*+* Leigh Bardugo: „Das Lied der Krähen“ *+*

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Kaz hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Durch einschneidende Erlebnisse in seiner Kindheit geprägt, erkennt er schnell, dass nur die härtesten Hunde durchkommen und ihr Ziel erreichen. Er taucht ein in die Bandenwelt Ketterdams und durch seine Art und Weise, den Widrigkeiten des Lebens zu trotzen und seine erlernte Kaltschnäuzigkeit, die ihn wie eine unüberbrückbare Festung ummantelt, macht ihm so schnell keiner mehr etwas vor. Wenn es um schwierige Aufträge geht, kommt man nicht an ihm vorbei. Als Kaz ein überaus lukratives Angebot erhält, nimmt er es an – wohl wissend, dass dessen Erfüllung eher Wunschdenken ist als der Realität zu entsprechen. Scheitern und Tod scheinen vorprogrammiert. Jedoch ist die Gier größer als die Angst und so macht er sich mit seinem Team auf, das Unmögliche möglich zu machen.

Sechs Außenseiter mit unterschiedlichsten Motiven, sechs Antihelden, die ich zunächst kaum einschätzen konnte, erleben also ihr bisher größtes Abenteuer. Mit diesem Buch verbrachte ich unverhältnismäßig lange Zeit. Vor allem zu Beginn der „richtigen“ Geschichte, hatte ich große Schwierigkeiten, in das Geschehen hineinzufinden. Der Prolog, klar und umfassend zugleich, machte Lust auf mehr von diesem Handlungsstrang. Jedoch diente er lediglich dazu, dem Leser das Motiv des Auftraggebers vor Augen zu führen. Sobald das Buch bei Kaz ansetzt, verliert sich die Autorin, deren ausufernder, detaillierter Stil mir prinzipiell sehr gut gefiel, häufiger in belanglosen Nebensächlichkeiten und verwirrte mich damit. So wird der Leser anfangs mit sehr vielen Figuren konfrontiert, die unrelevant für die eigentliche Geschichte sind, sodass ich hier, aber auch später hin und wieder an anderer Stelle, den roten Faden verlor.

Prinzipiell konnte ich dem Buch aber gut folgen. Je mehr die Beziehungsgeflechte der einzelnen Antihelden untereinander als auch zu anderen Handlungsträgern oder Hintergrundpersonen zutage traten, umso mehr ließ sich die Geschichte durchschauen, was sie an manchen Stellen leider auch vorhersehbar werden ließ. Dass dadurch einige überraschende Knalleffekte nicht mehr ganz so laut und bunt ausfielen, war aber nicht schlimm. Denn das wird durch einen dichten, wild gemusterten Teppich aus Erzähltempo, Ideenreichtum und Handlungsvielfalt ausgeglichen.

Der größte Pluspunkt sind für mich jedoch die Charaktere. Sie sind wirklich toll gelungen – liebevoll und intensiv kreiert, haben eine Menge Tiefgang zugeschrieben bekommen, stecken voller Stärken und Schwächen. Anfangs haftete ihnen allen etwas Geheimnisvolles an, und das zu Recht. Denn nach und nach schärft die Autorin die Profile iher Handlungsträger und beschert dem Leser dadurch so manche kleine Überraschung. Das Kopfkino bekommt durch diese charakterlichen Wenden viel Input und die Gedanken kreisten bei mir immer wieder um die sich bietenden Möglichkeiten für den weiteren Verlauf der Geschichte.

Auch die unglaublich kreative, eigensinnige, aber sehr stimmige Welt mit ihren eigenen Gesetzen hat mich immer wieder in Erstaunen versetzt. Schon allein der Name des Sitzes der „Krähen“, Ketterdam, lässt an Schauplätze wie Rotterdam und Amsterdam denken und diese gedankliche Anlehnung verlieh meiner Phantasie Flügel und stimmte mich erwartungsvoll auf ein tolles Abenteuer ein.

Das bekam ich dann auch. Jedoch war das Lesevergnügen für mich persönlich nicht ganz ungetrübt. Die Bausteine der Geschichte sind sowohl hervorragend als auch herausragend, ebenfalls ist deren Komposition gut gelungen. Durch die stellenweise sehr hohe Komplexizität und Verschachtelung – es werden auch immer wieder Blicke in die Vergangenheit geworfen – konnte ich nicht immer so gut folgen, wie ich es gerne tue. Diese Verstrickungen werden zunehmend entwirrt, wodurch die Geschichte stückweise mehr Klarheit bekommt. Durch den großen inhaltlichen Umfang gilt es aber auch, viele Informationen zu bewahren, um letzten Endes wirklich alles verstehen zu können. Aufmerksames Lesen ist wichtig. Für den zweiten Teil der Krähen-Reihe wünschte ich mir einen klugen, feinen Rückblick auf diesen Auftaktband, um von Anfang an wieder im Bilde zu sein 😉
Trotz meiner kleinen Kritikpunkte möchte ich „Das Lied der Krähen“ eingefleischten Fantasy-Lesern und Freunden guter Ideen fernab des Mainstream sehr ans Leseherz legen.

Inhalt
Ketterdam – pulsierende Hafenstadt, Handelsmetropole, Tummelplatz zwielichtiger Gestalten: Hier hat sich Kaz Brekker zur gerissenen und skrupellosen rechten Hand eines Bandenchefs hochgearbeitet. Als er eines Tages ein Jobangebot erhält, das ihm unermesslichen Reichtum bescheren würde, weiß Kaz zwei Dinge: Erstens wird dieses Geld den Tod seines Bruders rächen. Zweitens kann er den Job unmöglich allein erledigen …
Mit fünf Gefährten, die höchst unterschiedliche Motive antreiben, macht Kaz sich auf in den Norden, um einen gefährlichen Magier aus dem bestgesicherten Gefängnis der Welt zu befreien. Die sechs Krähen sind professionell, clever, und Kaz fühlt sich jeder Herausforderung gewachsen – außer in Gegenwart der schönen Inej …
Übersetzt von Michelle Gyo.

Autorin
Leigh Bardugo wurde in Jerusalem geboren und wuchs in Los Angeles auf. Nach Stationen im Journalismus und im Marketing kam sie schließlich als Special Effects-Designerin zum Film. Leigh lebt und schreibt in Hollywood.
Quelle: Droemer Knaur Verlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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Eine Antwort zu *+* Leigh Bardugo: „Das Lied der Krähen“ *+*

  1. Liebe Heike,
    mir hat dieses Buch unheimlich gut gefallen und warte schon gespannt auf den zweiten Band! 🙂
    Da würde ich mir zu Anfang auch einen kleinen Rückblick wünschen, da die Geschichte und ihre Figuren sehr umfangreich sind. Die Charaktere fand ich auch sehr gut ausgearbeitet und die Story hat mich von Anfang an gepackt.
    Schön, dass dir die Geschichte trotz kleiner Kritikpunkte gut gefallen hat. 🙂

    Liebe Grüße
    Nicole

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