*+* Tamara Bach: „Mausmeer“ *+*

Selten habe ich am Schluss ein Buch zugeklappt, das mich so zwiespältig zurückgelassen hat.

Schreibstil und Aussage sind für mich topp, jedoch konnten mich die Charaktere nicht wirklich erreichen und auch der Handlungsverlauf traf oft so gar nicht meinen Geschmack. Aber da es sich in erster Linie um ein Buch für Jugendliche und nicht für deren Eltern handelt, muss ich die Messlatte entsprechend ansetzen.

Der 18-jährige Ben, Rebell und ein stückweit Loser und schwarzes Schaf der Familie, entführt bei seiner Geburtstagsparty Schwester Annika, das Vorzeigekind und Musterstudentin. Sie fahren in Opas alte Hütte, die ohnehin bald verkauft werden soll. Ben möchte noch einmal die Vergangenheit zum Leben erwecken, noch einmal die schöne Zeit, die er oft hier mit seiner Schwester verbracht hat, erleben. Ben ist gerade volljährig geworden, aber alles andere als erwachsen. Seine innere Zerrissenheit, seine Planlosigkeit, sein Gefühl der Einsamkeit und des Verlassenseins brechen sich Bahn und weisen den Weg in diese Flucht aus dem Alltag. Warum er die Schwester mitnimmt, die auf den ersten Blick so perfekt wirkt? Vielleicht, weil auch sie es nicht ist, auch wenn es die anderen denken. Sie hangelt sich am Gerüst des Lebens entlang, das da heißt Schule, Studium, Lernen und Funktionieren. Glücklich wirkt sie nicht dabei, kein Stück. Vielleicht ist es diese Emotionslosigkeit, die die Geschwister ausstrahlen, die mich daran hindert, mich ihnen nahe zu fühlen? Stellenweise war ich entsetzt, wie „fertig mit der Welt“ die Geschwister in ihren jungen Jahren schon sind.

Während ihrer Zeit in der Hütte des verstorbenen Opas wird das den Buch betitelnde Mausmeer zum Schauplatz einiger bedeutender Geschehnisse und Wenden. Mich persönlich hat die Handlung, vor allem die hier spielenden Szenen mit den anderen Protagonisten, die mir wie Störenfriede auf die fragile Harmonie der Geschwister wirkten, nicht so überzeugt. Dennoch ist das Herausschälen der Charaktere von Ben und Annika sowie ihrer beider Entwicklung gut gelungen.

Der Schreibstil ist zwar gewöhnungsbedürftig, hat mir aber von Beginn an sehr gefallen. Dieser Purismus, es findet sich kein Wort zu viel. Es gibt unvollständige, nicht zu Ende geführte Sätze, die die Unfertigkeit und die Ratlosigkeit der Protagonisten für mich grandios unterstützen. Die Autorin geizt mit Details, was die Geschichte gedanklich individuell befüllbar macht. Unter der ersten Ebene lässt sich zwischen den Zeilen eine zweite herauslesen, die gelegentlich mit voller Wucht trifft. Mir kamen Schlagworte in den Sinn wie Ohnmacht gegenüber dem äußeren Gefüge, Planlosigkeit, auf sich gestellt sein, Schubladendenken sowie das Ausbrechen aus eben diesen. Das Ende ist offen und das fand ich, die offene Enden überhaupt gar nicht mag, in diesem Fall sehr gut. Die Geschichte könnte verschieden zum Abschluss gebracht werden. Ben und Annika sind in gewisser Weise beliebig austauschbar, denn wer fühlt sich nicht hin und wieder „fehl am Platz“, überfordert, hilf- und planlos? Dementsprechend variabel können die anschließenden Lösungen ausfallen, die sich ein jeder herbeisehnt.
Ob dies alles tatsächlich so mit der Intention der Autorin konform geht, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall gibt mir „Mausmeer“ viele Denkanstöße – in Bezug auf die Geschichte, aber auch darüber hinaus.

Inhalt
Nur dieses eine Wochenende. Nur noch einmal in Opas altes Haus am Arsch der Welt, hier war alles immer gut. Nur das will Ben, der gerade achtzehn geworden ist und irgendwie festhängt – in der Schule, in der Familie, im Leben. Ein paar Tage raus aus allem. Zusammen mit Annika, der großen Schwester, die doch immer die Vernünftigere war. Einen Spaziergang, ein Osterfeuer und einen umgefallenen Tisch und die Folgen später sieht nicht mehr alles so aus wie vorher.

Autorin
Tamara Bach, 1976 in Limburg an der Lahn geboren, studierte in Berlin Englisch und Deutsch für das Lehramt. Ihr erstes Buch, „Marsmädchen“, wurde als noch unveröffentlichtes Manuskript mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet und erhielt außerdem den Deutschen Jugendliteraturpreis. Weitere Bücher und Auszeichnungen folgten, u.a. der Katholische Kinder- und Jugendbuchpreis 2013 für „Was vom Sommer übrig ist“. 2014 stand „Marienbilder“ auf der internationalen Auswahlliste White Ravens. Ihr Roman „Vierzehn“ wurde gleich in zwei Kategorien für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Ihr neuestes Bauch heißt „Mausmeer“ und erscheint ebenfalls bei Carlsen. Heute lebt und schreibt Tamara Bach in Berlin.
Quelle: Carlsen Verlag

Werbeanzeigen

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
Dieser Beitrag wurde unter Carlsen Verlag, Kinder- und Jugendbücher, Romane abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.