*+* Chigozie Obioma: „Der dunkle Fluss“ *+*

„Mutter war eine Falknerin. Die, die auf dem Hügel stand und aufpasste und versuchte, alles Schlechte von ihren Kindern abzuwehren. Sie hatte Kopien unserer Gedanken in ihrem Kopf und roch daher Angst schon von weitem, so wie Seeleute die ersten Anzeichen eines herannahenden Sturms erkennen.“

Der Erzähler Benjamin lebt mit seinen Geschwistern und Eltern in Akure, einer Stadt im Südwesten Nigerias. Das Leben ist hart. Vater und Mutter arbeiten beide, die Söhne im Kindes- und jungen Jugendalter sind sich oft selbst überlassen. Die Erziehung funktioniert überwiegend durch die große Autorität des Vaters, respektive der Angst der Jungen vor seinen schmerzvollen Strafen bei Missachtung der starren Regeln. Er will nur das Beste für seine Kinder, überschreitet dabei nach europäischem Gefühl aber oft seine Kompetenzen. Als der Vater „nach Yola versetzt wird, das im Norden lag, einen Kamelritt von mehr als tausend Kilometern entfernt“, ist schon bald spürbar, dass das familiäre Gefüge massiv aus dem Gleichgewicht kippt. Gelegentlich kehrt der Vater zwar zum Wochenende oder für ein paar freie Tage zur Familie zurück, aber diese kurzen Phasen reichen bei weitem nicht, um seine Söhne im Zaum zu halten. Die Mutter verliert zunehmend die Kontrolle, sie tanzen ihr immer mehr auf der Nase herum, missachten des Vaters Regeln. Als die Jungen trotz ihres Verbots im nahelegenen Fluss fischen, nimmt das Unglück seinen Lauf.

„Wenn eine Mauer nicht den Mund aufmacht und keine Risse kriegt, dann kommen auch keine Eidechsen rein.“

Den Fluss umwabert eine unheilvolle Aura an, die um sich greift und die Geschwister in ihre Klauen bekommt. Sie verfallen dem Fluss, durch ihre Fänge fühlen sie sich machtvoll und unbesiegbar. Die geangelten Fische jedoch sind nicht Vorboten von Erfolg und großer Freude, sondern von Unglück und tiefer Sorge. Die Familie rast einer Todesspirale gleich in eine dramatische Tragödie. Versucht man, diese nachvollziehen, darf man sicher nicht unser europäisches Denken und Fühlen anwenden. Denn die afrikanische Art und Weise, das Verhalten der Menschen, die Gründe, Ursachen und Folgen ihrer Taten zu behandeln, läuft auf ganz anderen Ebenen ab. Hier haben Glaube (ganz und gar nicht vergleichbar mit unserem), Aberglauben, Legenden, Mythen und Visionen einen viel größeren Einfluss auf das Leben der Menschen als bei uns.

Fühlte sich das Lesen zu Beginn noch an, als hätte ich lediglich einen interessanten, unterhaltsamen Roman vor mir, so ergänzte ich meine Eindrücke im weiteren Verlauf um ergreifend, beeindruckend, höchstdramatisch und fesselnd – die Schlinge des Unheils zog sich langsam aber sicher um Bens Familie und auch mir schnürte sie immer wieder die Luft ab, zu unglaublich, zu intensiv waren die Schilderungen, zu fassungslos machte mich das Geschehen. Chigozie Obioma schreibt flüssig und verwendet dabei ganz individuelle Sprache und Stil. Er erzählt chronologisch aus Sicht des Sohnes Benjamin den dramatischen Verlauf, dem seine Familie unterworfen ist, seitdem der Vater an seinen weit entfernten Arbeitsplatz versetzt wurde. Dabei blickt er jedoch hin und wieder zurück auf die Zeiten, als seine kleine Welt noch heil war, wodurch der Leser ein immer komplexeres und vollständigeres Bild der Familie selbst, aber auch der Gepflogenheiten des Landes im Allgemeinen und seiner Gegend im Speziellen bekommt.

„Hass ist ein Blutegel. Das Ding, das sich an der Haut festsaugt, sich von den Menschen ernährt und ihnen die Lebenskraft raubt. Er verändert einen und verschwindet erst, wenn er einem den letzten Tropfen Frieden ausgesaugt hat. Er klebt an der Haut wie ein Blutegel, der sich immer tiefer in die äußere Hautschicht bohrt, und wenn man ihn abnehmen will, reißt man automatisch ein Stück Fleisch mit raus. Ihn zu töten ist Selbstgeißelung.“

Trotz der dramatischen Entwicklungen kann sich das Setting wunderbar entfalten. Wir erleben hier aber nicht das Afrika mit seinen Safaris und wilden Tieren, Abenteuer und Freiheit, an das man unweigerlich zunächst denkt, denn diesem Roman wird ein ganz anderes Afrika präsentiert. Ebenfalls ausgestattet mit einer prachtvollen Kulisse, der wilden Natur und ihren unbeeindruckbaren Gegebenheiten. Wir erleben ein Afrika, das geprägt ist von seinen teilweise ungezähmten Traditionen und Verhältnismäßigkeiten, die das Leben einfacher Familien manchmal bis in ihre tiefsten Strukturen hinein in ein Korsett zwingt und den Freiheitsgedanken der Einzelnen beschneidet.

Inhalt
Benjamin und seine Brüder leben in der Nähe eines gefährlichen Flusses. Als ihr Vater die Familie verlassen muss, verstoßen sie gegen sein Verbot, sich dem Gewässer zu nähern. Die Fische, die sie dort fangen, sind Vorboten einer Tragödie. Ein faszinierendes Familiendrama und eine sprachmächtige Fabel über das Schicksal Nigerias. Von Afrikas neuem großen Erzähler, übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner

Autor
Chigozie Obioma, 1986 in Nigeria geboren, studierte Englisch, Literatur und Kreatives Schreiben auf Zypern und an der University of Michigan. Sein Debüt »Der dunkle Fluss« wurde in 25 Sprachen übersetzt. Der gefeierte Roman gewann zahlreiche Literaturpreise und stand auf der Shortlist des Man Booker Prize.
Quelle: Aufbau Verlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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3 Antworten zu *+* Chigozie Obioma: „Der dunkle Fluss“ *+*

  1. Wow – das möchte ich unbedingt lesen

  2. monerl schreibt:

    Liebe Heike,
    dieses Buch steht schon länger auf meiner WuLi und ich freue mich sehr, dass es dich so in seinen Bann ziehen konnte! Über Afrika (den südlichen Teil), vernab von Safaris, wie du es auch beschreibst, habe ich nämlich noch nicht so viel gelesen.
    GlG vom monerl

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