*+* Elena Ferrante: „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ (Hörbuch) *+*

Um es vorweg zu sagen: Die Hoffnungen, dass diese neapolitanische Saga nach einem für mein Empfinden recht schwachen dritten Teil mit „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ einen begeisternderen Abschluss findet, hat sich leider nicht erfüllt.

Die Erzählung schließt nahtlos an den vorherigen Teil an. Wir erleben Elenas weitere Entwicklung als Autorin, Mutter, Ehefrau, Geliebte, Freundin, Mitglied der Gesellschaft – und von Kapitel zu Kapitel wurde sie mir ein größerer Graus. Ich wusste nicht, ob ich mich über sie ärgern oder sie bemitleiden sollte. Wie kann man, derart begünstigt vom Schicksal, ein so großes Maß an Unzufriedenheit und Neid in sich tragen? Sie hat den Mann bekommen, den sie sich als Partner ausgewählt hat. Er schenkt ihr zwei Töchter, deren wahren Wert, deren waren Glücksfaktor die Frau leider nicht zu erkennen vermochte. Lieber gibt sie sich albernen Abenteuern hin, deren Scheitern mir als Hörer schon von Anfang an klar vor Augen standen. Elena wirkte in noch größerem Maße als noch in „Die Geschichte der getrennten Wege“ sehr selbstsüchtig. Sie scheint ständig auf der Suche, scheint nie wirklich in ihrem Leben angekommen zu sein. Sie, die intelligente, gebildete Frau verhält sich manchmal so dumm, egoistisch, gehetzt und rücksichtslos, dass ich es nicht begreifen kann. Die einzige Konstante neben den ihr überwiegend lästig erscheinenden Töchtern ist Lila, mit der sie nach wie vor eine Art Hassliebe verbindet.

Gute Gefühle sind zerbrechlich.
Bei mir hält die Liebe nicht.
Die Liebe zu einem Mann nicht.
Und auch die Liebe zu den Kindern nicht.
Sie wird schnell löchrig.
Du schaust in das Loch und siehst,
wie sich der Nebel der guten Absichten
mit denen der schlechten vermischt.

Lila bleibt sich treu. Sie tut, was sie will, und geht mit Problemen auf ihre ganz spezielle, ureigene Art um. Auch wenn sie immer wieder „ihr Ding durchzieht“ und gelegentlich rücksichtslos wirkt, zeigt sie gegenüber anderen Gefühle – in einer großen Bandbreite. Doch genauso explosiv wie sie manchmal reagiert, so in sich gekehrt ist sie bei anderen Gelegenheiten. Wenn es um sich sie selbst geht, Probleme, die allein sie betreffen, oder Dinge ihr Innerstes berühren, lässt sie ungern jemanden an sich heran und macht die Probleme und Sorgen mit sich aus. Als sich ein wahres Drama – ein Alptraum jeder Mutter und jeden Vaters – ereignet, hat mich die Geschichte für kurze Zeit aufgerüttelt, Lila reagiert wie so häufig anders als man es vielleicht erwarten würde.

Mit dem vierten Teil der neapolitanischen Saga schließen sich einige Kreise, andere lösen sich. Mit der Rückkehr in den Rione trifft Elena auf viele Dörfler ihrer Kindheit. Auch deren Geschichten werden in das große Ganze eingeflochten. Sie entwickeln sich leider oft in einem der unspektakulär anmutenden Heimat gänzlich entgegen stehend eher reißerisch und sehr übertrieben unglaubwürdig.

Irgendein Ich von denen, die ich angehäuft hatte,
würde fest stehen bleiben.
Ich war die Zirkelspitze, die immer still steht,
während die Mine umherfährt und Kreise zieht.
Lila hingegen – das schien mir offensichtlich zu sein -,
machte mich stolz, rührte mich an.
Ihr fiel es schwer, sich stabil zu fühlen.
Sie konnte es nicht, glaubte nicht daran.

Die Geschichte endet mehrerlei offen. Der vermeintliche Abschluss, der ein sehr schlechtes Licht auf Lila wirft, sät in mir eher Zweifel und die Frage, wer wirklich hinter einem der dramatischen Wendepunkte in der kindlichen Freundschaft der Mädchen steckt. Auch der Auslöser, warum diese lange Geschichte erzählt wurde, bleibt unberührt, sodass das ausschlaggebende Rätsel nach wie vor ungelöst ist.

Neben diesem sehr unbefriedigenden Ende, das fast schon einen fünften Teil vermuten lässt, erreicht mich auch die Aussage des Romans nicht, respektive finde ich keine Aussage. Oder sollte die Intention der Autorin tatsächlich sein, dass das Leben so voller Probleme steckt, dass man das Schöne nicht mehr sehen kann? Dass man in einer Beziehung nicht dauerhaft glücklich sein kann? Dass Kinder nur lästig sind und man sie tunlichst abschieben sollte, wann immer möglich?
Vielleicht kann Elena Ferrante bei mir nach der meiner Begeisterung für den ersten und überwiegend auch den zweiten Band mit der Entwicklung ihrer Quadrologie nicht punkten, weil ich eine ganz andere Sicht auf das Leben habe, eine ganz andere Art, es zu führen, als die beiden Hauptfiguren, ich weiß es nicht.

Neben dem Erzählstil und der verwendeten Sprache der Autorin, die manchmal poetisch, manchmal kryptisch anmuten, konnte mich lediglich Eva Mattes überzeugen. Sie hat ein Händchen dafür, die inneren und äußeren Stimmungen der Frauen und auch des ganzen Drumherum gefällig und glaubwürdig umzusetzen und an den Hörer heranzutragen. Ihre überzeugende Interpretation hat mich bis zum Ende durchhalten lassen. Aus der Romanvorlage konnte sie trotzdem kein Highlight zaubern, aber das ist sicher Geschmackssache.

Inhalt
Elena Ferrante erzählt hier das Leben der beiden inzwischen 30-jährigen Freundinnen Lila und Elena bis in die Gegenwart. Elena, die erfolgreiche Schriftstellerin, verlässt ihren Mann und kehrt in ihre Heimatstadt Neapel zurück. Selbstzweifel quälen sie, weil sie Arbeits- und Familienleben kaum vereinbaren kann. Ihrer brillanten Freundin Lila gelingen in Neapel als Unternehmerin erste Erfolge, doch die kommen sie teuer zu stehen.

Autorin
Elena Ferrante hat sich mit dem Erscheinen ihres Debütromans Lästige Liebe 1992 für die Anonymität entschieden. Später veröffentlichte sie Tage des Verlassenwerdens und Die Frau im Dunkeln. Ihre Neapolitanische Saga umfasst Meine geniale Freundin, Die Geschichte eines neuen Namens, Die Geschichte der getrennten Wege sowie Die Geschichte des verlorenen Kindes. Für den vierten und letzten Band der Reihe stand sie auf der Shortlist für den Man Booker International Prize.

Sprecherin
Eva Mattes kam 1954 am Tegernsee zur Welt. Schon als Schülerin wandte sie sich der Medienwelt zu, allerdings nicht als Schauspielerin. Sie beschäftigte sich mit Sprech- und Atemtechnik und trat zunächst als Synchronsprecherin für Kinderrollen in Erscheinung.
Quelle: Randomhouse 

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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