„Und in meinen Augen sind sie alle unschuldig. Sogar die Schuldigen. Jeder trägt irgendeine Schuld, und jeder hat noch eine Erinnerung an die Unschuld der Kindheit, egal wie viele Schichten von Leben sich darumgewickelt haben. Die Menschheit ist unschuldig, die Menschheit ist schuldig, und beide Zustände sind unbestreitbar wahr.“
Die Menschheit hat einen neuen Zustand erreicht – den des Wohlstands, des unendlichen Wissens und der daraus resultierenden Unsterblichkeit. Armut, Kriege, Seuchen und Krankheiten sind besiegt. Auch eigentlich tödliche Unfälle überlebt man unbeschadet. Doch diese perfekte Welt hat ihre Tücken. Denn eines beherrschen die Menschen noch nicht. Die Kapazitäten des Erdenballs sind und bleiben begrenzt. Um der totalen Überbevölkerung entgegenzuwirken, bekommt der Tod durch ein Hintertürchen also doch Zutritt zu den Menschen. Weil natürliche Selektion, Naturkatastrophen und des Menschen Ehrgeiz und Machtgier nun die Populationsstärke nicht mehr zu regeln vermögen, bedient man sich in dieser unfehlbaren Welt eines anderen Instruments: Der Scythe.
Kann es eine schwierigere und vor allem schwerer wiegende Aufgabe geben, als über Tod und Leben der anderen zu entscheiden? Wie legt man fest, wer die Welt verlassen soll? Jeder Scythe hat eine ureigene Methode dieses Nachlesens entwickelt. Wie auch immer sie ihrer Verpflichtung nachkommen, eins sollten sie nie vergessen und verlernen, nämlich das Mitleid mit ihren Ausgewählten. Nur, wenn sie deren Schmerz selbst fühlen, nur wenn ihnen bei ihrer Tat fast selbst das Herz zerreißt, nur dann sind sie gute Scythe und handeln gemäß der alten Regeln und Niederschriften. Aber wie so oft liegen auch hier Theorie und Praxis manchmal meilenweit auseinander. Die einen Scythe zerbrechen fast an ihrer Aufgabe, während andere sie genießen und regelrecht zelebrieren.
Im ersten Teil der Trilogie macht der Autor seine Leser vertraut mit den Regeln der neuen „Weltordnung“, auch lernt er den umfangreichen Arbeitsauftrag der Scythe kennen und darf einige Blicke hinter die Kulissen werfen – und gelegentlich vor Schreck erstarren. Denn auch in der Ausbildung ihrer Lehrlinge klafft die Moral verschiedener Scythe wie eine Schere weit auseinander.
Rowan und Citra werden als Auszubildende zu Hütern des Todes bestimmt. Sie haben Glück, denn sie sind mit Scythe Faraday an einen Meister seines Fachs geraten. Die unvermeidlichen Aufgaben erledigt er gewissenhaft, mit viel Mitgefühl und trägt diese Art und Weise seines Praktizierens ebenso behutsam an seine Lehrlinge heran. Nach einem dramatischen Vorfall werden Rowan und Citra, zwischen denen sich eine zarte Bande zu entwickeln begonnen hat, getrennt. Citra setzt ihre Ausbildung bei Scythe Curie fort und lernt dort eine andere Art des verantwortungsvollen Umgangs mit der schweren Aufgabe kennen, während Rowan bei einem anderen Scythe unterkommt und dort das Grauen bei der Nachlese kennenlernt. Der Leser begleitet beide Lehrlinge auf ihrem Weg. Ich war immer hin und her gerissen zwischen Verständnis und Zustimmung seitens Citra und dem blanken Entsetzen, was Rowans Ausbildung betraf. Hoffte sehr, dass er sein freundliches Herz währenddessen nicht verfinstern würde und niemals aufhörte, den Gewissenskonflikt seines Tuns zu spüren.
Wie es sich für einen guten Roman gehört, fehlen auch hier Überraschungen, Wenden und eine überzeugende Entwicklungen der Charaktere mit all ihren Folgen nicht. „SCYTHE – Die Hüter des Todes“ endet mit einem tollen, klugen Schlussteil. Auch ein Cliffhanger darf nicht fehlen und der macht wirklich Lust auf die Fortsetzung!
Schnell waren mir die beiden Lehrlinge Citra und Rowan ans Leserherz gewachsen. So verschieden wie sie sich zunächst entpuppten, so ähnlich waren sie sich schließlich. Ich wünschte beiden, dass sie die Ausbildung unbeschadet überstehen würden, denn – so war es auferlegt worden – nur einer von ihnen sollte ins Scythetum berufen werden und den anderen Lehrling töten. Neben dem sowieso schon mitreißenden Grundthema war dies ein weiterer Spannungsbringer während der Lektüre. Nicht nur die beiden jugendlichen Protagonisten sind gut ausgearbeitet, auch die menschlichen Nebenfiguren und vor allem die Scythe selbst. Durch die Handlung an sich, Gespräche und auch Einblicke in Tagebucheinträge verschiedener Hüter des Todes bekommt man ein umfassendes Bild über die Aufgaben, das entsprechende Regelwerk und die verschiedenen Umgangsweisen mit dem Nachlesen.
Dieser Fantasyroman geht für mich über den reinen Unterhaltungswert weit hinaus. Neal Shusterman lädt seine Leser in seinem flott, flüssig und mitreißenden Stil erzählten Buch immer wieder zum Nachdenken ein. Ist unser so stark forcierter Fortschrittswille wirklich so sinnvoll? Ist es tatsächlich das Nonplusultra, Krankheiten und Tod zu besiegen? Unsere Erde kann schließlich nicht unbegrenzt vielen Menschen Lebensraum bieten.
Ist es wirklich so dramatisch wichtig, Allwissenheit zu erlangen? Gepaart mit Unsterblichkeit kann das schnell zu Langeweile und Unmut führen.
Macht Reichtum das Leben wirklich schöner? Kann es gut sein, im wahrsten Sinne des Wortes wunschlos glücklich zu sein? Wo bleibt der Anreiz, der Ansporn, wenn alles, wirklich alles, wie auf einem Silbertablett serviert wird?
Ist das wirkliche, ursprüngliche Leben nicht etwas ganz anderes? Spielt sich wahres Glück nicht auf einer ganz anderen Ebene ab? Ist nicht manchmal weniger mehr?
Viele Themen um Moral, Ethik, Schuld, Sinn und Unsinn des Lebens werden angeschnitten und brachten mich ziemlich oft ins Grübeln.
Schnell bestätigt sich auch die Erkenntnis, dass der Tod, so schlimm sich das anfühlt, zum Leben dazu gehört. Die Geburt beginnt den Kreis, das Sterben schließt ihn. Was hier Krankheit, Krieg, Alter oder höhere Gewalt bewirken, wird in Neal Shustermans Welt in die Hände der Scythe gelegt. Sie haben die Macht über die Menschen, aber zu welchem Preis für sich selbst und für die anderen?
Ich freue mich wahnsinnig auf die Fortsetzung, die in Kürze erscheint!
Allen Fantasyfreunden, die gute Unterhaltung mögen, sei dieser Auftaktband der Trilogie sehr ans Herz gelegt. Getragen von einer ungewöhnlichen Idee, die durch unser Fortschrittsstreben stellenweise bedrückend realistisch anmutet, und überzeugenden Charakteren, hat mich „Scythe – Die Hüter des Todes“ durchweg grandios und tiefgründig unterhalten.
Inhalt
Unsterblichkeit, Wohlstand, unendliches Wissen.
Die Menschheit hat die perfekte Welt erschaffen – aber diese Welt hat einen Preis.
Citra und Rowan leben in einer Welt, in der Armut, Kriege, Krankheit und Tod besiegt sind. Aber auch in dieser perfekten Welt müssen Menschen sterben, und die Entscheidung über Leben und Tod treffen die Scythe. Sie sind auserwählt, um zu töten. Sie entscheiden, wer lebt und wer stirbt. Sie sind die Hüter des Todes. Aber die Welt muss wissen, dass dieser Dienst sie nicht kalt lässt, dass sie Mitleid empfinden. Reue. Unerträglich großes Leid. Denn wenn sie diese Gefühle nicht hätten, wären sie Monster.
Als Citra und Rowan gegen ihren Willen für die Ausbildung zum Scythe berufen werden und die Kunst des Tötens erlernen, wächst zwischen den beiden eine tiefe Verbindung. Doch am Ende wird nur einer von ihnen auserwählt. Und dessen erste Aufgabe wird es sein, den jeweils anderen hinzurichten …
Übersetzt von Pauline Kurbasik, Kristian Lutze
Autor
Neal Shusterman, geboren 1962 in Brooklyn, USA, ist in den USA ein Superstar unter den Jugendbuchautoren. Er studierte in Kalifornien Psychologie und Theaterwissenschaften. Alle seine Romane sind internationale Bestseller und wurden vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem National Book Award.
Quelle: Fischer Verlage
Ich fand es auch einfach toll und beeindruckend und bin sehr auf die Fortsetzung gespannt 😊
Ich auch und es dauert ja auch nicht mehr lange. Ob die Fortsetzung an den ersten Teil heranreichen wird? Bin sehr gespannt!!
Hey,
ich lese den Roman gerade noch und bin ungefähr im letzten Viertel. Bisher gefällt er mir wirklich gut und ich habe erst gestern noch gerätselt, ob es dazu Fortsetzungen geben wird. Jetzt weiß ich mehr ;)
Liebe Grüße
Jasmin
Hallo Jasmin,
es ist eine Trilogie und wir haben zum Glück noch zwei Teile vor uns. ;-)
Liebe Grüße,
Heike
Würde das Buch nicht bereits bei mir liegen, hätte deine Rezension die Folgen eines Buchkaufes mit sich gebracht! Toll geschrieben und ich hoffe das mir das buch ebenso gefallen wird wie dir!
Liebe Janna, vielen Dank für deine lobenden Worte. Das Buch hat mich wirklich geflasht und ich bin sehr gespannt auf die Fortsetzung!
Viele Wochenendgrüße, Heike
Mensch Heike,
nun werde ich es doch auf meine Leseliste setzten (müssen)! Einige Zeit habe ich gezögert und gedacht, vielleicht ist es doch nur ein durchschnittliches Buch, aber nach deiner Rezi weiß ich, ich muss es definitiv lesen. Ich warte noch, bis Band 2 rauskommt. Dann kann ich gleich weitermachen. hihi
GlG, monerl
Liebes Monerl,
Geschmäcker sind ja verschieden, und vielleicht gibt es auch Leser, denen SCYTHE gar nicht gefällt, aber ich fand es grandios und bin nun sehr gespannt, was du dazu sagen wirst. :-)
Liebe Grüße, Heike
Hallo liebe Heike!
Wow, das hört sich ja richtig gut an! Bin ich froh, dass ich bei dem Buch nicht wiederstehen konnte und es schon zu Hause habe. Deine Rezension hat mir allerdings wieder einen Schups gegeben, dass ich „Scythe“ ja nicht zu lange auf meinem SuB rumliegen lassen sollte! Ich bin auf jeden Fall schon sehr gespannt auf die Geschichte und freue mich auch, dass ich mir dann gleich Band 2 zulegen kann, weil der erscheint ja jetzt schon bald. :) Ich wünsch dir jetzt schon viel Freude mit der Fortsetzung!
Liebste Grüße
Nina von BookBlossom
Liebe Nina,
in gut zwei Wochen erscheint die Fortsetzung und ich freue mich auch schon wahnsinnig darauf! Viel Spaß dir mit den beiden Büchern!
Liebe Grüße, Heike
Liebe Heike,
das klingt nach einen wirklich lesenswerten Buch! Danke für den Tipp, ich werde es mir merken. :)
Liebe Grüße
Nicole
Liebe Nicole,
es war bisher mein Highlight des Jahres und ich bin gespannt wie ein Flitzebogen auf die Fortsetzung. :-)
Liebe Grüße, Heike