*+* Ari Folman/ David Polonsky: „Das Tagebuch der Anne Frank“ (Graphic Diary) *+*

Anne Frank war ein jüdisches Mädchen, das einige Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg mit seiner Familie von Deutschland in die Niederlande auswanderte, um dem Holocaust zu entkommen. Aber der Wahnsinn griff auch dort um sich. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie versteckt in einem Hinterhaus. Ihre Jugend konnte sie nie genießen. Jeder Tag war damit angefüllt, die Launen ihrer „Mitgefangenen“ zu ertragen und die Hoffnung niemals sterben zu lassen. Anne ließ sich nicht unterkriegen. Das kluge, eigentlich lebensfrohe Mädchen hatte aber auch dunkle Flecken in ihrem Herzen – gezeichnet von ihrem verständlichen Unmut über die Situation und der Angst, trotz aller Bemühungen und Entbehrungen sterben zu müssen.
Ihr Innerstes vertraute Anne ihrem Tagebuch Kitty an – und dieses „Tagebuch der Anne Frank“ kennen viele. Selbst wer es nicht selbst gelesen hat, weiß, welches Schicksal das tapfere Mädchen ertragen musste.

Wer bisher vor diesem Werk zurückgeschreckt ist, weil es als zu umfangreich, ausführlich…. befürchtet wird, hat nun eine gute Alternative, Anne Franks Geschichte zu erleben. Denn diese Adaption als Graphic Diary setzt Annes Erzählung sehr anschaulich, einfühlsam und gefühlsstark um. Da, wo das Tagebuch berührt, geht diese Graphic Novel teilweise weiter, sie ging mir stellenweise tief unter die Haut. Ari Folman und David Polonskys Ziel war es, „den Geist Anne Franks in jedem einzelnen Bild zu bewahren.“ Sie haben ihr Ziel erreicht. Die Zeichungen sind gut gelungen in ihrer Art, die vielfältigen Stimmungen einzufangen. Aber auch die Inhalte des Tagebuchs des Mädchens sind gut umgesetzt. Der reifeprozess von Anne, die durch die menschenunwürdigen Entwicklungen direkt von der Kindheit ins Erwachensein springen musste, ist spürbar. Die Themen, die im Tagebuch immer wieder auftauchen, werden leicht verständlich umgesetzt. Hier muss man nicht denken, hier fühlt man – die Bilder treffen direkt ins Herz – zumindest bei mir – und lösen eine Vielzahl an Gefühlen aus.

Natürlich musste die Vorlage bei der Umsetzung stark gekürzt werden, und es kann nicht jedes kleinste Detail bedacht werden. Im Großen und Ganzen ist die Adaption sehr gut gelungen, lediglich an einigen Stellen hätte ich mir mehr Ausführlichkeit oder Tiefe gewünscht. Durch die Verknappung und leicht zugängliche Form des Themas durch die ansprechenden Zeichnungen, wird jedoch die Zielgruppe sicher deutlich stärker angesprochen als von der Printvorlage. Auch wenn nicht alles bis ins Kleinste in dieser Variante des Tagebuchs auftaucht, die Botschaft bleibt erhalten. Und sie erscheint für mein Empfinden in dieser Ausgabeform durch die gelungene Visualisierung gar noch effektiver.

Auch, oder gerade weil die Geschehnisse schon lange zurückliegen und wir aktuell ganz andere, ganz große Probleme haben, darf das Schicksal der Anne Frank, das stellvertretend für die schwarze Zeit unserer Geschichte steht, nie vergessen werden.

Ronja von der Bücherstöberecke hat sich ebenfalls mit diesem Graphic Diary auseinandergesetzt. (Link zur Rezension)

Inhalt
Anne Franks Tagebuch, weltbekannt und geliebt, liegt jetzt in einer völlig neuen Fassung vor: »Das Tagebuch der Anne Frank: Graphic Diary. Umgesetzt von Ari Folman und David Polonsky« ist eine einzigartige Kombination aus dem Originaltext und lebendigen, fiktiven Dialogen, eindrücklich und einfühlsam illustriert von Ari Folman und David Polonsky. Beide bekannt für ihr Meisterwerk »Waltz with Bashir«, das u.a. für den Oscar nominiert war. So lebendig Anne Frank über das Leben im Hinterhaus, die Angst entdeckt zu werden, aber auch über ihre Gefühle als Heranwachsende schreibt, so unmittelbar, fast filmisch sind die Illustrationen. Das publizistische Ereignis zum 70. Jahrestag der Erstveröffentlichung, autorisiert vom Anne Frank Fonds Basel.

Autoren
Ari Folman ist Filmregisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent. Er wurde 1962 als Sohn polnischer Holocaust-Überlebender in Haifa geboren. Als junger israelischer Soldat erlebte er 1982 den Ersten Libanonkrieg mit. Über die teils autobiographischen traumatischen Erlebnisse drehte er 2008 den animierten Dokumentarfilm »Waltz with Bashir«, der als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert wurde, den Europäischen Filmpreis und den César erhielt.

Anne Frank, am 12. Juni 1929 als Kind jüdischer Eltern in Frankfurt am Main geboren, flüchtete 1933 mit ihren Eltern nach Amsterdam. Nachdem die deutsche Wehrmacht 1940 die Niederlande überfiel und besetzte, 1942 außerdem Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung in Kraft traten, versteckte sich die Familie Frank in einem Hinterhaus an der Prinsengracht. Die Familie und ihre Mitbewohner wurden im August 1944 verraten und nach Auschwitz verschleppt. Anne Frank und ihre Schwester Margot starben infolge von Entkräftung und Typhus im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Ihr genauer Todestag ist nicht bekannt.

David Polonsky, geboren 1973 in Kiew, ist ein preisgekrönter Illustrator und Comiczeichner. Weltbekannt wurde er durch seine Zeichnungen für den Animationsfilm »Waltz with Bashir« und die gleichnamige Graphic Novel. Er unterrichtet an Israels angesehener Kunstakademie Bezalel in Jerusalem.
Quelle: Fischer Verlage 

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Über irveliest

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2 Antworten zu *+* Ari Folman/ David Polonsky: „Das Tagebuch der Anne Frank“ (Graphic Diary) *+*

  1. monerls schreibt:

    Liebe Heike,
    schön hast du dieses Buch in Worte gefasst! Es ist meine erste Graphic Novel und ich habe sie ganz bedacht ausgesucht. Meine Rezension ist noch nicht fertig. Aber ich hoffe, dass ich auch so besondere Worte finde sie zu beschreiben, um sie anderen schmackhaft zu machen.
    GlG vom monerl

    • irveliest schreibt:

      Liebes Monerl,
      Graphic Novels lese ich auch nicht sehr oft. Ich finde es gut, dass das Tagebuch derart umgesetzt wurde, um eine andere Zielgruppe auf das Thema ansprechen zu können.
      Liebe Grüße, Heike

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