*+* Frank Goldammer: „Tausend Teufel“ (HÖRBUCH) *+*

.

.
Wir schreiben das Jahr 1947, der Zweite Weltkrieg hat vor zwei Jahren sein Ende gefunden. Dennoch leben die Menschen auch jetzt noch in Knappheit. Es mangelt an allem. Die medizinische Versorgung ist für die Normalbevölkerung auf ein Minimum zwangsreduziert, auch in der Ernährung herrschen Not und Mangel. Die kriminalistischen Möglichkeiten sind für Oberinspektor Heller ebenfalls sehr reduziert. Dabei gilt es gerade jetzt, ein sehr kompliziert verstricktes, umfangreiches Verbrechen aufzuklären. Nicht nur die technischen Möglichkeiten sind begrenzt, auch die Unterstützung der Führung in der sowjetischen Besatzungszone ist nicht so wie man es sich wünschen würde. Fast glaubt man, die Verantwortlichen torpedierten das Unterfangen der neugegründeten Volkspolizei.

Denn kaum ist Max Heller am Tatort in der Dresdner Neustadt angekommen, wird auch schon die Leiche weggeschafft. Dafür findet sich aber ein weiteres Corpus Delicti: Ein abgetrennter Kopf in einem Rucksack, dessen Besitzer es nun neben der Identifizierung des Kopfes zu ermittleln gilt.
Für Heller wird diese Arbeit schwer, denn wo auch immer er gräbt, stößt er auf eine Wand aus Korruption und Verleugnung. Er weiß lange Zeit ebenso wenig wie der Hörer, welche der involvierten Personen – russisch wie deutsch – die Wahrheit sprechen und wer ihm eine Rolle vorspielt. Wie hängen die Verbrechen zusammen, wer steht mit wem in welcher Beziehung, wer treibt ein falsches, egoistisches Spiel und wer gehört zu den Guten, die nicht nur an sich sondern wirklich an die anderen denkt und ehrlich ist?

„Es brauchte nicht viel, damit ein Mensch jeglichen Anstand verlor.“

Und von den „anderen“ gibt es so viele. Wer nicht freiwillig in „die Partei“ eintritt, um sich dadurch Vorteile zu verschaffen, hat es schwer im Alltag. Man kann es sich heutzutage nur schwerlich vorstellen, welche Voraussetzungen im Nachkriegsdeutschland herrschten, welche Steine einem im Weg lagen. Unser „Rundum-Sorglos-Paket“ – ein warmes Dach über dem Kopf, ausreichend Kleidung, Strom, abwechslungsreiche und bezahlbare Nahrung, gute medizinische Versorgung und vieles mehr – gab es damals nicht. Frank Goldammer hat eindringlich, bedrückend und mir sehr nahe gehend die damaligen Zustände beschrieben. Wie es ist, stundenlang für ein Stück Brot anzustehen, nur um anchließend zu hören, dass die Vorräte erschöpft seien, während die „Gleicheren“ in Saus und Braus leben. Wie es ist, lebensgefährlich erkrankt zu sein und keinen Zugang zur heilenden Medizin haben – es sei denn, man hat Beziehungen. Meine Hochachtung vor dem Otto Normalverbraucher der damaligen Zeit ist während des Hörens sehr gestiegen.

Zumal mir der Hauptcharakter Max Heller, den ich schon im ersten Teil sehr mochte, noch mehr ans Buchherz gewachsen ist. So sympathische, aufrechte, einfühlsame und fürsorglichen Menschen gab und gibt es nicht so häufig. Aber auch seine Frau Karin, die ihm in Nichts nachsteht, konnte mich erneut für sich gewinnen. Die neuen Figuren, die in diesem zweiten Teil der Kriminalreihe auf den Plan treten, können es zwar nicht mit den Hellers aufnehmen, aber auch sie sind sehr gut gezeichnet und ausgearbeitet. Nach und nach wird klar, wer wie tickt und welche Interessen vertritt, sowohl bei den Guten als auch bei den Teufeln. Und diese finden sich, was mich am meisten erschreckt und beunruhigt hat, nicht nur seitens der russischen Besatzungsmacht. Es ist schlimm, wie wenig vernünftig und lernfähig manche Menschen sind – und das zieht sich bekanntlich leider bis in die Gegenwart hinein.

„Leute wie sie wollten einfach nicht verstehen, wer dieses Land in den Untergang getrieben hatte. Sie sahen nicht, dass es auch sie selbst gewesen waren, und sie waren ja nicht verschwunden. Im Gegenteil, sie tauchten plötzlich alle wieder auf und bekleideten hohe Anteile und wichtige Posten.“

Der Autor hat einen grandiosen Kriminalroman erschaffen, der auf beeindruckende Weise die geschilderten Verbrechen mit den geschichtlichen Hintergründen des frühen Nachkriegsdeutschlands verknüpft.
Er erzählt flüssig, lebhaft und in bedrückten und dennoch hoffnungsvollen Farben vom Alltag der Menschen und den umfassenden Kriegsfolgen, unter denen sie zu leiden haben. Er zeigt aber auch auf, warum es so leicht war, Mitglieder für die Partei zu gewinnen und erfolgreich zu bestechen, denn es gab nur allzu viele Menschen ohne Rückgrat – vor allem unter diesen schwierigen Bedingungen ist manchen jedes Mittel recht, nur um einen Vorteil verbuchen zu können.
Auch Dresden als Schauplatz bekommt einen würdigen Platz im Roman, denn immer wieder lässt der Autor eine gute Portion Lokalkolorit einfließen, wenn er geschickt Sehenswürdigkeiten und den damaigen Zustand der Stadt in die Handlung einknüpft.

„Tausend Teufel“ ist ein gelungener historischer Kriminalroman, der spannend, lebendig, schonungslos und einfühlsam zugleich die Gratwanderung der Gerechtigkeit beschreibt – eine tolle Dokumentation des frühen Nachkriegsdeutschlads im Kriminalgewand! Sehr empfehlenswert!

Mit Heikko Deutschmann als Sprecher hat der Verlag ein glückliches Händchen bewiesen. Denn er liest derart mitreißend und eindrucksvoll, dass ich das Gefühl hatte, einem Zeitzeugen zu lauschen und nicht jemandem, der ein Buch vorliest! Ganz großes Kino für die Ohren!

Zu diesem Buch hat die #TausendTeufelTour stattgefunden. Sieben interessante Beiträge haben die Thematik des Kriminalromans aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. <<HIER>> findet ihr alles rund um die Tour, Links und Infos zum Gewinnspiel!
Ich wünsche euch viel Spaß beim Stöbern und viel Glück, falls ihr mitmacht <3

Inhalt
Dresden, 1947: Im zweiten Jahr nach Kriegsende gehört die Stadt zur sowjetischen Besatzungszone und ist nach wie vor eine Trümmerwüste. Im klirrend kalten Winter wird das Leben beherrscht von Wohnungsnot, Hunger und Krankheiten. Kriminalinspektor Max Heller wird von der neu gegründeten Volkspolizei an einen Tatort in der Dresdner Neustadt gerufen. Doch bevor er mit den Ermittlungen beginnen kann, wird der tot aufgefundene Rotarmist vom Militär weggeschafft. Zurück bleiben eine gefrorene Blutlache und ein herrenloser Rucksack, in dem Heller eine grauenhafte Entdeckung macht: den abgetrennten Kopf eines Mannes.

Autor
Frank Goldammer, 1975 in Dresden geboren, ist Maler- und Lackierermeister. Mit Anfang 20 begann er zu schreiben, verlegte seine ersten Romane im Eigenverlag und schrieb drei erfolgreiche Regionalkrimis über Dresden und Umgebung. Er ist alleinerziehender Vater von Zwillingen und lebt mit seiner Familie in Dresden.

Sprecher
Heikko Deutschmann wurde 1962 in Innsbruck/Österreich geboren. An der Berliner Hochschule der Künste absolvierte er von 1981 bis 1984 sein Schauspielstudium und studierte 1997/98 an der Drehbuchakademie der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB).
Quelle: Der Audio Verlag

Merken

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
Dieser Beitrag wurde unter Der Audio Verlag, Hörbücher, Heikko Deutschmann, Krimis abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu *+* Frank Goldammer: „Tausend Teufel“ (HÖRBUCH) *+*

  1. tinaherrlich schreibt:

    Liebe Heike,

    mit deiner Rezi hast du jetzt echt mein Interesse für das (Hör-)Buch geweckt. :-) Eigentlich lese bzw. höre ich im Moment nicht viele Krimis, aber dieser hört sich aufgrund der Thematik – Nachkriegszeit in Dresden – sehr, sehr interessant an. Werde ich mir also merken. :-)

    Herzliche Grüße von Tina

  2. Christina P. schreibt:

    Bereits den ersten Teil, „Der Angstmann“, hörte ich schon als Hörbuch und war fasziniert, wie gekonnt der Sprecher die Atmosphäre aufbaute. So, wie du dies Hörbuch hier beschreibst, wird der zweite Teil wohl auch wieder ein Hörbuch werden.

  3. Liebe Heike,

    dieses Buch ist mir in der letzten Zeit häufiger über den Weg gelaufen – nun konnte ich mir endlich mal einen ausführlichen Einblick verschaffen. Was du schreibst, klingt ganz nach einem lesenwerten Krimi mit speziellem geschichtlichen Hintergrund. Ich werde es mir mal merken. :)

    Liebe Grüße
    Nicole

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.