der Universität von East Anglia Kreatives Schreiben zu studieren. Für ihre Dissertation, aus der der Roman Die letzte Reise der Meerjungfrau entstanden ist, wurde sie mit dem Curtis-Brown-Preis ausgezeichnet. Imogen Hermes Gowar lebt und arbeitet im Südosten von London – eine Gegend, deren Geschichte sie besonders interessiert.
Quelle: Bastei Lübbe Verlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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3 Antworten zu *+* Imogen Hermes Gowar: „Die letzte Reise der Meerjungfrau“ *+*

  1. Janna | KeJas-BlogBuch schreibt:

    Ich glaube du hast mich neugierig gemacht ;D (trotz deiner kleinen Kritik) und ein Spiel mit Extremen reizt mich. Atmosphärisch scheint es dich abgeholt zu haben und mich hast du nun angezuckert es auf die WuLi zu packen.

    Hab einen sonnigen Sonntag!

  2. Liebe Heike,
    mich hat dieser Roman ebenfalls mit einer zweigeteilten Meinung zurückgelassen. Die Längen im Handlungsverlauf fand ich sehr schade, dabei hat die Idee der Geschichte richtig Potential.
    Was sehr gelungen ist, ist meiner Meinung nach die Covergestaltung.
    Liebe Grüße
    Nicole

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